Politik

EU scheut Rosatom-Sanktionen"Projekte mit russischer Atomenergie stellen ein Sicherheitsrisiko dar"

24.08.2026, 16:17 Uhr verstlInterview: Lea Verstl
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14-12-2018-Niedersachsen-Lingen-Blick-auf-ein-Zugangstor-vom-Werk-der-Framatome-Advanced-Nuclear-Fuels-GmbH-Das-Werk-der-Framatome-Tochter-Advanced-Nuclear-Fuels-GmbH-ANF-fertigt-Brennelemente-fuer-Druckwasser-und-Siedewasserreaktoren-von-Atomkraftwerken-In-der-Brennelementefabrik-war-am-06-12-2018-ein-Feuer-ausgebrochen
Der französische Atomenergiekonzern Framatome setzt auf Kooperation mit den Russen - die Argumente dafür seien nur auf den ersten Blick plausibel, sagt Kardaś. (Foto: picture alliance/dpa)

Nicht nur Ungarn setzt weiter auf russische Nuklearenergie. Auch Frankreich startet eine neue Zusammenarbeit mit Rosatom - im niedersächsischen Lingen. Dass die EU bislang Sanktionen im Nuklearbereich scheut, sei auf mehreren Ebenen riskant, sagt Experte Szymon Kardaś.

ntv.de: Der russische Atomenergiekonzern Rosatom spielt eine tragende Rolle bei der Besetzung des ukrainischen Kernkraftwerk Saporischschja und ist strategisch bedeutsam für den russischen Einfluss im internationalen Nuklearsektor. Warum hat die EU bislang trotzdem auf umfassende Sanktionen gegen Rosatom verzichtet?

Szymon Kardaś: Die Gründe erinnern an jene, als es 2022 in Brüssel um die Sanktionen gegen russisches Erdgas ging. Viele EU-Staaten sind im Nuklearbereich weiterhin stark von Russland abhängig. In der EU arbeiten noch 19 oder 20 Reaktoren sowjetischer beziehungsweise russischer Bauart. 16 davon sind ältere Anlagen, die auf russischen Brennstoff angewiesen sind. Gerade für diese Reaktoren ist es schwieriger, alternative Brennelemente zu finden und zuzulassen.

Worin genau besteht die Abhängigkeit?

Nach den jüngsten verfügbaren Daten aus dem Jahr für 2022 lieferte Russland rund 16 Prozent des in die EU eingeführten Urans. Noch entscheidender ist aber die Anreicherung: Russland stellte 2025 rund 23 Prozent der Urananreicherungsleistungen für die EU bereit. Ersatz dafür zu finden, ist deutlich schwieriger, als alternative Uranlieferanten zu suchen. Uranerz könnte vergleichsweise mühelose ersetzt werden, beispielsweise aus Kasachstan oder Usbekistan. Auch die Ukraine hat riesiges Potenzial, künftig eine große Rolle bei europäischer Atomenergie zu spielen.

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Szymon Kardaś forscht im Warschauer Büro des European Council on Foreign Relations (ECFR) zu den geopolitischen Folgen der Neuausrichtung europäischer Energiepolitik. Zudem ist er Dozent an der Fakultät für Politikwissenschaft und Internationale Studien der Universität Warschau. Zuvor arbeitete Kardaś unter anderem in der Russland-Abteilung des Zentrums für Oststudien in Warschau. (Foto: Szymon Kardaś/ECFR)

Spielt die Ukraine bislang keine Rolle?

In einem gewissen Umfang wird bereits zusammengearbeitet. Für eine umfassende Kooperation im Nuklearsektor müssen die Europäer aber auf ein Ende oder zumindest ein Einfrieren des Krieges warten. Die Ukraine könnte künftig erheblich zur europäischen Energiesicherheit beitragen - nicht nur durch Kernkraftwerke und Uranlieferungen, sondern auch durch ihre Gasvorkommen und den Ausbau erneuerbarer Energien. Derzeit beeinträchtigen die russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur dieses Potenzial jedoch erheblich.

Welche Länder in der EU sind besonders darauf bedacht, die Kooperation mit Russland bei der Atomenergie weiterzuführen?

Ungarn ist zumindest theoretisch weiterhin daran interessiert, mit Rosatom neue Reaktorblöcke im Kernkraftwerk Paks zu bauen. Das zwischenstaatliche Abkommen stammt aus dem Jahr 2014. Das Projekt Paks II hatte schon vor dem Krieg in der Ukraine Probleme - bei der Finanzierung, Vergabe- und Rechtsfragen sowie bei der Vereinbarkeit mit EU-Regeln. Die neue Regierung unter Péter Magyar hat die Pläne nicht aufgegeben, will die Umsetzung aber überprüfen. Solange Ungarn an diesem Projekt festhält, ist das ein politisches Hindernis für weitreichende Rosatom-Sanktionen.

Wie geht Brüssel mit diesem Problem um?

Die Kommission kennt die Abhängigkeiten und die daraus resultierende Zurückhaltung vieler Mitgliedstaaten. Sie wollte bereits im Mai 2025 konkrete Maßnahmen vorlegen, um russische Kernenergie schrittweise aus dem EU-Energiesystem zu verdrängen. Im August 2026 liegt aber noch immer kein Vorschlag auf dem Tisch. Das erinnert an die Gasdebatte von 2022. Erst als Russland seine Lieferungen drosselte, war die EU gezwungen, Alternativen zu suchen. Inzwischen gilt eine Regelung, die den schrittweisen Ausstieg aus russischem Gas bis Herbst 2027 vorsieht. Bei der Kernenergie fehlt ein vergleichbarer politischer Impuls bislang.

Stellt nur Ungarn sich quer, wenn es um Sanktionen gegen russische Atomenergiekonzerne geht?

Zumindest plant ausschließlich Ungarn weiterhin den Bau neuer großer Reaktorblöcke mit Rosatom auf Grundlage russischer Technologie. Finnland hatte ein vergleichbares Projekt nach Beginn der russischen Invasion in die Ukraine abgesagt. Helsinki importiert zwar noch russischen Kernbrennstoff, will diese Abhängigkeit aber beenden. Der Kreis der Länder, die einen schnellen und harten Kurs gegen Rosatom in Brüssel bremsen könnten, ist aber deutlich größer als nur Ungarn.

Welche Länder gehören dazu?

Die Slowakei hat zwar Verträge mit alternativen Lieferanten, hält aber russische Brennstoffverträge weiterhin aufrecht und hat sie teilweise verlängert - nach öffentlichen Informationen bis 2030 oder 2032. Tschechien arbeitet an Alternativen und hat Verträge mit dem US-Atomenergiekonzern Westinghouse abgeschlossen. Diese sollen aber erst in den kommenden Jahren vollständig greifen. Auch Frankreich ist ein Problemfall.

Warum?

Frankreich ist bei der Urananreicherung überdurchschnittlich abhängig: Nach offiziellen EU-Daten lag der russische Anteil 2025 bei 39 Prozent, deutlich über dem EU-Durchschnitt. Französische Unternehmen hatten schon vor dem Krieg Kooperationsvereinbarungen mit Rosatom und wollten die Zusammenarbeit auch bei Projekten in Drittstaaten ausbauen. Speziell in Frankreich gibt es einen Konflikt zwischen kommerziellen Einzelinteressen und dem strategischen Ziel der EU, russische Energie vollständig zu ersetzen. Die Zusammenarbeit von Framatome und Rosatom in Deutschland ist ein Beispiel dafür…

… denn der französische Atomenergiekonzern Framatome will im niedersächsischen Lingen Brennelemente für Reaktoren sowjetischer Bauart herstellen. Dafür kooperiert er mit der Rosatom-Tochter TVEL.

Aus meiner Sicht ein Schritt in die falsche Richtung. Das politische Ziel von 2022, russische Energie vollständig aus dem EU-System zu verdrängen, ist richtig. Russland hat Energieversorgung als politisches Druckmittel eingesetzt. Die Vorstellung, engere Energiebeziehungen würden Russland berechenbarer machen oder von aggressiver Politik abhalten, ist 2022 endgültig gescheitert. Russland war bereit, erhebliche wirtschaftliche Einnahmen aus seinem wichtigsten Energiemarkt zu gefährden, um politische Ziele durchzusetzen. Deshalb sollte die EU beim Ausstiegskurs bleiben.

Mit welchen Argumenten hält Frankreich im Rat dagegen?

Frankreich argumentiert scheinbar pragmatisch: Gemeinsam mit Rosatom soll Framatome in Lingen Brennstoff produzieren für Reaktoren, die bislang ausschließlich direkt aus Russland beliefert werden. Langfristig wolle man von dem russischen Know-how lernen und dadurch Moskau als Lieferanten ersetzen. Auf den ersten Blick klingt das plausibel.

Ist es aber nicht?

Mittelfristig untergräbt das Projekt in Lingen nicht nur die strategischen Ziele der EU. Es gibt auch erhebliche Sicherheitsbedenken. Rosatom hatte bei großen Reaktorprojekten wiederholt Probleme. Verzögerungen und technische Schwierigkeiten gab es etwa beim Bau eines Atomkraftwerks in Belarus. Und durch das Projekt werden die Verbindungen zu Russland in einem sensiblen Bereich vertieft. Niemand weiß, welche politische Stimmung in Europa nach einem Kriegsende oder einem eingefrorenen Konflikt in der Ukraine herrschen würde. Wenn eine Zusammenarbeit im Nuklearbereich erst einmal funktioniert und wirtschaftlich attraktiv erscheint, könnten Forderungen nach einer Rückkehr zur Kooperation auch bei Gas und Öl folgen.

Und das wäre falsch?

Das wäre ein erhebliches Risiko. Die Alternative besteht darin, vorhandene europäische Kapazitäten auszubauen - insbesondere bei der Urananreicherung. Unternehmen wie der britische Konzern Urenco werden aber nur investieren, wenn sie ein klares politisches Signal bekommen, dass die EU Rosatom und seine Tochterfirmen tatsächlich ersetzen will. Ein solches Signal fehlt, wenn die EU einerseits den Ausstieg aus russischer Energie ankündigt und andererseits neue Projekte zwischen französischen und russischen Unternehmen in Deutschland zulässt.

Der Know-how-Transfer mit Rosatom funktioniert bei gemeinsamen Projekten mit EU-Staaten in beide Richtungen. Könnte Rosatom dabei nicht auch Einblicke in europäische Infrastruktur gewinnen? Und ist das nicht gefährlich?

Doch, Projekte mit russischer Atomenergie stellen ein Sicherheitsrisiko dar. Wir wissen nicht, ob Rosatom oder seine Tochtergesellschaften solche Möglichkeiten bisher genutzt haben. Aber Russland betrachtet den Westen, der die Ukraine unterstützt, laut eigenen offiziellen Dokumenten als feindlichen Block.

Was bedeutet das in der Praxis mit Blick auf die Rosatom-Projekte?

Moskau wird alle verfügbaren Mittel einsetzen, um Europas Widerstandsfähigkeit im Energiesektor zu schwächen. Und Moskau wird jede Gelegenheit nutzen, um Zugang zu Technologien und Know-how zu erhalten - möglicherweise auch für militärische Zwecke. Gerade weil die Nuklearbranche ein besonders sensibler Bereich ist, sollte Europa seine Verbindungen zu Russland diesbezüglich nicht weiter vertiefen. Diese Kooperation könnte auf eine Weise gegen uns genutzt werden, die wir heute noch nicht vorhersehen können.

Was wäre nötig, um Europa unabhängiger von Rosatom zu machen?

Notwendig sind drei Dinge: Erstens müssen die Investitionen in europäische Kapazitäten für Verarbeitung und Urananreicherung aufgestockt werden. Zweitens müssen die Europäer auf eine stärkere Diversifizierung bei Brennstofflieferanten hinarbeiten. Mehrere bisher von Russland abhängige Länder haben bereits Verträge mit Westinghouse und Framatome abgeschlossen. Diese Verträge sollten in den kommenden Jahren greifen - etwa in Tschechien, der Slowakei und Finnland. Drittens sollten Europäer bei der Lieferung von Uranerz enger mit anderen Staaten wie Kasachstan oder Usbekistan zusammenarbeiten. Bislang fehlt in einigen EU-Mitgliedstaaten aber offenbar der Wille, eindeutige Signale in die richtige Richtung zu senden.

Mit Szymon Kardaś sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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