Politik

Überfall von allen Seiten Russland führt groß angelegten Krieg gegen die gesamte Ukraine

Russlands Präsident Putin kündigt eine Militäroperation in der Ostukraine an, aber russische Angriffe richten sich gegen Ziele in der ganzen Ukraine. Nach russischen Angaben sind die Luftabwehreinrichtungen der ukrainischen Streitkräfte bereits zerstört.

Russland hat in der Nacht zum Donnerstag einen Angriffskrieg gegen die Ukraine eröffnet, der weit über den zuvor angekündigten Einmarsch in die Ostukraine hinausgeht.

Nach eigenen Angaben hat die russische Armee die Luftabwehr sowie Luftwaffenstützpunkte der Ukraine zerstört. "Die militärische Infrastruktur der Luftwaffenstützpunkte der ukrainischen Streitkräfte wurde außer Betrieb gesetzt", zitierten russische Nachrichtenagenturen am Morgen das russische Verteidigungsministerium. "Die Luftabwehreinrichtungen der ukrainischen Streitkräfte wurden zerstört."

Die Ereignisse im Liveticker.

Der Generalstab der ukrainischen Armee sagte, es gebe Angriffe von Gebieten und Siedlungen entlang der Staatsgrenze sowie auf mehrere Flugplätze. Landungsoperationen des russischen Militärs in der südostukrainischen Stadt Odessa habe es nicht gegeben. "Die Situation ist unter Kontrolle."

Das ukrainische Militär schoss nach eigenen Angaben im Gebiet Luhansk fünf russische Flugzeuge und einen Hubschrauber ab. Insgesamt wurden nach Angaben des Generalstabs mindestens sechs Flugplätze angegriffen, darunter Boryspil, etwa 40 Kilometer von Kiew entfernt, Tschuhujiw im Gebiet Charkiw und Kramatorsk im Gebiet Donezk. Die Armee wehre Luftangriffe ab und sei in voller Kampfbereitschaft, hieß es.

Die von Russland unterstützten Separatisten meldeten die Einnahme von zwei Kleinstädten, Stanyzja Luhanska und Schtschastja, die außerhalb ihrer "Volksrepubliken" liegen. Demnach sind russische Truppen über den Fluss Siwerskyj Donez vorgedrungen, der bisher die Frontlinie bildete. Die Behörden in Kiew bestätigten zugleich das Vordringen der prorussischen Kräfte auf das von ukrainischen Regierungstruppen kontrollierte Gebiet.

Angriffe auch aus Belarus

Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes wird die Ukraine auch von Belarus aus von der russischen Armee angegriffen. In Belarus fanden in den vergangenen zwei Wochen "Militärübungen" Russlands mit belarussischen Streitkräften statt, mit denen der Krieg gegen die Ukraine offenbar vorbereitet wurde.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte in der Nacht in einer Fernsehansprache erklärt, er habe eine "Militäroperation" in der Ostukraine angeordnet. Er begründete dies mit dem von Russland seit langem behaupteten "Völkermord", der dort angeblich geschehe.

"Ich habe die Entscheidung für eine Militäroperation getroffen", sagte Putin in einer Fernsehansprache in der Nacht. "Ihr Ziel ist der Schutz der Menschen, die seit acht Jahren Misshandlung und Genozid ausgesetzt sind." Er forderte das ukrainische Militär auf, "die Waffen niederzulegen". Putin berief sich auf die UN-Charta und eine Bitte um Hilfe der Separatistenrepubliken Donezk und Luhansk, die er zuvor in einem Alleingang anerkannt hatte.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief das Kriegsrecht aus. Russland attackiere "unsere militärische Infrastruktur". Die Bevölkerung forderte er auf, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben. In vielen Städten seien Explosionen zu hören. "Wir sind stark. Wir sind zu allem bereit. Wir werden siegen."

"Eklatanter Bruch des Völkerrechts"

Bundeskanzler Olaf Scholz sagte, der Angriff sei ein "eklatanter Bruch des Völkerrechts", der durch nichts zu rechtfertigen sei. "Russland muss diese Militäraktion sofort einstellen." Für den heutigen Donnerstag kündigte Scholz eine enge Abstimmung innerhalb der G7, der Nato und der EU an. "Dies ist ein furchtbarer Tag für die Ukraine und ein dunkler Tag für Europa", sagte Scholz. Er telefonierte mit Selensky und sicherte der Ukraine "die volle Solidarität Deutschlands in dieser schweren Stunde" zu, wie ein Regierungssprecher mitteilte.

Auch US-Präsident Joe Biden telefonierte mit Selenskyj. "Wir werden der Ukraine und dem ukrainischen Volk weiterhin Unterstützung und Hilfe zur Verfügung stellen", erklärte Biden nach dem Gespräch. Außerdem würden die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten "harte Sanktionen gegen Russland verhängen".

"Dies ist kein Krieg", behauptet Russland

In einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats in New York forderte der ukrainische UN-Botschafter Sergej Kyslyzja Russland auf, den Krieg zu beenden. Gleichzeitig rief er die Vereinten Nationen auf, alles zu tun, um den Krieg zu stoppen.

Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensia entgegnete: "Das ist kein Krieg, das ist eine Militäroperation." Er sagte allerdings auch, Moskau ziele auf die "Junta in Kiew". Russland gehe "nicht gegen das ukrainische Volk vor, sondern gegen die Junta, die in Kiew an der Macht ist", sagte er. In der russischen Propaganda sind Ukrainer und Russen dasselbe Volk, der Ukraine spricht Putin das Recht ab, als Staat zu existieren.

Die deutsche Vertreterin Antje Leendertse kündigte schwere Konsequenzen gegen Russland an. "Die russische Aggression wird politisch, wirtschaftlich und moralisch einen beispiellosen Preis haben", sagte sie in der Sitzung des Sicherheitsrats. Bei der Kriegsankündigung Russlands gegenüber der Ukraine handle es sich um eine militärische Eskalation, "wie wir sie in Europa seit Generationen nicht mehr erlebt haben", so Leendertse weiter. Es handle sich um einen "schamlosen Völkerrechtsbruch".

Die NATO berief ein Treffen der Allianz ein. "Die NATO-Verbündeten werden zusammenkommen, um die Folgen der aggressiven Handlungen Russlands zu erörtern", erklärte Generalsekretär Jens Stoltenberg. "Die NATO wird alles tun, was nötig ist, um alle Verbündeten zu schützen und zu verteidigen." Er forderte Russland auf, die Militäraktion sofort zu stoppen.

Kriegsvorbereitungen laufen schon länger

Putin hatte am Montag die Separatistengebiete als unabhängige Staaten anerkannt. In Medien und Blogs hatten Augenzeugen schon darüber berichtet, dass die russischen Soldaten längst im Konfliktgebiet seien, als Russland dies noch abstritt. Die russische Führung hatte behauptet, es seien keine eigenen Soldaten dort. Die Separatisten hatten zunächst erklärt, sie wollten alleine für "Sicherheit" sorgen.

Putin hatte sich nach der Anerkennung der "Volksrepubliken" vom Föderationsrat in Moskau vorsorglich eine Erlaubnis für den Einsatz von russischen Streitkräften im Ausland erteilen lassen. Die russische Staatsagentur Tass veröffentlichte die Briefe des Chefs der "Volksrepubliken", die um Hilfe Russlands baten, um Opfer in der friedlichen Bevölkerung und eine humanitäre Katastrophe in der Region zu vermeiden. Zugleich dankten sie Putin für die Anerkennung als unabhängige Staaten.

Quelle: ntv.de, hvo/jpe/rts/AFP/dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen