Politik

Nichts für schwache Nerven Sie alle wollen SPD-Chef werden

imago91991353h.jpg

Die rote Fahne über dem Willy-Brandt-Haus.

(Foto: imago images / IPON)

Wer hat die besten Chancen? Am Abend läuft die Frist aus für die Bewerber um den SPD-Vorsitz. Unter ihnen gibt es ein paar Altbekannte - und manche, die kaum einer kennen dürfte. Hier eine Übersicht über die potenziellen Retter der darbenden Partei.

Ausgerechnet an diesem Sonntagabend um 18 Uhr, wenn die Wahllokale in Brandenburg und Sachsen schließen, endet die Frist für die Bewerbung um den SPD-Chefposten. Inzwischen steht fest: Acht Zweierteams sind offiziell nominiert und bewerben sich damit für den Posten, der weniger Ruhm als viel Ärger und einen schnellen Verschleiß verspricht. Die Duos bekamen die Unterstützung von mindestens fünf Unterbezirken oder einem Bezirks- oder Landesverband. In 23 Regionalkonferenzen werden sich die Kandidaten in den kommenden Wochen der Basis stellen, die das letzte Wort hat. Hier eine Übersicht über die Bewerber - und ihre Chancen:

Olaf Scholz und Klara Geywitz

4c339463f7310ff9fe870746f941acc7.jpg

Pragmatiker und Favoriten: Scholz und Geywitz.

(Foto: dpa)

Der Bundesfinanzminister und Vizekanzler, der zunächst eine Kandidatur ausgeschlossen hatte, weiß, worauf er sich einlässt: Nach dem Rücktritt von SPD-Chef Martin Schulz führte er die Partei schon einmal kommissarisch. Der 61-jährige Hamburger hatte lange den Spitznamen "Scholzomat" und war ein Verfechter der Agenda 2010. Inzwischen allerdings hat er einige Wenden vollzogen, als Finanzminister fordert er einen Mindestlohn von 12 Euro die Stunde, die Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung und eine höhere Besteuerung großer Einkommen. Die Seele der Genossen erwärmt er allerdings trotzdem nicht, viele sehen in ihm einen Verfechter der ungeliebten Großen Koalition. Allerdings will er, so wie Geywitz, seine Kandidatur nicht an ein Bekenntnis zur GroKo knüpfen. Die Frau an seiner Seite ist für das Menschelnde zuständig, auch wenn sie selbst als nüchtern gilt. Die Potsdamer Landtagsabgeordnete Geywitz kann aber auch politische Erfahrung vorweisen. Die Mutter von drei Kindern war früher stellvertretende Landesvorsitzende und später Generalsekretärin in Brandenburg.

Chancen: Im RTL/n-tv Trendbarometer Anfang der Woche, als noch nicht alle Bewerber feststanden, liegen sie klar vorn. 26 Prozent der Mitglieder würden sich für sie entscheiden. Vor allem die Anhänger der GroKo unterstützen sie. Für einen richtigen Aufbruch stehen sie allerdings nicht - dafür für Erfahrung und Verlässlichkeit.

Karl Lauterbach und Nina Scheer

122445596.jpg

Im RTL/n-tv Trendbarometer rangieren sie auf Platz zwei: Lauterbach und Scheer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der SPD-Fraktionsvize und Medizinprofessor ist ebenfalls überregional bekannt - und sei es nur wegen seiner Fliege (hier ausnahmsweise nicht im Bild) und seines rheinischen Tonfalls. Er gehört wie die Umweltpolitikerin Scheer zum linken Flügel der SPD, beide fordern eine Runderneuerung der Partei. Schon Mitte Juli sprach sich Lauterbach im Interview mit n-tv.de klar für einen Austritt aus der GroKo aus: "Wir machen ja keine Fortschritte, die Schnittmenge ist nicht groß genug." Auch forderte er jüngst eine Vermögenssteuer mit Links-Grün.

Chancen: Die beiden könnten denen, die schon lange einen Ausstieg aus der GroKo fordern, eine Stimme geben. Im RTL-Trendbarometer rangieren sie mit 14 Punkten auf Platz zwei.

Gesine Schwan und Ralf Stegner

Gesine Schwan und Ralf Stegner kommen zu einer Pressekonferenz. Foto: Britta Pedersen

Kein Zeichen für Verjüngung: Schwan und Stegner.

(Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)

Die beiden gehören zu den bekannteren Gesichtern unter den Bewerbern. Allerdings zählen sie auch nicht zu den jüngsten, zusammen kommen sie auf 135 Jahre - womit sie, wie Spötter bemerkten, fast das Alter der SPD erreichen. Die Politikwissenschaftlerin und ehemalige Präsidentin der Europa-Universität in Frankfurt/Oder kandidierte bereits zweimal für das Amt der Bundespräsidentin. "Ich will helfen, diese Abwärtsspirale zu stoppen und eine Aufwärtsspirale zu schaffen", sagte sie vor wenigen Wochen n-tv.de. Stegner ist vor allem für seine linken Positionen bekannt, die Große Koalition betrachtet er ambivalent: "Die Groko ist weder das Übel von allen Übeln, noch ist sie Selbstzweck und wird einfach fortgesetzt," sagte er bei der Vorstellung seiner Kandidatur vor zwei Wochen. Schwan plädiert dafür, abzuwägen, in welcher Konstellation es die "beste Chance" für eine gute Politik gebe.

Chancen: Auch wenn die Kandidatur der beiden für viel Häme gesorgt hat, könnten sie doch Genossen überzeugen, die einen klareren Linksruck befürworten. Im Trendbarometer sprechen sich immerhin 13 Prozent für sie aus.

Petra Köpping und Boris Pistorius

d90218ef48335406818e1bd03e271a4c.jpg

Profilierte Landesminister: Köpping und Pistorius.

(Foto: dpa)

Der 59-Jährige aus Niedersachsen und die 61-Jährige aus Sachsen sind beide profilierte Landesminister mit lokalpolitischer Erfahrung. Als Innenminister ist Pistorius, der gerne den Machertyp abgibt, auch überregional bekannt. Köpping, die in Sachsen Integrationsstaatsministerin ist, engagiert sich stark im Kampf gegen Rechtsextremismus. Zugleich will sie sich um die Abgehängten und Unzufriedenen im Osten kümmern und gibt ihnen in ihrem Buch "Integriert doch erst mal uns" eine Stimme.

Chancen: Das Duo dürfte vor allem bei konservativeren SPD-Mitgliedern punkten. Unterstützung bekommen sie im Trendbarometer von rund 12 Prozent der Mitglieder.

Christina Kampmann und Michael Roth

imago92111435h.jpg

Schon länger umtriebig: Kampmann und Roth

(Foto: imago images / photothek)

Als noch alle zauderten, hatten sich der Europa-Staatsminister Roth und die ehemalige Familienministerin aus NRW als erstes Duo für den SPD-Schleudersitz gemeldet. Die Pläne der beiden Parteilinken sind konkret: Sie sprechen sich für eine grundlegende Reform der Parteistrukturen aus und wollen die Basis stärker einbinden. Das Motto ihrer Kampagne: "Mit Herz und Haltung." Die Schuldenbremse ist in ihren Augen überholt, die Große Koalition sehen sie kritisch. Bereits seit Wochen machen sie Wahlkampf für sich.

Chancen: Im RTL/n-tv Trendbarometer würden sich gerade mal 7 Prozent für sie entscheiden. Vielleicht überzeugen sie allerdings noch durch ihr besonderes Engagement. Auch kommen sie aus den mitgliederstarken Landesverbänden Hessen und Nordrhein-Westfalen, was ihre Chancen erhöhen könnte.

Simone Lange und Alexander Ahrens

123310095.jpg

Das lokalpolitische Duo: Lange und Ahrens.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch wenn Lange nur Oberbürgermeisterin von Flensburg ist, ist sie doch vielen über ihre Partei hinaus bekannt: Sie hatte bereits 2018 gegen Andrea Nahles für den Parteivorsitz kandidiert und ist eine dezidierte Gegnerin der Hartz-IV-Reformen: "Ich möchte gerne diese Menschen um Verzeihung bitten und zurückgewinnen", kündigte sie bei ihrer Vorstellung an. Ihr Mitbewerber Ahrens ist in West-Berlin geboren und nun Oberbürgermeister von Bautzen. Ahrens, der zwischenzeitlich aus der SPD ausgetreten war, spricht sich für einen Ausstieg aus der Großen Koalition aus.

Chancen: Auch wenn sie beide für Aufbruch stehen: Beiden fehlt die landes- und bundespolitische Erfahrung. Im RTL/n-tv Trendbarometer kommen sie lediglich auf 7 Prozent.

Hilde Mattheis und Dierk Hirschel

15964137c081cf4e5879b5f1a8155937.jpg

Für mehr "demokratischen Sozialismus: Mattheis und Hirschel.

(Foto: dpa)

Beide vertreten den linken Flügel und treten mit dem Versprechen an, mehr "demokratischen Sozialismus" zu wagen. Mattheis sitzt seit 2002 im Bundestag, wo sie auch mal gegen die Fraktionslinie stimmt. Hirschel arbeitet als Chefökonom der Gewerkschaft Verdi. Beide fordern einen Linksruck und einen schnellen Ausstieg aus der GroKo. Und sie haben noch einen Vorschlag, der immerhin manche Herzen erwärmen könnte: Der Personennahverkehr müsse kostenlos sein.

Chancen: Beide gehen als Außenseiter ins Rennen.

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

Esken.jpg

Mit Unterstützung des Landesverbands NRW: Esken und Walter-Borjans.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Beiden haben erst kurz vor Schluss ihren Anspruch auf den SPD-Chefposten geltend gemacht. Der ehemalige Finanzminister aus Nordrhein-Westfalen ist bundesweit bekannt wegen seines Kampfes gegen Steuerbetrug und den Ankauf von Steuer-CDs in der Schweiz. Esken ist Informatikerin und sitzt seit 2013 im Bundestag. Die Große Koalition sehen beide kritisch.

Chancen: Der NRW-Landesverband hat das Duo am Freitagabend einstimmig nominiert, was ihnen bei der Abstimmung helfen könnte.

Die Einzelkämpfer

Neben den Duos gab es noch mehrere Einzelkämpfer, die die SPD retten wollten. Allerdings gelang es ihnen nicht, genügend Unterstützer für sich zu gewinnen. Unter ihnen ist der 79-jährige Hans Wallow. Er war in den 80er- und 90er-Jahren Bundestagsabgeordneter und warb mit seiner langjährigen Erfahrung. Auch der Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Brunner wollte seine Partei retten. Er ist Mitglied des konservativen Seeheimer Kreises.Außerdem wollte der Lübecker Marcus del Monte die Partei führen, ebenso wie der Berliner Start-Up-Unternehmer Robert Maier.

33dfbc78ad1c8875594ae5220b1a5018.jpg

Macht er das Rennen? Der Satiriker Böhmermann will in die Fußstapfen Willy Brandts treten.

(Foto: dpa)

Und dann war da noch Jan Böhmermann. Er hatte am Donnerstag mitgeteilt, dass er sich bewerben wolle. Wie ernst es der Satiriker meinte, war allerdings unklar. Zwar hatte ihn der SPD-Kreisverband Köthen am Samstag als Mitglied aufgenommen. Damit dies gültig wird, müssten aber die für Köthen und für Böhmermanns Wohnort Köln zuständigen Unterbezirke zustimmen. Dies sei nicht passiert, sagte eine SPD-Vertreterin.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema