Politik
Das Unternehmen EHC betreut bundesweit 40 Flüchtlingseinrichtungen.
Das Unternehmen EHC betreut bundesweit 40 Flüchtlingseinrichtungen.(Foto: dpa)
Mittwoch, 08. Oktober 2014

Gewalt in Flüchtlingsunterkunft: Weitere Misshandlung wird bekannt

Nach den mutmaßlichen Übergriffen auf Asylbewerber in Burbach kündigt das Land Nordrhein-Westfalen Zusammenarbeit mit dem Betreiber EHC auf. Bei den Ermittlungen in dem Fall werden weitere Übergriffe bekannt.

Im Skandal um Misshandlungen von Flüchtlingen in einer Notunterkunft in Nordrhein-Westfalen prüft die Staatsanwaltschaft Siegen weitere Vorwürfe gegen Sicherheitskräfte. Die Vorwürfe gegen Wachleute in den Unterkünften in Burbach und Bad Berleburg hätten sich im Verlauf der Ermittlungen ergeben, wie Oberstaatsanwalt Johannes Daheim sagte. Es handele sich dabei aber um Tatvorwürfe, die bei weitem nicht das Ausmaß hätten wie die von Wachleuten mit Video und Fotos dokumentieren Übergriffe, die die Ermittlungen ins Rollen gebracht hatten. Einzelheiten wollte er nicht mitteilen.

Unterdessen hat sich ein Opfer der Sicherheitskräfte in einem Interview des "Stern" zu den Misshandlungen geäußert. Ein von den Sicherheitsleuten aufgenommenes Bild, auf dem der 28-Jährige gefesselt am Boden liegt und ein Wachmann mit einem Fuß in seinem Nacken posiert, hatte weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Der 28-Jährige sagte dem "Stern", dass er von den Wachleuten wegen einer außen von einer Fensterbank gefallenen Getränkeflasche aus seinem Zimmer gezerrt und getreten worden sei. Dann sei er mit Handschellen gefesselt in den als "Problemzimmer" bezeichneten Raum gebracht und dort misshandelt worden. Das Opfer nannte den vergitterten Raum "den Knast". Der Mann berichtete weiterhin, dass er vergeblich versucht habe, seine Misshandlung bei der Heimleitung anzuzeigen.

NRW kündigt dem Unterkunfts-Betreiber

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Am Dienstag hatte das Land Nordrhein-Westfalen den privaten Betreiber der Flüchtlingsunterkunft in Burbach mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Damit ziehe NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) Konsequenzen aus dem Bekanntwerden neuer Vorwürfe gegen Mitarbeiter des bisherigen Betreibers European Homecare (EHC), teilte sein Ressort mit. "Angesichts der massiven Verdachtsmomente gegen den Leiter der Einrichtung und weitere Mitarbeiter ist das Vertrauen für eine zuverlässige Zusammenarbeit mit diesem Dienstleister in Burbach nicht mehr gegeben", erklärte Jäger.

Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Siegen mitgeteilt, dass sie neben weiteren Verdächtigen bereits seit dem vergangenen Donnerstag auch gegen den EHC-Geschäftsführer und den Leiter der Unterkunft in Burbach als Beschuldigte ermittelt. Geprüft werde der Vorwurf, die Männer hätten von der Existenz sogenannter "Problemzimmer" in Burbach und deren "strafrechtlich relevanter Nutzung" gewusst. Die Staatsanwaltschaft geht in diesem Zusammenhang dem Verdacht der Freiheitsberaubung, Nötigung und von Körperverletzungsdelikten nach.

Ab sofort übernimmt Jäger zufolge das Deutsche Rote Kreuz den Betrieb der Einrichtung in Burbach. Der Minister betonte, er werde die lückenlose Aufklärung der Geschehnisse in allen Flüchtlingseinrichtungen des Landes weiter vorantreiben. "Nichts wird unter den Teppich gekehrt - das habe ich angekündigt, dazu stehe ich."

EHC betreut 40 Flüchtlingseinrichtungen

Das Unternehmen EHC, das in NRW fünf weitere Landesunterkünfte und nach eigenen Angaben bundesweit 40 Flüchtlingseinrichtungen betreut, wird sich laut Jäger zudem einer umfassenden Überprüfung stellen müssen. "Ich bin mir sicher, dass auch meine Kollegen aus den Bundesländern mit EHC-Standorten mehr als nur kritische Fragen an EHC stellen werden", erklärte Jäger. "Wir brauchen jetzt Gewissheit, dass derartige Vorwürfe nicht auch andere Landeseinrichtungen betreffen."

Die Siegener Staatsanwaltschaft hatte am Montag die Büroräume des EHC-Geschäftsführers, die von dem Heimleiter in Burbach genutzten Räume sowie die Wohnungen beider Beschuldigten durchsucht. Dabei nahmen die Ermittler der Behörde zufolge umfangreiche Unterlagen mit, deren Auswertung noch geraume Zeit dauern wird.

Quelle: n-tv.de