Politik

Am Sonntag wird gewählt "Tunesien wird für seine Demokratie bestraft"

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Die Straßen von Tunis hängen voller Wahlplakate.

(Foto: AP)

Seit im Mutterland des Arabischen Frühlings westliche Werte gelten, sind Investoren abgezogen. Die Tourismusministerin des Landes, Amel Karboul, sagt im n-tv.de Interview: Die Armut macht das Land fragil. Dennoch verbreitet sie viel Optimismus.

n-tv.de: Sie haben in den vergangenen 20 Jahren vor allem in Europa gelebt und wurden Anfang des Jahres Ministerin in Tunesien. Wie haben Sie mit ihrem europäischen Blick die Politik dort wahrgenommen?

Amel Karboul: Ich habe auch in Südafrika und den USA gelebt und war oft in Tunesien. Innerhalb von drei Jahren hat das Land gelernt, verschiedene Sichtweisen auf Gesellschaft und Politik zu verbinden. Diese Strömungen erscheinen von Europa aus widersprüchlich, und darum hat es mich positiv überrascht, wie gut das bei der Ausarbeitung der Verfassung funktioniert hat. Kurz bevor ich Ministerin wurde, hatten die Tunesier mit 92 Prozent für diese Verfassung gestimmt. Mir wurde aber bewusst, dass nicht nur das Ergebnis wichtig ist, sondern auch, wie wir zu diesem Ergebnis gekommen sind.

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Amel Karboul, ein Vorbild für viele Frauen in Tunesien und der arabischen Welt.

Wie geht es den Tunesiern heute, dreieinhalb Jahre, nachdem sie Ben Ali gestürzt und damit den Arabischen Frühling ausgelöst haben?

Das Glas ist halbvoll oder eben halbleer. Politisch und gesellschaftlich haben wir sehr viele Fortschritte gemacht. Wir sind nicht im Krieg, - auch nicht im Bürgerkrieg. Wir sind auch nicht nur eine kosmetische Demokratie. Unsere Verfassung garantiert die Gleichheit von Männern und Frauen, die Religionsfreiheit und das Recht auf Kultur. Das ist nicht nur im Vergleich mit anderen arabischen Staaten sehr fortschrittlich. Vor vier Jahren hätte das noch niemand geglaubt. Als Ministerin sieht man von morgens bis abends Probleme, aber nach einem langen Arbeitstag sitze ich wieder da und denke: Mein Gott, wir bauen hier gerade die erste Demokratie in der arabischen Welt auf. Und es gibt keine Aufgabe, die sinnvoller sein könnte. Darauf sind wir alle sehr stolz.

Das halbleere Glas ist die wirtschaftliche Seite...

Ja. Wir haben nicht die Fortschritte gemacht, die sich die Revolution erhofft hat. Und das macht mir manchmal Sorgen. Ich frage mich: Wie lange kann eine Demokratie ohne Wohlstand überleben? Die Tunesier haben die westlichen Werte Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung erkämpft und wurden in den letzten Jahren damit bestraft, dass aus dem Westen weniger Investoren nach Tunesien kamen und weniger Touristen. Das ist ja mein Fachgebiet: Die Zahl der Buchungen ist noch nicht so hoch wie vor der Revolution, also 2010.

Kann die Parlamentswahl an diesem Sonntag etwas verändern?

Wir sind sehr hoffnungsvoll, dass die Wahl sicher, transparent und fair abläuft. Damit können wir zeigen, dass Tunesien stabil ist. Das könnte die Investoren zurückbringen.

Amel Karboul

Amel Karboul, Jahrgang 1971, kam mit 20 Jahren nach Karlsruhe um Maschinenbau zu studieren und schloss fünf Jahre später als Jahrgangsbeste ab. Ihre Unternehmensberatung "Change, Leadership and Partners" hat Büros in Tunis, Köln, Virginia und London. Im Januar 2014 übernahm sie den Posten der Tourismusministerin in der neuen tunesischen Expertenregierung.

Fürchten Sie, dass sich die Menschen von der Demokratie abwenden, wenn sich die Wirtschaft nicht schnell erholt?

Kurzfristig glaube ich das nicht. Mittelfristig muss man sich fragen: Kann eine Demokratie ohne Wohlstand überleben? Das weiß ich nicht. Es gibt keine Beispiele für das, was wir hier machen. Wir haben als Regierung die Wirtschaft in den Mittelpunkt gestellt, nachdem es in den vergangenen drei Jahren mehr um Demokratie und Stabilität gehen musste. Ich will nicht so tun, als gäbe es kein Risiko. Ein Land mit hoher Arbeitslosigkeit und großen sozialen Unterschieden ist einfach fragil.

Wie steht es um die Sicherheit im Land? Es gibt salafistische Terrorzellen, die Anschläge begehen, und die Grenze nach Libyen ist nicht dicht.

Wir sind besser geworden. Mittlerweile können wir jeden kontrollieren, der nach Tunesien einreist. Das ist vor allem an der Grenze zu Libyen wichtig. Und trotz des Umbruchs ist hier kein einziger Tourist oder Ausländer bedroht worden. In den letzten vier Jahren sind 25 Millionen Touristen nach Tunesien gekommen und sie sind alle sicher zurückgekehrt.

Was erhoffen Sie sich von Deutschland, damit die Entwicklung in Tunesien vorankommt?

Vor allem Vertrauen und Unterstützung. Unsere Beziehung zu Deutschland hat sich in den letzten Jahren sehr verbessert. Die Bundeskanzlerin selbst hat gesagt, Tunesien sei vor der Revolution mehr eine Sache Frankreichs gewesen. Nun ist Deutschland viel mehr involviert. Keine der deutschen Firmen ist wegen der Revolution aus Tunesien abgezogen. Das ist alles sehr positiv und so muss es weitergehen. Nicht aus Altruismus, sondern aus eigenen Interessen: Der Erfolg Tunesiens in dieser instabilen Region ist auch ein Erfolg Europas. Und darum ist es auch im Interesse Deutschlands, Tunesien zu helfen. Das tut Deutschland ja auch. Ich wünsche mir für meinen Bereich natürlich, dass mehr Deutsche ihren Urlaub bei uns verbringen.

In Tunesien werden Sie für ihren volksnahen Stil kritisiert oder wenn sie auf Fotos barfuß am Strand zu sehen sind. Stört Sie das nicht?

Überhaupt nicht. Viele Menschen finden das positiv und andere eben nicht. Das gehört dazu. Wenn man authentisch ist, dann polarisiert man. Das ist doch immer so. Früher habe ich Projekte für Unternehmen geleitet. Da habe ich immer gesagt: Widerstand ist ein gutes Zeichen. Denn wenn es keinen Widerstand gibt, dann verändert man auch nichts. Ich versuche, ich selbst und spontan zu sein. Wenn das manchen nicht gefällt, ist das deren Problem und nicht meins.

Nach der Wahl endet Ihre Amtszeit. Was machen Sie als nächstes?

Bis die neue Regierung im Amt ist, kann es noch vier Monate dauern. Bis dahin arbeite ich weiter. Dann werde ich etwas Urlaub machen. Ein Land in einer solchen Phase der Veränderung zu regieren, ist sehr anspruchsvoll. Und was dann ist, weiß ich wirklich noch nicht. Am Herzen liegt mir das Thema Frauen: Ohne, dass ich das angestrebt hätte, bin ich zu einem Vorbild für viele Frauen in Tunesien und der arabischen Welt geworden. An mir sehen sie, dass man unabhängig sein kann.

Mit Amel Karboul sprach Christoph Herwartz

Quelle: n-tv.de

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