US-Wahl 2020

Trumps Sieg bei Floridas Latinos "Magazolaner" hoffen auf Militärintervention

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Ende September warb Trump in Miami bei "Latinos for Trump" um Stimmen - und bei weiteren Veranstaltungen in Florida vor der Wahl.

(Foto: AP)

Florida hat für US-Präsident Trump gestimmt. Republikanische Wahlkämpfer begannen dort früh, um Latinos zu werben - vor allem bei Exilvenezolanern sehr erfolgreich. Sie befürworten eine US-Militärintervention.

Drei Wochen vor der US-Wahl fährt eine Autokolonne durch Miami. Manche halten "Latinos for Trump"-Schilder aus den offenen Fenstern oder haben Pro-Polizei-Fahnen dabei. Die "antisozialistische und antikommunistische Karawane", wie sie die Organisatoren nennen, ist nicht die erste ihrer Art, aber diesmal zieht sie sich über Kilometer durch die Stadt, mit 20.000 Teilnehmern in Tausenden Autos; unter anderem Kubaner, Kolumbianer, Nicaraguaner und Venezolaner. An der Gegendemonstration für den Demokraten Joe Biden nehmen etwa 30 Fahrzeuge teil. Trump twittert an diesem Tag: "Joe Biden ist eine MARIONETTE der CASTRO-CHAVISTEN".

Die Latinos im Bundesstaat Florida sind nicht die größte Wählergruppe, sie machen etwa 17 Prozent der registrierten Wählerschaft aus. Das liegt aber über dem nationalen Anteil von 13 Prozent. Und es ist genug, um eine Wahl zu entscheiden. Zusätzlich zum üblichen wichtigsten Thema, der Wirtschaft, sind sie überaus sensibel, was die US-Außenpolitik in der Hemisphäre angeht. Die Exilkubaner etwa favorisieren größtenteils eine Politik der harten Hand gegen das sozialistische Havanna. Auch, wenn das möglicherweise dortige Familienangehörige in Alltagsschwierigkeiten bringt. Für die rasant wachsende Wählergruppe der Exilvenezolaner gilt das noch viel mehr. Fast alle hoffen auf eine militärische Lösung, um Staatschef Nicolás Maduro endlich zu stürzen.

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US-Flaggen, kubanische Flaggen - eine Pro-Trump-Veranstaltung in Miami.

(Foto: AP)

Vor vier Jahren hatte Donald Trump Florida knapp gewonnen, es war einer der Schlüssel zu seiner Präsidentschaft. Die registrierte Latino-Wählerschaft ist seither von 2 Millionen auf 2,5 Millionen Menschen angewachsen. Die Demokraten hatten darin eigentlich einen Hoffnungsschimmer gesehen, den Bundesstaat zurückerobern zu können. Dieses Ziel verfehlten sie völlig. Trump verdreifachte seinen Gesamtvorsprung und gewann Florida mit 375.000 Stimmen. Laut Nachwahlbefragungen entschieden sich 47 Prozent der Latino-Wähler für Trump, 12 Prozentpunkte mehr als 2016. Weshalb?

Erstens verloren Biden und Harris in Florida einen medialen Deutungskampf. Zweitens sind auch Latinos in Florida konservativer als anderswo. Und schließlich glauben laut einer Studie 60 Prozent der Latinos in den USA, sie würden irgendwann im Mainstream aufgehen oder zumindest durch harte Arbeit ihren gesellschaftlichen Status verbessern. Sie glauben an den Amerikanischen Traum. Da ist es zweitrangig, dass Trump Einwanderern aus Lateinamerika pauschal unterstellte, sie seien "Kriminelle" und "Vergewaltiger". Sie sind ja schon da und fühlen sich nicht direkt angesprochen.

Die Mehrheit der Latinos sagt, die US-Wirtschaft sei der entscheidende Grund für ihre Wahlentscheidung: 80 Prozent. Dabei haben sowohl die historisch niedrigen Arbeitslosenzahlen unter Trump als auch die Pandemie ihre Spuren hinterlassen: Latinos arbeiten häufiger in Servicejobs. Sie haben mehr Corona-Ansteckungen und Todesopfer in ihren Familien zu beklagen, zugleich weniger finanzielle Rücklagen, und sind deshalb auf ihre Jobs angewiesen. In über der Hälfte der Latino-Haushalte wurde jemand wegen der Corona-Krise entlassen. Ein Drittel sagte Pew Research, sie hätten zeitweise nicht genug Geld gehabt, um Nahrungsmittel zu kaufen.

Angst vor Sozialismus ausgenutzt

Die beiden mit Abstand größten Latino-Gruppen in Florida sind Kubaner mit mehr als 900.000 Wahlberechtigten sowie 850.000 Puertoricaner, die gemeinsam 56 Prozent der Latinos in Florida ausmachen (55 Prozent der Kubaner entschieden sich für Trump). Die Venezolaner machen zwar nur 2 Prozent der Wählerschaft aus, aber 66 Prozent wollten für Trump stimmen. Zudem waren sie extrem enthusiastisch: 98 Prozent sagten vor der Wahl in einer umfassenden Umfrage der University of North Florida, sie wollten mindestens wahrscheinlich abstimmen, 89 Prozent "fast sicher". Das war ein fast doppelt so hoher Anteil wie bei anderen Latinos.

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Juan Guaidó im Februar, bei einer Veranstaltung für Exilvenezolaner in Miami.

(Foto: REUTERS)

Trump gestaltete seine Venezuela-Politik nur für den Zweck, um Florida erneut zu gewinnen, schreibt die "New York Times". Der selbsternannte venezolanische Präsident Juan Guaidó war im Februar zu Gast im Weißen Haus und hatte bei Trumps Rede zur Lage der Nation einen umjubelten Auftritt. Immer strengeren Sanktionen gegen Caracas zeigten Durchsetzungswillen und die parallelen Geheimtreffen, um Maduro zum Rücktritt zu bewegen, das Ziel.

Die Erfahrungen aus dem Niedergang der Heimat haben die Venezolaner nachdrücklich geprägt, sagt die Politikwissenschaftlerin Maria Puerta Riera, die selbst Venezolanerin ist und seit fünf Jahren in Orlando in Florida lebt. "Die Menschen fühlen sich unwohl und sind depressiv", berichtet sie: "Wir sind nicht abgekoppelt von der Lage zu Hause." Auch Rieras Familie lebt noch immer in Venezuela. Ihren Landsleuten bescheinigt sie pure Besessenheit mit Trump und einen noch möglichen Wahlsieg, da sie auf Tabula-Rasa-Hilfe gegen Maduros Führungsriege hoffen. "Ich habe so etwas noch nie erlebt", sagt sie am Telefon. Manche ihrer Landsleute und fanatischen Trump-Unterstützer nennen sich selbst "Magazolanos", eine Mischung aus Trumps Slogan "Make America Great Again", kurz MAGA, und ihrer Herkunft.

Schon im Frühsommer hatten die Republikaner in dem südlichen Bundesstaat damit begonnen, zu plakatieren und Latinos mit Werbung zu bombardieren. Ihre Botschaft war simpel, aber effektiv: Die Demokraten würden von Linken kontrolliert, machten gemeinsame Sache mit Autokraten und könnten die USA ins Verderben reißen. In Spanisch sprachiger Fernsehwerbung wurde Biden gezeigt, wie er Maduro lächelnd die Hand schüttelt, eine Szene aus dem Jahr 2015. Es folgen Bilder der linken Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, dem Senator Bernie Sanders und Ché Guevara. Seit der ehemalige Präsident Barack Obama im März 2016 den damaligen kubanischen Präsidenten Raúl Castro traf, ist die Angriffsfläche auf die Demokraten enorm.

Die Demokraten versuchten zugleich, Trump selbst als Autokraten darzustellen, der Demonstranten wie bei den "Black Lives Matter"-Protesten brutal mit Polizei und Armee unterdrücke. "Die Macht des US-Präsidenten ist total", sagt Trump in einem entsprechenden TV-Spot, bevor die Namen von Fidel, Chávez, Maduro und Trump über den Schirm flimmern. Trump sei ein "Caudillo", ein Anführer vom gleichen Schlage wie linke Autokraten, heißt es darin.

Das war offensichtlich nicht die richtige Strategie. In Miami-Dade, Floridas Wahlkreis mit den meisten Wählern, gewann Biden mit 7 Prozent Vorsprung. Bei Hillary Clinton waren es vor vier Jahren noch 30 Prozent. "Er hatte die große Chance, Florida zu gewinnen, wenn er auf die richtigen Botschaften gesetzt hätte", sagte kurz nach der Wahl Domingo Garcia, Chef der größten Latino-Organisation in den USA.

Für die Politikwissenschaftlerin Riera versäumten die Demokraten insbesondere, die Puertoricaner auf ihre Seite zu ziehen. Die seien sehr empfänglich für deren Botschaften. Es habe an strukturierter Unterstützung gefehlt, etwa um sich zu registrieren, Briefwahlunterlagen zu beantragen oder ins Wahllokal zu gelangen.

Militärintervention statt Verhandlungen

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Die Exilvenezolaner wollen Maduros Absetzung mit Gewalt. Auf dem Foto ist ein Plakat in Caracas zu sehen.

(Foto: AP)

Der Fall der Exilvenezolaner zeigt, wie sehr auf bestimmte Wählergruppen zugeschnittene Angstbotschaften verfangen können. Zudem sei der Einfluss von Falschinformationen bei Venezolanern groß, sagt Politikwissenschaftlerin Riera. "Auch ich bekomme von Verwandten aus Venezuela Artikel über QAnon zugeschickt", berichtet sie. QAnon, das ist der radikale Verschwörungskult, dessen Anhänger glauben, Trump sei auserwählt, einen Kinderschänderring zu vernichten, der von Demokraten und der "Elite" geleitet werde. Exilvenezolaner ohne Freundschaften mit weißen US-Amerikanern befänden sich in einem Teufelskreis aus gelerntem Misstrauen gegen Institutionen und die Demokratie sowie Frustration und Verzweiflung über die Lage in der Heimat, so Riera. Daher hoffen sie noch immer darauf, dass der Präsident im Amt bleibt. "Sie würden gerne sehen, dass das Oberste Gericht Trump zum Sieger erklärt, und der danach Maduro militärisch entfernt."

86 Prozent der Exilvenezolaner befürworten laut einer Umfrage eine Militärintervention, um Maduro zu stürzen. Für Verhandlungen sprachen sich nur 2 Prozent aus. 55 Prozent sagten, Trump könne Demokratie nach Venezuela bringen, bei Joe Biden waren nur 7 Prozent dieser Meinung. Ohnehin sind die Exilvenezolaner damit zufrieden, wie die USA in den vergangenen zwei Jahren vorgegangen sind. 64 Prozent unterstützen sogar die Sanktionen, welche die Bevölkerung und damit potenziell ihre Verwandten treffen. Rund 80 Prozent halten Guaidó für den rechtmäßigen Präsidenten, nicht Maduro.

Dabei ist Trumps Regierung alles andere als Venezolaner freundlich. Etwa die Hälfte ihrer Asylanträge werden abgelehnt und den temporären Schutzstatus in den USA, der rund 200.000 Venezolaner vor Abschiebung schützen würde, haben die Republikaner im Kongress blockiert. Von Januar bis März schoben die US-Behörden mindestens 100 Venezolaner über das Drittland Trinidad-Tobago ab, obwohl die Regierung offiziell behauptete, dies wegen der humanitären Lage nicht zu tun. Die Magazolaner ficht das nicht an. Sie wollen ihre Hoffnung nicht verlieren, dass jemand im Handstreich die Misere in ihrer Heimat beendet.

Quelle: ntv.de