Politik

"Misrata ist frei" Rebellen verkünden Etappensieg

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Ein verletzter Gaddafi-Kämpfer wird von Aufständischen in Misrata in ein Krankenhaus gebracht.

(Foto: REUTERS)

Die Aufständischen in Libyen verkünden die Übernahme von Misrata. Zuvor hatte der Vize-Außenminister des Gaddafi-Regimes verkündet, die Armee werde sich aus der Stadt zurückziehen. Die Situation ist bislang unklar - Berichten zufolge dauern die Kämpfe in der Rebellen-Hochburg mit unverminderter Heftigkeit an.

Die libyschen Rebellen haben nach eigener Aussage die Kontrolle über ihre seit Wochen schwer umkämpfte Hochburg Misrata übernommen. "Misrata ist frei", sagte ein Sprecher der Aufständischen der Nachrichtenagentur Reuters am Telefon. Dagegen meldet die Nachrichtenagentur AFP, die Kämpfe in Misrata hielten mit unveränderter Heftigkeit an.

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Auf der Tripolis-Straße in Misrata versuchen Aufständische, sich in Deckung zu bringen.

(Foto: REUTERS)

Die Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi seien auf der Flucht aus der im Westen gelegenen drittgrößten Stadt des Landes, sagte der Sprecher weiter. Gefangen genommene Soldaten sagten Reuters, ihnen sei am Freitag der Abzug befohlen worden. Misrata ist die letzte große Stadt im Westen des nordafrikanischen Landes, die von den Aufständischen gehalten wird.

Ein gefangener und verwundeter Soldat sagte, Rebellen hätten seine Einheit am Samstagmorgen beim Abzug angegriffen. Einer seiner Kameraden bejahte die Frage, ob die Regierung die Kontrolle über die Stadt verloren habe. Die Soldaten gehörten zu einer Gruppe von zwölf Gefangenen, deren Wunden in einem Krankenhaus behandelt wurden.

In den vergangenen Tagen hatte es Anzeichen für Erfolge der Aufständischen in der Enklave gegeben. So gaben sie die Eroberung eines zentralen Hochhauses im Stadtzentrum bekannt, das Scharfschützen Gaddafis als Stützpunkt gedient hatte.

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Ärzte kämpfen in Misrata um das Leben eines Soldaten.

(Foto: AP)

Nach Informationen von AFP gehen die Kämpfe allerdings weiter. Am Samstag wurden bis zum Mittag mindestens zehn Menschen getötet, wie ein Arzt des größten Krankenhauses der Agentur zufolge sagte. Seit dem Morgen seien rund 50 Verletzte eingeliefert worden. Die Zahl der Toten und Verletzten habe damit bereits am Mittag die Zahl erreicht, die normalerweise an einem ganzen Tag eingeliefert würden. "Wir sind überfordert, es fehlt uns an allem: an Personal, Geräten, Medikamenten", sagte der Arzt.

"Bruder Führer" ordnet Abzug an

In der Nacht zum Samstag hatte Libyens Vize-Außenminister Khalid Kaim gesagt, der "Bruder Führer", wie sich Gaddafi nennen lässt, habe den Rückzug aus Misrata angeordnet. Die Armee habe eine "chirurgische Lösung" angestrebt, doch angesichts der NATO-Luftangriffe sei dies nicht möglich, so Kaim. "Nun überlassen wir es den Stämmen und den Menschen von Misrata, mit der Situation klarzukommen, ob auf dem Verhandlungsweg oder durch Gewalt."

Kaim stellt den Abzug nicht als Aufgabe, sondern als Drohung dar. Die Gaddafi-Regierung habe den eigenen Streitkräften ein "Ultimatum" gestellt, sagte Kaim: "Wenn sie das Problem nicht lösen können, werden die Menschen der angrenzenden Orte Sliten, Tarhuna, Bani Walid und Tawargha nach Misrata gehen und mit den Rebellen reden. Sollten diese nicht aufgeben, werden sie gegen sie kämpfen".

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Aufständische in Misrata.

(Foto: AP)

Nach Einschätzung von AFP dürfte sich die Lage in Misrata durch die Ankündigung des Vize-Außenministers kaum entschärfen, da viele Stammesangehörige bereits als Milizionäre oder als "Freiwillige" an der Seite der libyschen Armee kämpfen. Dagegen dürfte der Lufteinsatz der NATO nun erschwert werden, da die Stammesangehörigen kaum von den Zivilisten zu unterscheiden sind, die die internationale Staatengemeinschaft laut der Resolution des UN-Sicherheitsrats schützen soll.

Kämpfe am Freitag abgeflaut

Die Kämpfe waren am Freitag zunächst deutlich abgeflaut. Die Regimegegner verzeichneten lediglich 13 Verletzte und keine Toten, sagten Krankenhausärzte dem Sender Al-Dschasira. In den Tagen zuvor hatten noch schwere Gefechte vor allem um die Tripolis-Straße, eine strategische Achse, das Geschehen bestimmt. Dabei waren am Mittwoch auch zwei westliche Fotografen ums Leben gekommen. Insgesamt sollen in jenen Tagen an die 100 Rebellen-Kämpfer getötet worden sein.

Misrata liegt 200 Kilometer östlich von Tripolis und ist seit Wochen schwer umkämpft. Die drittgrößte libysche Stadt ist gleichzeitig die einzige Stadt im Westen des Landes, die in der Hand der Aufständischen ist. Flüchtlinge und Verletzte werden von den Vereinten Nationen von Misrata auf Fähren nach Bengasi gebracht. Dort, im Osten des Landes, hat der Übergangsrat der Rebellen seinen Sitz.

Unterdessen beschossen NATO-Kampfflieger am frühen Morgen ein Areal nahe dem Amtssitz Gaddafis in der Hauptstadt Tripolis. Reuters-Reportern zufolge sah das Ziel nach einem Bunker aus. Regierungssprecher Mussa Ibrahim sprach dagegen von einem Angriff auf einen Parkplatz, bei dem drei Menschen getötet worden seien.

Quelle: n-tv.de, hvo/dpa/AFP/rts

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