Politik

Hartes Leben im Exil Der Libanon will die Flüchtlinge loswerden

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25.000 Flüchtlinge leben in Ghazze in der Bekaa-Ebene.

(Foto: Nadja Kriewald)

Der Libanon hat 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Dabei hat das Land selbst nur 4,5 Millionen Einwohner. Die Regierung will, dass sie bald zurückkehren. Doch das ist nicht so einfach.

Mit seinen ölverschmierten Händen wischt sich Abdul Karim den Schweiß von der Stirn. Irgendwas stimmt mit dem Vorderrad des Mopeds nicht. Ein Schleifgeräusch. Der 13-Jährige wirkt ratlos. Vor zwei Jahren kam er mit seinen Eltern aus Deir al Zour in Syrien in den Libanon. Seit einem knappen Jahr arbeitet er in der Werkstatt in Beirut für einen Hungerlohn. Was er genau verdient, kann er nicht sagen. Sein Chef beäugt ihn misstrauisch. Ob ihm der Job Spaß macht? Anstrengend, antwortet er schüchtern. Schule war besser.

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Abdul Karim bei der Arbeit in einer Werkstatt in Beirut.

(Foto: Nadja Kriewald)

Ein paar Straßen weiter trägt der kleine Nabih Kisten mit Kartoffeln und Bohnen einem Kunden in den Kofferraum. Um 8 Uhr hat er angefangen. Zehn bis zwölf Stunden muss er jeden Tag in dem Obst- und Gemüseladen arbeiten. Seit er elf Jahre ist, jetzt ist er dreizehn. Er sieht jünger aus. "Meine Mutter wollte das nicht", sagt er. "Aber mein Vater ist krank. Wir brauchen das Geld." In seiner Heimatstadt Kamischli im Norden Syriens ist er gerne zur Schule gegangen, Arabisch war sein Lieblingsfach. Er liest gerne, aber dafür hat er jetzt keine Zeit mehr. "Abends bin ich immer ganz müde", sagt er und schiebt sich seine Baseball-Kappe tiefer in die Stirn.

So wie Nabih und Abdul Karim geht es schätzungsweise 300.000 syrischen Flüchtlingskindern im Libanon. Arbeit statt Schule, sie müssen schuften statt lernen. Oft reicht der Lohn der Eltern nicht aus, da müssen die Kinder dazuverdienen. Doch die neue libanesische Regierung geht verstärkt dagegen vor. Die Polizei macht Kontrollen, die syrischen Flüchtlingskinder sollen von der Straße und am besten mit ihren Familien ins Nachbarland zurückkehren.

Der Libanon hat gemessen an der Bevölkerung so viele Syrer aufgenommen wie kein anderes Land - bis zu 1,5 Millionen. Dabei hat das Land selbst nur 4,5 Millionen Einwohner. Nach acht Jahren werden die Flüchtlinge immer mehr zu einer Belastung, sagt Libanons neue Innenministerin Raya Haffar El Hassan. "Wir hoffen, dass die syrischen Flüchtlinge bald zurückkehren. Das setzt voraus, dass es eine politische Lösung gibt. Sie müssen in eine sichere Umgebung gehen können, dass sie nicht verfolgt werden, dass ihnen nichts Schlimmes droht." Und dann betont sie noch einmal: "Es ist definitiv wichtig, dass sie bald zurückgehen."

Die meisten Flüchtlingslager liegen im syrischen Grenzgebiet in der Bekaa-Ebene. Umrahmt von schneebedeckten Bergen liegt der kleine Ort Ghazze. Auf 6000 Einwohner kommen hier 25.000 Flüchtlinge. Kein Wunder, dass es in den Schulen eng wird. Es gibt weder genug Räume noch Lehrer.

Das musste auch Ghada Abu Misto feststellen. Mit ihren fünf Kindern ist sie 2015 aus Syrien geflohen als es immer gefährlicher wurde. Sie versuchte ihre Kinder einzuschulen, aber schnell wurde ihr klar, dass es keinen Platz gibt. "Außerdem ist es sehr, sehr schwierig für syrische Kinder, in den libanesischen Schulen mithalten zu können", sagt Ghada Abu Misto. "Hier im Libanon werden viele Fächer in den Fremdsprachen Französisch und Englisch unterrichtet. Das kennen wir in Syrien nicht."

Also hat die resolute Syrerin selbst eine Schule gegründet. Geholfen hat ihr dabei die libanesische Hilfsorganisation Alpha. Finanziert wird die Schule mit rund 250.000 Euro im Jahr von der Kindernothilfe, sagt deren Sprecher Lorenz Töpperwien. "Es gibt sehr viele Restriktionen, und viele syrische Flüchtlingskinder können nicht zur Schule gehen. Das ist hier ein Projekt, das genau diesen Missstand ändern möchte."

340 Kinder zwischen 6 und 16 Jahren werden hier unterrichtet. In jedem Klassenraum steht ein kleiner Ofen. Dennoch ist es kühl, viele Kinder sitzen hier in ihren Winterjacken. Ahmed aus Syrien unterrichtet gerade Englisch. Die Kinder sprechen begeistert nach. Von den 20 Lehrern sind die meisten Syrer. Schon in Syrien hatte Ghada Abu Misto eine Schule gegründet, nachdem die öffentliche Schule zerstört war. Sie weiß, wie sehr die Kinder traumatisiert sind. Im Spiel sollen sie die Kriegserfahrungen lernen zu überwinden.

Gleich neben dem Gebäude ist ein Spielplatz mit einer Rutsche, Schaukeln, Klettergerüsten. Wenn die Schulleiterin mit ihrer Glocke zum Unterricht bimmelt, laufen die Kinder in Zweier-Reihen ganz brav in ihre Klassen. Ghada Abu Mistos Mann wurde 2012 verhaftet, sie weiß nicht, ob er noch lebt. Sie kann sich nicht vorstellen, bald zurückzugehen, sagt sie, sie habe Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder.

"Mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage könnten wir sicherlich zurechtkommen, denn wir sind ein produktives Volk und können wieder aufstehen und alles wieder aufbauen. Aber wir brauchen Garantien, dass wir dort keine Angst haben müssen." Und dann fügt sie hinzu: "Es gibt über jeden, der das Land verlassen hat, eine Akte. Und die wird weitergeführt."

Quelle: n-tv.de

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