Politik

"Die komplette Wahrheit" Ruanda klagt Europa an

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Mit einer ergreifenden Performance gedenkt Ruanda der Opfer der Massaker.

(Foto: dpa)

Genau 20 Jahre nach dem Völkermord von Ruanda kommen im größten Stadion des Landes 30.000 Menschen zusammen. Die Veranstaltung dient nicht nur dem Gedenken - sie ist auch eine Anklage an die Europäer.

Immer wieder hallen Schreie über die Tribünen, als ein Überlebender seine Geschichte erzählt. Er spricht von Hunden, die Leichen fraßen und Hunderten Menschen, die sich vor ihren Feinden in einem Gotteshaus versteckten. Auch hier, im Stadion von Kigali, hatten sich Tutsi vor Hutus versteckt, um dem Völkermord zu entgehen. Genau 20 Jahre ist das nun her. An diesem Montag sitzen rund 30.000 Ruander auf den Rängen, um den 800.000 Opfern des Genozids zu gedenken. Staatsgäste aus der ganzen Welt sind gekommen, UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, der ehemalige britische Premier Tony Blair, drei Mitglieder des Deutschen Bundestages. Sie erleben, wie Frauen schreiend zusammenbrechen und vom Sicherheitspersonal hinaus getragen werden.

Obwohl in Ruanda alles dafür getan wird, die Vergangenheit zu verarbeiten, ist das Gedenken an den Völkermord immer noch eine Gratwanderung. Auf der einen Seite gilt es, Normalität herzustellen, auf der anderen Seite soll nichts beschönigt werden.

Eine Welle der Trauer erfasst die Menge, als Darsteller während des Bewegungstheaters scheinbar tot auf dem Stadionrasen liegen – ein Bild, das viele der Anwesenden an ihre eigenen grausamen Erlebnisse während des Genozids erinnert. Die Performance mit dem Titel "Shadows of Memory" – "Schatten der Erinnerung" fasst in Bewegung und Musik die Geschichte Ruandas zusammen: Erst herrscht Frieden in dem ostafrikanischen Königreich. Dann kommen die europäischen Kolonialherren, die die Bevölkerung in Hutu und Tutsi spalten. Sie setzen die Tutsi als Herrscher ein, verschwinden aus dem Land und lassen die aufkochenden Konflikte zwischen den Gruppen zurück. Die Auseinandersetzung gipfelt in dem Genozid, der erst durch die Rebellengruppe des heutigen Präsidenten Paul Kagame beendet wird. Am Ende der Performance stehen die Tänzer wieder.

Kagame gibt Frankreich und Belgien Mitschuld

Die Szene, in der es um den Massenmord geht, war eigentlich weniger drastisch geplant, sagt der ugandische Choreograph, Jonas Byaruhanga. Die rund 850 Tänzer, unter denen auch Genozid-Überlebende sind, sollten den Tod ursprünglich symbolisch darstellen, mit gesenkten Köpfen und bedeckten Gesichtern. Vertretern der Regierung, die bei jeder der Proben anwesend waren, war das nicht eindeutig genug: "Ich musste die Choreographie mehrmals ändern", so Byaruhanga zu n-tv.de. "Die Bilder sollten sehr klar sein, damit es keine Missverständnisse gibt."

Missverständnisse lässt auch Präsident Kagame in seiner Rede nicht aufkommen. Er präsentiert sein Land selbstbewusst und unabhängig. Seine Kritik an den europäischen Besatzern ist eindeutig: Diese hätten die Grundlage für den Völkermord geschaffen. "Das verheerendste Erbe der Besetzung durch die Europäer in Ruanda war die Einteilung von sozialen Unterschieden in sogenannte Rassen", sagt er.

Und nicht nur das: Wenige Tage vor der Gedenkzeremonie gab er Frankreich und Belgien eine direkte Mitschuld an der Katastrophe von 1994. Sie hätten sich an der "politischen Vorbereitung" der Massenmorde beteiligt. Französische Soldaten seien "Komplizen" bei den Massakern gewesen. Bei der Gedenkzeremonie im Stadion ist deswegen kein Regierungsmitglied Frankreichs anwesend. Kagame will das nicht unkommentiert lassen. Sonst spricht er nie auf Französisch, nun aber sagt er: "Le faits sont têtus." – "Die Fakten liegen auf dem Tisch." Die Menge jubelt.

Die zentrale Botschaft lautet "never again"

Zu wenig Einsatz hätten die Vereinten Nationen während des Genozids gezeigt, räumt deren heutiger Generalsekretär Ban Ki-Moon ein: "Wir hätten viel mehr machen sollen und wir hätten viel mehr machen können." Er wiederholt seine Worte auf Kinyarwanda, der offiziellen Sprache des Landes. Die UN hatten 1994 Truppen im Land stationiert, taten aber nichts, um den Genozid zu verhindern.

Nicht nur an vielen Orten in Kigali wurde in den vergangenen Wochen den Opfern des Völkermordes gedacht. Auf der ganzen Welt gab es Gedenkfeiern, am Freitag diskutierten in Berlin die Mitglieder des Bundestages fast zwei Stunden im Beisein der Kanzlerin und des Außenministers über den Genozid.

Die Ruander in Kigali bringen ihre Trauer mit weißen Seidenbändern zum Ausdruck, auf die sie ihre Gedanken geschrieben haben. Rund eine Million davon flattern vor dem Stadion im Wind. "Never again", steht auf vielen von ihnen – "nie wieder". "Historische Genauigkeit ist eine Pflicht bei der Erinnerung, der wir nicht entfliehen können", sagt Kagame. "Hinter den Worten 'never again', steht eine Geschichte, deren Wahrheit komplett weitergegeben werden muss, egal wie unangenehm sie ist."

Diese Reportage wurde von dem journalistischen Trainingsprogramm Beyond Your World ermöglicht. Beyond your World wird von der Europäischen Union finanziert.

Quelle: n-tv.de

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