Politik

Frankreichs Jugend in Aufruhr "Sarkozy, Du bist am Ende"

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Immer mehr Jugendliche beteiligen sich an den Protesten gegen die Rentenpläne der Regierung Sarkozy.

(Foto: REUTERS)

Der Konflikt über die in Frankreich geplante Rentenreform eskaliert. Die Gewerkschaften schüren mit der Blockade von Raffinerien und Treibstoffdepots die Angst vor einer bewegungsunfähigen Nation. Schüler tragen immer öfter Gewalt in die Proteste.

Es sind die Bilder und Szenen, die jede Regierung vermeiden will: Jugendliche, die Steine auf Polizisten werfen, durch Gummigeschosse verletzte Schüler, blockierte Straßen und Tankstellen ohne Sprit. Zudem tägliche Großdemonstrationen und immer lauter werdende Forderungen nach einem Generalstreik. Die französische Regierung sieht sich wegen ihrer umstrittenen Rentenreform immer stärker unter Druck. Der Kampf mit den Gewerkschaften scheint härter zu werden als angenommen.

Schuld daran sind nicht zuletzt diejenigen, die gar nicht unmittelbar von den Reformplänen betroffen sind. Schüler und Studenten beteiligen sich seit Tagen mit überraschendem Eifer an den Protesten - immer wieder kommt es zu Ausschreitungen mit Verletzten. Zeitungen und TV-Sender zeigten am Freitag das mitleiderregende Bild eines schwer am Auge verletzten 16-Jährigen. Ein Gummigeschoss der Polizei hatte ihn am Vortrag bei einer Protestaktion getroffen.

Jugend mit Zukunftsängsten

Auch auf der anderen Seite gibt es Opfer. Im südfranzösischen Cannes und in anderen Städten flogen am Freitag Steine gegen Sicherheitskräfte. Mehrere Polizisten wurde verletzt. "Sarkozy, Du bist am Ende, die Jugend ist auf der Straße", lautet eine der Parolen, die bei den Demos gebrüllt werden.

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Ein Soziologe befürchtet einen neuen Pariser Mai. 1968 legte wochenlanger Generalstreik das ganze Land lahm.

(Foto: Reuters)

Die Jugendlichen begründen ihre Beteiligung an den Protesten mit Zukunftsängsten. "Arbeitslos mit 30 - Rente mit 80 - Nein Danke" oder "Die Rente - ein Thema der Jugend" steht auf ihren Plakaten. Sie befürchten, dass sie noch schlechtere Aussichten auf einen Job haben, wenn alle für ihre Rente länger arbeiten müssen. Manche verweisen auch auf ihre Eltern. Sein 45 Jahre alter Vater, der als Maurer arbeite, sei am Abend völlig fertig, erzählt ein Jugendlicher der Zeitung "Libération". Er selber wolle deswegen auch nicht bis 62 arbeiten.

Ausschreitungen nicht ausgeschlossen

"Die Generation fühlt sich im Stich gelassen", erklärt der Soziologe Michel Fize. Selbst die Gefahr schwerer Ausschreitungen sei nicht ausgeschlossen. "Das kann einen neuen Mai 1968 geben", warnte der Wissenschaftler und verweist auf die Spannungen zwischen der Jugend und der Polizei. Die Pariser Behörden verboten am Freitag den Sicherheitskräften den weiteren Einsatz von Gummigeschossen.

Neben weiterer Gewalt droht dem Land außerdem ein massives Transportproblem: Am Freitag waren alle zwölf Raffinerien des Landes von Arbeitsniederlegungen betroffen, sogar die Treibstoffversorgung des Pariser Flughafens Charles de Gaulle wurde unterbrochen. Mehrere hundert Tankstellen mussten mangels Nachschub schließen.

Wie die Machtprobe zwischen Sarkozy und Jugend sowie Gewerkschaften ausgeht, werden die nächsten Tagen zeigen. Die Regierung hofft, die Reform bis Ende des Monats endgültig durchs Parlament bringen zu können. Für diesen Samstag und den nächsten Dienstag sind allerdings schon wieder Großdemonstrationen geplant.

Quelle: ntv.de, Ansgar Haase, dpa