Politik

Als Redner schon Kanzler-Format "Schulz nimmt die Leute in den Arm"

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(Foto: imago/Rüdiger Wölk)

Er könne "eine Nonne aus dem Kloster reden", sagte ein Freund von Martin Schulz einmal über den SPD-Kanzlerkandidaten. Die mitreißenden Auftritte des neuen Hoffnungsträgers tragen viel bei zur Euphorie um "Sankt Martin" – vor allem, weil sich der Mann aus Würselen in seiner Rhetorik in einem entscheidenden Punkt von seinem Vorgänger Sigmar Gabriel unterscheidet, sagt Rhetorik-Professor Olaf Kramer von der Universität Tübingen. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt er, was Schulz zu einem guten Redner macht. Eine Kostprobe seines Talents wird Schulz am Mittwoch in Vilshofen beim Politischen Aschermittwoch geben.

n-tv.de: Herr Kramer, wann haben Sie zuletzt eine gute Rede eines Politikers gehört?

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Olaf Kramer lehrt Wissenskommunikation und Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen.

Olaf Kramer: Da könnte ich durchaus mit Martin Schulz antworten – seine Rede bei der SPD nach der Nominierung als Kanzler war ein Beispiel für eine gute und gelungene Rede.

Was genau gefiel Ihnen daran?

Politik besteht sehr stark aus Worten, mit ihnen wird politische Realität geschaffen. Martin Schulz hat es geschafft, eine Atmosphäre des Aufbruchs zu erzeugen. Er wirkt emotional auf seine Zuhörer ein und macht sein Programm greifbar.

Welche Werkzeuge eines guten Redners beherrscht Martin Schulz besonders gut?

Mir fällt auf, dass er bereit ist, seine eigene Emotionalität zu zeigen. In Deutschland sind Politiker eher vorsichtig mit Pathos und hoher Emotionalisierung, aus historischen, guten Gründen. So mancher verfällt aber ins absolute Gegenteil und wirkt wie ein reiner Sachwalter. Das ist bei Schulz anders, er zeigt eigene Rührung oder Verärgerung. Damit befolgt er einen Grundsatz der Rhetorik, der schon in der Antike bekannt war: Will der Redner eine Emotion beim Publikum auslösen, muss er sie selbst empfinden. Diese Authentizität ist bei Schulz greifbar – und das bringt ihn nah an die Leute.

Sehen Sie, Wahrnehmung funktioniert ja in Antithesen. Schulz' Vorgänger Sigmar Gabriel hat geschickt argumentiert, aber selten so etwas wie Wärme geboten. Das macht Schulz anders, und diese Gegensätzlichkeit sorgt gerade für Euphorie. Gabriel ist ein guter Debattenredner, er kann Dinge zuspitzen, aber er nimmt den Zuhörer nicht in den Arm. Schulz nutzt diese Umarmungstaktik.

Die Antithese der nächsten Monate wird Angela Merkel sein. Gegen die Kanzlerin wird Martin Schulz in TV-Duellen bestehen müssen. Wer beherrscht dieses Format besser?

Vom Potenzial her sind beide gut. Es ist dann eher davon abhängig, welche Stimmungslage gerade herrscht – ist eine Wechselstimmung da? Wenn Schulz die erzeugt, könnte Merkel alt aussehen. Das entscheidet sich aber eher im Vorfeld. Aber diese Fernsehduelle sind außerordentlich wichtig, da kann man Wahlen gewinnen und verlieren.

Sie sind Rhetorik-Professor, Sie sagen das nur aus Befangenheit.

Nein, nicht nur. Einer wie Gerhard Schröder hat Wahlen gewonnen, weil er ein guter Kommunikator war. Auch bei Parteitagen hat das großen Einfluss. Es passiert immer wieder, dass ein Politiker mit einer großen Rede Menschen mobilisiert.

Am Mittwoch muss Martin Schulz im Bierzelt bestehen, beim Politischen Aschermittwoch der SPD in Vilshofen. Liegt dieses Umfeld dem Kanzlerkandidaten?

Es ist ja weniger ein Format der politischen Kommunikation als vielmehr Comedy. Schulz ist ein erfahrener Redner, der sich nicht scheut, Emotionen zu zeigen. Insofern kann ich ihn mir gut dort vorstellen. Auch, weil er ein Gefühl für Stimmungen hat, für die Erwartungen und Interessen des Publikums. Das liegt ihm, im Gegensatz zu Frau Merkel, die viel mehr plant und sich nicht so sehr von spontanen Stimmungen treiben lässt. Das kann ja auch gefährlich sein, da können Sätze herauskommen, die man am Ende bereut. Politik findet ja heute unter medialer Dauerbeobachtung statt, es kann immer jemand sein Handy zücken und das Video ins Internet stellen. Oft werden nur Schnipsel gezeigt, Äußerungen völlig dekontextualisiert. Plötzlich wird etwas skandalisiert, was in der tatsächlichen Redesituation völlig unproblematisch war.

Andererseits sind wir doch mittlerweile im politischen Diskurs Polemik und drastische Wortwahl gewohnt, nicht nur dank Social Media, auch in der Talkshow-Dauerschleife wird mit heftiger Wortwahl diskutiert. Ein Ausspruch wie Franz Josef Strauß' legendärer "Saustall" wird heute kaum noch Aufsehen erregen.

Man könnte so argumentieren. Sicher hat der Politische Aschermittwoch auch nicht mehr diese Ventilfunktion. Aber generell haben wir es mit einer zweischneidigen Geschichte zu tun: Jeder kann sich kommunikativ ausleben, mitunter werden da auch jegliche Grundprinzipien der politischen Kommunikation und die Maßstäbe von Freundlichkeit und gesittetem Umgang verletzt. Aber auf der anderen Seite ist das Skandalpotenzial von Äußerungen größer geworden.

Merkt man den Reden der letzten Jahre diese veränderten Umstände an?

Es gibt eine schöne Episode aus Hillary Clintons Wahlkampf: Sie hat überlegt, ob sie einen Witz über Donald Trumps Frisur machen soll. Ihr Team hat drei Wochen lang beraten, die Reaktion auf verschiedene Witze getestet und am Ende entschieden: Sie macht es nicht. Diese Geschichte zeigt, wie kontrolliert politische Kommunikation mittlerweile abläuft. Selbst Barack Obama hat in seiner Amtszeit praktisch kein freies Wort gesprochen, er hat immer einen Teleprompter benutzt und einen durchkalkulierten Text. Weil er gut reden kann, hat er es allerdings geschafft, das spontan aussehen zu lassen.

Wenn Reden wie bei Obama dabei rauskommen: Wo liegt das Problem?

Die Politiker entfernen sich von ihren Zuhörern. Darin lag eine Ressource für Donald Trump. Viele haben seine Darbietungen zumindest als authentisch wahrgenommen. Die Künstlichkeit nimmt keine Rücksicht auf die Interessenlagen und die Motivation der Zuhörer. Die Offenheit geht verloren. Das Tolle an einer Rede ist doch, wenn sie zu einem Dialog wird. Man reagiert auf Signale der Zuhörer, kann einiges erklären, anderes überspringen, sich tragen lassen vom Feedback. All das verschwindet unter Teleprompter-Bedingungen.

Der Politische Aschermittwoch zehrt von seiner Tradition, von seiner besonderen urtümlichen Atmosphäre. Die klassische Rede gerät aber eigentlich gerade aus der Mode. Politiker wie Österreichs Kanzler Christian Kern, der auch in Vilshofen sprechen wird, folgen dem Motto "Talk like TED". Was bedeutet das?

Dahinter steht ein Bemühen um Anschaulichkeit. Die Redner versuchen eine Geschichte zu erzählen, mit richtiger Dramaturgie, mit Helden, einem retardierenden Moment und einem Höhepunkt. Ein wesentlicher Punkt ist die Inszenierung – weg mit dem Rednerpult, der Redner bewegt sich frei, nutzt Teleprompter statt Manuskript.

TED kommt ursprünglich aus der Tech- und Wissenschaftsszene. Was halten Sie davon, dass diese Technik nun auch in die Politik einzieht?

Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Das alte Setting funktioniert einfach nicht mehr, weil Reden oft für das Fernsehen gemacht werden. Der Adressat ist nicht nur das Publikum vor Ort, sondern der Zuschauer im Fernsehen. Und es gibt nun mal stärkere Bilder, wenn ich auf einer toll ausgeleuchteten Bühne rede. Außerdem wird die Rede mit einem Event verbunden, das funktioniert sowohl in klassischen Medien als auch auf Social Media besser.

Wir standen lange unter dem Regime des Textes, schon in der Schule lernen wir, Texte zu analysieren. Dem entspricht die klassische abgelesene Rede. Aber heute verlangen wir mehr Bilder, kürzere Einheiten, und das führt zum TED-Stil.

Passt das auch zu einem Mann wie Martin Schulz?

Man darf dieses Mittel nicht übertreiben. Es gibt ja auch einen Unterschied in der politischen Kultur. In den USA ist Politik schon länger auf Show und Bilder ausgelegt. Auch in Deutschland kann man einen Politiker toll inszenieren auf so einer Bühne, aber wenn die Bürger misstrauisch werden, kann das schnell kippen. Die große Inszenierung ist nicht in jeder Situation angemessen.

Mit Olaf Kramer sprach Christian Bartlau

Quelle: ntv.de