Politik

Abschied von toten Bundeswehrsoldaten Taliban drohen mit weiteren Angriffen

Die Bundeswehr in Afghanistan ist in eine neue Spirale tödlicher Gewalt geraten. Nach dem Tod von drei Bundeswehrsoldaten bei Gefechten mit Taliban sterben mindestens fünf afghanische Soldaten durch irrtümlichen Beschuss von deutscher Seite. Die Taliban drohen Deutschland mit "weiteren Todesopfern".

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Sabiullah Mudschahid 2008 bei einem Interview in der Provinz Helmand.

(Foto: dpa)

Nach dem Tod von drei Bundeswehrsoldaten in der Region Kundus haben die radikalislamischen Taliban gedroht, die deutschen Einheiten in Afghanistan verstärkt ins Visier zu nehmen. "Sollten die Deutschen weiterhin in Afghanistan bleiben, werden sie weitere Todesopfer erleiden", sagte Sabiullah Mudschahid, ein Sprecher der Taliban. Die Taliban hätten die Bundesregierung und den Bundestag gewarnt, sie sollten die Bundeswehr aus Afghanistan abziehen, sagte Mudschahid, der sich von einem unbekannten Ort aus telefonisch äußerte. "Aber sie haben nicht gehört."

"Wir haben kein Problem mit Deutschland. Afghanistan und Deutschland haben historische Beziehungen. Deshalb sollte Deutschland Afghanistan weiter helfen und damit aufhören, die Invasionstruppen zu unterstützen", sagte Mudschahid in Anspielung auf den Sturz des Taliban-Regimes nach dem Einmarsch des US-Militärs Ende 2001.

Rund 100 Taliban-Kämpfer hatten den Bundeswehrkonvoi am Karfreitag im Einsatzgebiet der Bundeswehr im der nördlichen Provinz Kundus angegriffen. Bei den anschließenden Gefechten, den bislang schwersten Kämpfen der Bundeswehr in Afghanistan, waren drei deutsche Soldaten getötet und acht verletzt worden. Alle waren nach Bundeswehr-Angaben aus dem niedersächsischen Standort Seedorf, 70 Kilometer westlich von Bremen, nach Afghanistan abkommandiert worden.

Verletzte Soldaten im Bundeswehrkrankenhaus

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Die Bundesdienstflagge am Haupttor der Fallschirmjäger-Kaserne in Seedorf ist auf Halbmast gesetzt.

(Foto: dpa)

Die drei Toten sollen Sonntag im Anschluss an eine Trauerfeier im Feldlager Kundus in einem Airbus nach Deutschland geflogen werden, mit dem Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) in die Region gereist war.

Die vier schwer verletzten Soldaten wurden bereits in die Heimat gebracht. Sie landeten mit einer Bundeswehr-Maschine auf dem Flughafen Köln/Bonn und wurden sofort ins Bundeswehrkrankenhaus nach Koblenz gebracht, wie ein Luftwaffensprecher am Abend bestätigte. Sie hatten bei den Kämpfen mit radikal-islamischen Taliban Schuss- und Splitterverletzungen erlitten.

Bei aller Trauer über den Verlust der Kameraden hält die Bundeswehr in Nordafghanistan an ihrem Auftrag fest, die Bevölkerung vor den Taliban zu schützen. "Es ist auch ganz klar, dass die Opfer, die gebracht werden, nicht umsonst sein dürfen", sagte der ISAF-Kommandeur für Nordafghanistan, Brigadegeneral Frank Leidenberger, im Hauptquartier in Masar-i-Scharif, 150 Kilometer westlich von Kundus.

Bundeswehr tötet verbündete Soldaten

Die Bundeswehr in Afghanistan ist unterdessen in eine neue Spirale der tödlichen Gewalt geraten. Im Zusammenhang mit dem schweren Gefecht am Karfreitag kamen mindestens fünf afghanische Sicherheitskräfte aus Versehen durch Bundeswehrbeschuss ums Leben. Sie hatten eine Fahrzeugkontrolle verweigert.

Gouverneur fordert bessere Absprachen

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Gouverneur Mohammad Omar fordert eine bessere Koordination der Einsätze.

(Foto: dpa)

Der tödliche Zwischenfall ereignete sich, als die deutschen Kräfte das Lager Kundus verließen, um die zuvor im Gefecht eingesetzten Soldaten in ihren Stellungen abzulösen. Der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammad Omar, sagte, es seien sechs Afghanen getötet worden. Diese Zahl nannte auch das Verteidigungsministerium in Kabul. Die Bundeswehr blieb dagegen bei ihrer Darstellung von fünf Toten. Der Gouverneur kritisierte das Vorgehen der Bundeswehr: "In Zukunft sollten sie vorsichtiger vorgehen. Es sollte mehr Absprachen zwischen beiden Seiten bei solchen Einsätzen geben."

Die Afghanen waren laut Bundeswehr in Zivilfahrzeugen unterwegs gewesen und hatten trotz Aufforderung der deutschen Seite nicht angehalten. Daraufhin schoss ein Schützenpanzer vom Typ Marder auf eines der Fahrzeuge. Der Sprecher der Bundeswehr sagte, man bedauere den Vorfall zutiefst. Das Geschehen werde überprüft. Auch die NATO kündigte eine Prüfung an.

Merkel telefoniert mit Karsai

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai ihr Beileid zum Tod der Soldaten ausgesprochen. Wie ein Regierungssprecher in Berlin mitteilte, telefonierte die Kanzlerin mit dem afghanischen Präsidenten. Karsai habe seinerseits sein Mitgefühl anlässlich des Todes der drei Bundeswehrsoldaten bei dem Gefecht am Freitag zum Ausdruck gebracht.

Guttenberg bricht Urlaub ab

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) brach seinen Osterurlaub in Südafrika ab. Gemeinsam mit dem Generalinspekteur Volker Wieker werde der Minister am Ostersonntag in Bonn die Öffentlichkeit über die Ereignisse in Afghanistan informieren, teilte das Verteidigungsministerium mit. Guttenberg bedauerte den Tod der Afghanen. Die deutschen Soldaten täten alles, um Opfer zu vermeiden. "Aber im Krieg wie in kriegsähnlichen Zuständen zeigt die bittere Erfahrung, dass solche Vorfälle nie vollends auszuschließen sind", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Bislang 39 tote deutsche Soldaten

Die Zahl der in Afghanistan seit Beginn des Einsatzes Anfang 2002 gestorbenen deutschen Soldaten stieg nach dem Gefecht an Karfreitag auf 39. Die Deutschen wurden nach Darstellung des ISAF-Kommandeurs Leidenberger beim Minenräumen angegriffen. Die Bundeswehr war im Laufe des mehrstündigen Gefechts rund sechs Kilometer westlich von Kundus mit mehreren Kompanien im Einsatz. Zu einer Kompanie gehören etwa 150 Soldaten. Die Truppe wurde aus der Luft unterstützt, laut Leidenberger wurden aber keine Bomben abgeworfen.

Es war der erste tödliche Zwischenfall unter Beteiligung deutscher Soldaten in Afghanistan seit dem verheerenden Bombardement zweier Tanklastzüge bei Kundus im September 2009. Bei dem von der Bundeswehr angeordneten Luftschlag waren bis zu 142 Menschen getötet oder verletzt worden.

Quelle: ntv.de, dpa

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