Politik

Der Kriegstag im Überblick Russland weitet Luftschläge auf Kiew aus - Putin unterzeichnet Dekret zu Gaszahlungen

281046220.jpg

Angriffe auf Irpin nahe der Hauptstadt Kiew richteten schwere Zerstörungen an.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Kiew ist weiterhin hart umkämpft. Die Bodenangriffe sind zwar zurückgegangen, dafür weitet Russland seine Luftschläge auf die Hauptstadt aus. In Tschernihiw sollen russische Truppen einen humanitären Hilfskonvoi beschossen haben. Präsident Putin kündigt an, Gaszahlungen nur noch in Rubel zu akzeptieren. Derweil besucht eine Delegation um Wladimir Klitschko überraschend Berlin. Der 36. Kriegstag im Überblick.

Um Kiew wird noch immer schwer gekämpft

Das Misstrauen des Westens gegenüber der russischen Ankündigung, die Truppen um Kiew herum zurückzuziehen, ist offenbar begründet. Auch wenn die Bodenpräsenz rund um Kiew verringert werde, setze das russische Militär die Stadt weiter mit Luftangriffen unter Druck. Das Pentagon sieht eine Ausweitung der Luftschläge auf die Hauptstadt und die nördliche Stadt Tschernihiw. Allein in den vergangenen 24 Stunden sollen es 300 gewesen sein, schrieb Pentagon-Reporterin Caitlin Doornbos auf Twitter. Im Norden von Kiew wird demnach schwer gekämpft, es sei russisches Artilleriefeuer zu beobachten.

Auch die NATO sieht keinen Truppenrückzug um Kiew, sondern spricht ähnlich wie zuvor die USA von einer Neupositionierung. Russland halte den Druck auf Kiew und weitere Städte aufrecht. Es sei "also mit weiteren Offensivaktionen" zu rechnen, sagte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Die Ukraine meldete bei den Kämpfen um Kiew militärische Erfolge. Einheiten der Nationalgarde hätten seit Mittwoch Artillerie, Raketensysteme und mehrere Dutzend Panzerfahrzeuge der russischen Truppen zerstört, teilte das Innenministerium mit. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Auch aus Tschernihiw scheint sich Russland nicht zurückzuziehen. Ein humanitärer Konvoi, der Zivilisten aus der belagerten nordukrainischen Stadt in Sicherheit bringen sollte, wurde nach ukrainischen Angaben im Laufe des Tages beschossen. Ein Mensch sei getötet und vier weitere seien schwer verletzt worden, sagte die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Ljudmyla Denissowa. Den russischen Truppen warf sie vor, jegliche Evakuierungsversuche zu verhindern.

Offensive in der Ostukraine

In der Donbass-Region verstärken die russischen Truppen derweil laut NATO die Angriffe. Dort meldete Russland Gebietsgewinne. Die Ortschaft Solota Nywa südwestlich von Donezk sei nun unter russischer Kontrolle, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Dort seien russische Einheiten seit gestern sechs Kilometer vorgerückt. Bis zu 60 Gegner seien getötet worden. Die prorussischen Separatisten nahmen nach eigenen Angaben ebenfalls Gebiete ein. So seien mehr als 90 Prozent des Bezirks Luhansk "befreit" worden. Der Bezirk Donezk werde zu mehr als der Hälfte von den prorussischen Kräften kontrolliert.

In der ostukrainischen Region Dnipro wurden nach Angaben des dortigen Gouverneurs Waltentyn Resnitschenko eine Militäreinrichtung und ein Tanklager von russischen Raketen getroffen. Zwei Menschen seien bei dem Angriff ums Leben gekommen. Fünf weitere Menschen seien verletzt worden. Auch diese Angaben sind nur schwer zu überprüfen.

NATO-Chef Stoltenberg erwartet im Donbass "Offensivaktionen, die noch mehr Leid verursachen werden". Die Verschärfung der russischen Offensive in der Ostukraine ist einem hochrangigen Pentagon-Vertreter zufolge auch das Ergebnis des Scheiterns in Kiew. "Die Neupriorisierung im Donbass zeigt deutlich, dass sie wissen, dass es ihnen nicht gelungen ist, die Hauptstadt einzunehmen", hieß es.

Atomaufsicht soll Tschernobyl kontrollieren

Ukrainischen Angaben zufolge wird die UN-Atomaufsichtsbehörde IAEA in Zukunft das besetzte Atomkraftwerk Tschernbobyl sowie ein weiteres in Saporischschja kontrollieren. Dazu würden Online-Überwachungseinsätze organisiert, sagte der Chef des staatlichen AKW-Betreibers Energoatom, Pertro Kotin. Die Internationale Atomenergiebehörde solle ihren Einfluss geltend machen, um sicherzustellen, dass sich die russischen Atombehörden nicht in den AKW-Betrieb einmischen.

Vom Unglücks-Reaktor Tschernobyl sind bereits viele russische Truppen abgezogen. Sie seien in Richtung der Grenze zu Belarus aufgebrochen, teilte der staatliche Betreiber Energoatom mit. Es befänden sich nun nur noch wenige Soldaten auf dem Gelände.

Derweil gab die Ukraine bekannt, dass nahezu ihre gesamte Rüstungsindustrie durch russische Angriffe zerstört worden ist. Das sagte Olexij Arestowitsch, ein Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Putin fordert Gaszahlungen in Rubel

In der Frage um die Gaslieferungen machte Präsident Wladimir Putin seine Ankündigung offiziell und ordnete an, dass westliche Staaten Konten bei der Gazprombank eröffnen müssen, um weiter russisches Gas zu erhalten. Dies gelte ab morgen. Andernfalls würden die Lieferungen für die "unfreundlichen" Länder eingestellt, sagte der Kremlchef.

Laut dem von Putin unterzeichneten Dekret können die Zahlungen weiter in Euro oder Dollar auf das russische Konto eingezahlt werden. Die Gazprombank konvertiert das Geld in Rubel und überweist den Betrag in der russischen Währung an Gazprom. Bei einem Ausbleiben der Zahlungen würden die Lieferungen eingestellt, sagte Putin. Experten zufolge wird die Umstellung de facto aber kaum Auswirkungen haben.

Wladimir Klitschko trifft Habeck in Berlin

Indessen erhielt Berlin überraschend diplomatischen Besuch aus Kiew. Der frühere Box-Weltmeister Wladimir Klitschko erreichte am Morgen mit seiner Delegation die deutsche Hauptstadt. Bei einem Treffen mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck warb er um Unterstützung für die Ukraine.

Beim Sender Bild TV wurde Klitschko deutlich. Sein Land brauche finanzielle Hilfe, weil die Wirtschaft am Boden liege, es brauche humanitäre Hilfe, weil es in manchen Städten weder Lebensmittel noch Wasser noch medizinische Versorgung gebe. Und: "Wir brauchen Waffen", sagte Klitschko. Entscheidungen darüber müssten schnell getroffen werden. Passiv zu sein und wegzuschauen, bedeute mitzumachen.

Moskau: Westen versteht nicht, was im Kreml passiert

Der Kreml wies unterdessen westliche Geheimdienst-Erkenntnisse zurück, wonach Putin falsch über die Lage in der Ukraine informiert worden sein soll. "Es zeigt sich, dass weder das Außenministerium (der USA) noch das (US-Verteidigungsministerium) Pentagon echte Informationen darüber haben, was im Kreml passiert", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

"Sie verstehen einfach nicht, was im Kreml passiert. Sie verstehen Präsident Putin nicht. Sie verstehen den Mechanismus von Entscheidungen nicht. Sie verstehen den Stil unserer Arbeit nicht." Peskow fügte hinzu: "Das ist nicht einfach nur schade. Das macht uns Sorgen. Denn so ein völliges Missverständnis führt nur zu Fehlentscheidungen, zu leichtsinnigen Entscheidungen, die sehr schlimme Folgen haben."

Selenskyj entlässt Botschafter

Der ukrainische Präsident Selenskyj zog heute personelle Konsequenzen und berief die Botschafter seines Landes in Georgien und Marokko ab. Er kritisierte, dass der Botschafter Igor Dolgow in Tiflis und die Botschafterin Oksana Wassiliewa in Rabat nicht "effektiv" darin gewesen seien, Waffenlieferungen an die Ukraine für die Verteidigung gegen die russische Invasion sowie Sanktionen gegen Russland zu erreichen. "Bei allem Respekt, es gibt keine Waffen, keine Sanktionen, keine Beschränkungen für russische Unternehmen. Bitte suchen Sie sich einen anderen Job", sagte Selenskyj.

Großbritannien will Kreml-"Lügen" entgegenwirken

Großbritannien bringt indes weitere Maßnahmen gegen Russland auf den Weg. Sanktioniert würden die Betreiberstrukturen hinter RT und Sputnik, um dem "Strom der Lügen" des Kreml und des Präsidenten Wladimir Putin entgegenzuwirken, erklärte die britische Außenministerin Liz Truss. Das Paket aus 14 Sanktionen "richtet sich gegen die unverschämten Propagandisten, die Putins falsche Nachrichten und Erzählungen verbreiten".

Aus Russland kommen ebenfalls neue Sanktionen. Der Kreml kündigte ein Einreiseverbot für EU-Politiker an. "Die Beschränkungen gelten für die höchsten Vertreter der EU, einschließlich einer Reihe von EU-Kommissaren und Leitern von EU-Militärstrukturen, sowie für die große Mehrheit der Abgeordneten des EU-Parlaments, die eine antirussische Politik unterstützen", erklärte das Außenministerium in Moskau.

Weitere Artikel zum Ukraine-Krieg:

Alle weiteren Entwicklungen können Sie in unserem Liveticker zum Ukraine-Krieg nachlesen.

Quelle: ntv.de, mdi/dpa/AFP/rts

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen