Politik

Sorge vor dem 11. September Provokation verdrängt stilles Gedenken

Die Empörung über eine geplante Koran-Verbrennung und weitere provokante Aktionen am Jahrestag der Anschläge vom 11. September in den USA wächst: Regierung, Militär und Kirche verurteilen die Aktionen. NATO-Generalsekretär Rasmussen warnt sogar vor "schwerwiegenden Folgen".

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Eine US-Fahne in den Trümmern des World Trade Centers.

(Foto: REUTERS)

Seit den Terroranschlägen im Jahr 2001 war der 11. September in den USA ein Tag, an dem die Nation in stillem Gedenken zusammentrat und ein Signal der Einigkeit aussandte. Inzwischen, neun Jahre nach den Attentaten, hat sich die Atmosphäre um den Gedenktag verändert. Blinde Wut verdrängt die Trauer, Provokationen übertönen andächtiges Innehalten. Politische Interessengruppen nutzen 9/11 für Proteste mit fremdenfeindlichem und antimuslimischem Unterton. Eine radikal-christliche Gruppe in den USA etwa ruft zur Koran-Verbrennung auf - und provoziert damit weltweit Unmut.

Im Internet wirbt die kleine fundamentalistische Gruppe aus Gainesville in Florida mit dem Slogan "Islam kommt vom Teufel". Die obskure Vereinigung hat nur einige Dutzend Mitglieder, doch ihr Aufruf zur öffentlichen Koran-Verbrennung am 11. September hat inzwischen selbst die obersten Ränge des US-Militärs alarmiert. Denn die Provokation dürfte in muslimischen Ländern zu wütenden Protesten führen.

"Eine klare Botschaft"

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Afghanistan-Oberbefehlshaber Petraeus (l) und NATO-Generalsekretär Rasmussen befürchten Racheakte.

(Foto: REUTERS)

Afghanistan-Oberbefehlshaber David Petraeus und NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen warnen eindringlich davor, dass eine solche Bücherverbrennung das Leben von NATO-Soldaten in Afghanistan gefährden könnte. Die Aktion stünde "im klaren Widerspruch mit allen Werten, für die wir stehen und für die wir kämpfen", sagte Rasmussen in Washington. Auch US-General Petraeus sieht die Gefahr "schwerwiegender Folgen", die Aktion würde den radikalislamischen Taliban in die Hände spielen, sagte er dem "Wall Street Journal".

Der Pastor der Kirche in Florida, Terry Jones, bezeichnete es als Ziel der Aktion, "den radikalen Elementen des Islam eine klare Botschaft zu schicken". Die USA dürften sich nicht länger "von ihren Drohungen kontrollieren und dominieren" lassen, sagte er der Zeitung. Mit der diffusen Warnung vor einer Dominanz des Islam in den USA formuliert der Pastor eine allgemeine Furcht, die sich USA-weit immer lauter Gehör verschafft.

Politische Stimmungsmache am Gedenktag

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Die Skyline von Manhattan am 11. September 2001.

(Foto: REUTERS)

Ebenfalls für den 11. September hat ein Aktionsbündnis mit dem Namen "Stop the Islamization of America" ("Haltet die Islamisierung Amerikas auf") zu einer Kundgebung nahe Ground Zero in New York aufgerufen. Dort erregen Pläne für den Neubau eines Islam-Zentrums die Gemüter. Auch diese Veranstaltung dürfte dem Trend folgen, den 9/11-Gedenktag für politische Stimmungsmache am rechten Rand zu instrumentalisieren. Als Redner hat sich unter anderem der republikanische Vordenker und frühere Chef des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, angekündigt. Auch der polarisierende niederländische Rechtspopulist und Islamkritiker Geert Wilders will das Wort ergreifen.

Zeitgleich wollen im fernen Alaska die frühere Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin und der stramm rechte TV-Moderator Glenn Beck den Gedenktag für einen gemeinsamen Auftritt nutzen. Mit ihren Warnungen vor einer schleichenden Übernahme der USA durch "Sozialisten", vor Werteverfall und vor einer Abkehr von einem patriotisch durchwirkten Christentum zählen die beiden Gallionsfiguren der Ultrarechten zu den polarisierendsten Aktivisten in den USA.

Fröhliches Fastenbrechen am 11. September

Zusätzlich belastet wird der 9/11-Gedenktag noch durch einen heiklen Zufall des Kalenders. Der muslimische Feiertag Eid el-Fitr, an dem die Gläubigen traditionell das Ende des Fastenmonats Ramadan feiern, fällt in diesem Jahr ausgerechnet auf den 11. September. Viele Muslime in den USA fürchten, dass Kritiker das fröhliche Fastenbrechen mutwillig als Feier zu Ehren der Attentäter von 9/11 fehlinterpretieren könnten.

"Manche Leute hier verbreiten aus ihrer hasserfüllten Haltung heraus die Vorstellung, dass die Muslime den 11. September feiern wollen", sagte Ibrahim Hooper von der US-Muslimorganisation Council on American-Islamic Relations der "Washington Post". Mancherorts wurden die Feiern deshalb bereits abgesagt.

Quelle: n-tv.de, Peter Wütherich, AFP