Politik
Laabs (l.) und Aust mit ihrem Buch.
Laabs (l.) und Aust mit ihrem Buch.(Foto: dpa)
Mittwoch, 21. Mai 2014

Der Staat und der NSU: Wenn die Wahrheit geopfert wird

Von Solveig Bach

Fast 900 Buchseiten füllen Stefan Aust und Dirk Laabs mit ihren Fragen und Überlegungen zum NSU. Dabei greifen sie so ziemlich jede Gewissheit an, die sich zu der rechtsextremen Terrorgruppe in der öffentlichen Meinung verfestigt hat.

Es ist ein bisschen wie beim Klassentreffen, man trifft sich, Küsschen hier, Küsschen da, manch einer möchte neben dem besten Freund sitzen und muss dafür durch alle Bankreihen. Allerdings ist der Termin im dbb Forum an der Berliner Friedrichstraße alles andere als privat: Stefan Aust und Dirk Laabs stellen ihr neues Buch "Heimatschutz" vor, Untertitel "Der Staat und die Mordserie des NSU".

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Und dazu gibt es nach Ansicht des früheren "Spiegel"-Chefredakteurs und jetzigen "Welt"-Herausgebers Aust und des Autors und Filmemachers Laabs noch einiges zu sagen. Die Recherchen der beiden Journalisten füllen denn auch fast 900 Seiten, 500 weitere haben sie auf Bitten des Pantheon-Verlags schon weggelassen.

Wer nun eine Art "NSU-Komplex" nach dem Muster des Aust-Bestsellers "Der Baader-Meinhof-Komplex" erwartet, wird möglicherweise enttäuscht sein. Auch Laabs und Aust haben nicht Stapel geschredderter Akten gefunden und wiederhergestellt und können nun mit Antworten auf jede erdenkliche Frage aufwarten. Sie haben jedoch weit über 100 Interviews geführt, mit Neonazis genauso wie mit Beamten verschiedenster Sicherheitsbehörden. Und sie haben Akten gefressen: die Abschlussberichte der verschiedenen Länder-Untersuchungsausschüsse ebenso wie Ermittlungsakten der Polizei und Dossiers der Verfassungsschützer, Briefe und Kurznachrichten von NSU-Unterstützern.

Alles hängt mit allem zusammen

In all diesem Material haben die Autoren immer wieder nach Zusammenhängen gesucht, die den Ermittlern hätten auffallen können. Denn seit Monaten wird ständig wiederholt, die Sicherheitsbehörden seien von der Existenz des NSU völlig überrascht worden. Doch Laabs und Aust missfällt die Vorstellung, dass sich diese Behauptung irgendwann als Wahrheit festsetzt. Sie vermuten nämlich, dass längst klar war, dass sowohl die Morde, als auch der Anschlag auf die Kölner Keupstraße einen klaren rechtsradikalen Hintergrund hatten. Nur sollte das einfach niemand aussprechen.

Zum Beweis für diese These führen sie einen Satz an, der dem Ex-Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und jetzigen Geheimdienstkoordinator des Bundeskanzleramtes, Klaus-Dieter Fritsche, im Bundestaguntersuchungsausschuss wohl eher unbeabsichtigt entschlüpfte. Fritsche sagte: "Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren." Welcher Art diese Staatsgeheimnisse gewesen sein könnten, darüber hüllen sich die Autoren in Schweigen. Allerdings machen sie keinen Hehl daraus, dass sie fürchten, die intensive Auseinandersetzung der Verfassungsschützer mit der rechtsextremen Szene könnte das Entstehen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" erst ermöglicht haben. Über die V-Leute floss Geld und wegen der V-Leute wog man sich in Sicherheit, anstatt den Anfängen zu wehren.

Besonders nehmen Laabs und Aust die frühen Jahre der drei Jenaer Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe unter die Lupe. Warum kommt Böhnhardt, obwohl er offen rassistisch und aggressiv agiert, noch 1996 in einem Prozess straffrei davon? Das Verfahren wird wegen Geringfügigkeit eingestellt. Warum wird frühen Hinweisen, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt mit der Mordserie in Verbindung bringen, nicht nachgegangen?

Nah an der Verschwörungstheorie

Die Liste der Fragen, die Aust und Laabs aufwerfen, ist lang. Warum wurden viele Bankraube des NSU so dilettantisch ausgeführt, die Morde aber nahezu perfekt? War der Verfassungsschützer Andres T. wirklich nur zufällig am Tatort, als Halit Yozgat ermordet wurde? Warum werden unmittelbar nach dem Auffliegen des NSU beim Verfassungsschutz Akten über die Thüringer Neonazi-Szene geschreddert? Warum dürfen diverse Zeugen ungestraft in ihren Aussagen schamlos lügen? Bestand der NSU wirklich nur aus Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt? Manchmal kann man sich des Eindrucks einer Verschwörungstheorie nicht ganz entziehen, aber auch dieses Gefühl kennt man aus den NSU-Untersuchungen bereits. Das liegt an Geschichten, wie sie beispielsweise Stefan Aust erzählt. Im Sommer 2011 habe er in München mit dem Profiler Alexander Horn über eine Mordserie in Niedersachsen gesprochen. Dann sei man auf die "Döner-Morde" gekommen, über die Horn ein Gutachten erstellt hatte. Seine These, kein halbes Jahr vor der Aufdeckung des NSU: Die Mörder sind zwei Männer, wie Brüder. Ihr Motiv ist Ausländerfeindlichkeit nach dem Motto "Taten statt Worte". Die Deckung mit den beiden Uwes und den Aussagen auf dem Bekennervideo des NSU ist beklemmend.

Ähnlich geht es einem mit anderen Details, die Laabs und Aust ausbreiten. So starb der V-Mann Corelli offiziell am 3. April mit nur 39 Jahren überraschend an einer nicht entdeckten Diabetes. Warum Corelli, der nach seiner Enttarnung 2012 im Zeugenschutzprogramm lebte, so schwer krank sein konnte, ohne dass dies offenbar wurde, fragen die Autoren. Und erinnern daran, dass Corelli 18 Jahre lang in den Diensten des Verfassungsschutzes stand. Wohlgemerkt: Das ist der Mann, der mit Mundlos schon bei der Bundeswehr war, später in Diensten des Klu-Klux-Klan stand und auch Berührungen mit dem Vorgesetzten der Polizistin Michèle Kiesewetter hatte. Was auch diese Tat des NSU in einem ganz anderen Licht erscheinen ließe.

Während Aust ironisch und beinahe distanziert auf die Tendenz von Sicherheitsbehörden verweist, alles zu manipulieren, wirbt Laabs leidenschaftlich dafür, die Aufklärung in Sachen NSU noch nicht ad acta zu legen. Geschredderte Akten und regelrecht eingeschüchterte Zeugen sprächen eine eigene Sprache. Weder die bisherigen Untersuchungsausschüsse noch der Prozess in München hätten bisher alles ans Licht gebracht. Außerdem sei es ein Irrtum zu glauben, nur Beate Zschäpe kenne die ganze Wahrheit. Ausschließlich an Dummheit und Fehler glauben Aust und Laabs jedenfalls nicht.

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Quelle: n-tv.de