Politik

75 Jahre Ende des Pazifikkriegs Wie Kriegsgräuel Seoul und Tokio entzweien

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Aktivisten in Seoul halten Bilder von Frauen, die im Zweiten Weltkrieg von Japan zur Prostitution gezwungen wurden.

(Foto: REUTERS)

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Ostasien. Doch es gibt noch offene Wunden. Seoul und Tokio stecken in handfesten diplomatischen Auseinandersetzungen über japanische Kriegsgräuel. Das bedroht den Handel - und die Interessen der USA.

"Trostfrauen" werden sie genannt. Doch das ist reichlich verharmlosend. In Wirklichkeit waren die Frauen und Mädchen Zwangsprostituierte, die während des Zweiten Weltkriegs systematisch von japanischen Soldaten in Kriegsbordellen missbraucht und misshandelt wurden. Schätzungen zufolge erlitten mindestens 200.000 Menschen dieses Schicksal. Sie kamen aus den von Japan besetzten Gebieten, vor allem aus China und Korea, aber auch aus Südostasien. Erst spät wurde das Thema auch öffentlich aufgearbeitet, als Ende der 80er-Jahre koreanische "Trostfrauen" begannen, von ihren Leiden zu erzählen.

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Seit den 90er-Jahren demonstrieren Aktivisten wöchentlich vor der japanischen Botschaft in Seoul für die "Trostfrauen" - die Statue löste diplomatischen Streit aus.

(Foto: picture alliance / -/Kyodo/dpa)

Heute gibt es noch wenige Dutzend Überlebende - wobei viele Opfer nach dem Krieg aus Scham schwiegen. Doch in Südkorea sind sie nach wie vor ein Thema. "Es gibt NGOs, Interessengruppen, die versuchen, die Erinnerung an das Thema wachzuhalten", sagt Christian Taaks, Büroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. "Und in Seoul gibt es einige Denkmäler, die an die Leiden der 'Trostfrauen' erinnern." Eines dieser Denkmäler steht vor der japanischen Botschaft - und löste heftigen diplomatischen Streit zwischen beiden Ländern aus.

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Ostasien liefern sich Seoul und Tokio derzeit heftige Auseinandersetzungen, die auch die Handelsbeziehungen massiv beeinflussen. Es geht um die "Trostfrauen", aber auch um koreanische Zwangsarbeiter und Schadensersatzzahlungen. "Um Geld geht es dabei meiner Einschätzung nach nur in zweiter Linie. Es geht vor allem um die große Geste", sagt Taaks. Japan werde vorgeworfen, sich nie seiner eigenen Vergangenheit gestellt zu haben.

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Am 2. September 1945 unterschrieb Japan die Kapitulationsurkunde auf einem US-Kriegsschiff. Am 15. August bereits hatte Kaiser Hirohito die Kapitulation verkündet - damit endete auch die seit 1910 bestehende japanische Besatzung Koreas.

(Foto: picture alliance / dpa)

Doch stimmt das? Sven Saaler, der an der Sophia-Universität in Tokio moderne japanische Geschichte lehrt, zieht einen Vergleich mit Deutschland: "Langfristig gesehen war die Entwicklung des Weltkriegsgedenkens in Japan ähnlich wie in Deutschland, da gab es verschiedene Stufen", sagt er. Vor allem in den 90er-Jahren sei von japanischer Seite aus viel gemacht worden. "Immer wieder gibt es die Behauptung, Japan habe sich nie oder zumindest nicht angemessen entschuldigt. Das Erste ist natürlich ganz falsch, das Zweite ist Interpretationssache", sagt Saaler. Er selbst hält die Entschuldigungen für angemessen.

"Geschichtsrevisionist der ersten Stunde"

Saaler, der nebenamtlich auch das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tokio leitet, verweist auf ein Problem: Immer wenn sich ein japanischer Premier in den 90ern für Kriegsverbrechen entschuldigte, habe es aus dem rechtskonservativen Lager eine Gegendarstellung gegeben, die international Aufmerksamkeit erregte. "Seit den 2000er-Jahren kann man sagen, dass der Geschichtsrevisionismus in Japan sehr stark geworden ist", erklärt er. Und der scheidende Premierminister Shinzo Abe sei "einer der Geschichtsrevisionisten der ersten Stunde".

Abe, der am Freitag seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen angekündigt hat, ist der am längsten amtierende Premier der japanischen Geschichte. Als Regierungschef (2006/07 und seit 2012) vertrat und vertritt er offen geschichtsrevisionistische Thesen - laut Umfragen entgegen der Meinung der breiten Bevölkerungsmehrheit. Er bestritt etwa, dass Japan einen Aggressionskrieg geführt habe und bezweifelte das Schicksal der "Trostfrauen". Als er 2013 den Yasukuni-Schrein besuchte, in dem auch Kriegsverbrecher verehrt werden, löste er scharfe Proteste in China und Südkorea, aber auch in den USA aus. Seitdem verzichtet er auf persönliche Besuche.

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Eiszeit beim G20-Gipfel 2019 in Osaka: Abe (l.) und Moon gaben sich kurz die Hand, bilaterale Gespräche fanden jedoch nicht statt.

(Foto: REUTERS)

Nach diesem Eklat habe Abe versucht, vor allem die Beziehung zu China wieder zu normalisieren, erklärt Saaler. Zudem sei er 2015 über seinen eigenen Schatten gesprungen, als er mit Seoul ein Abkommen bezüglich der "Trostfrauen" schloss. Dabei entschuldigte sich Abe bei den Opfern. Zudem zahlte Japan umgerechnet mehr als sieben Millionen Euro in eine koreanische Stiftung ein. Tokio sah das Thema damit als erledigt an. In der südkoreanischen Öffentlichkeit wurde die Vereinbarung aber auch kritisiert, den Menschen fehlte eine japanische Geste. Als der derzeitige Präsident Moon Ja In 2017 gewählt wurde, löste er die Stiftung auf und beendete damit de facto das von seiner Vorgängerin ausgehandelte Projekt.

"Es war ein inhärenter Fehler des Abkommens, dass man darin schriftlich festlegen wollte, dass dieses Kapitel jetzt abgeschlossen ist", sagt Saaler. So funktioniere Wiederaussöhnung nicht. "Beide Seiten haben einfach nicht gesehen, dass solche Prozesse nicht mit einer Unterschrift abgeschlossen sind, sondern dass Wiederaussöhnung einfach so lange dauert, wie die Opfer denken, dass sie dauert."

"Die Situation könnte nochmal eskalieren"

Als wären die japanisch-südkoreanischen Beziehungen wegen der "Trostfrauen" also nicht schon kompliziert genug, eskalierte die Situation vor einem Jahr. Ende 2018 entschied der Oberste Gerichtshof Südkoreas, dass ehemalige Zwangsarbeiter Schadensersatzforderungen gegen japanische Firmen erheben können, darunter etwa Nippon Steel und Mitsubishi Heavy Industries. Japan protestierte vehement und verwies auf den Grundlagenvertrag von 1965, mit dem alle finanziellen Forderungen abgegolten seien. Im August 2019 schaukelte sich der diplomatische Streit mit Handelsauseinandersetzungen und Boykottaktionen hoch. Anfang dieses Monats entschied nun ein Gericht, dass Vermögenswerte der betreffenden Firmen eingezogen werden können. Nippon Steel hat Einspruch eingelegt - eine endgültige Entscheidung rückt näher. Sie könnte die beiderseitigen Beziehungen endgültig auf Eis legen.

Alexandra Sakaki, Expertin für Japan und Korea bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, spricht deshalb von einer kritischen Phase. "Sollten tatsächlich Vermögenswerte japanischer Firmen in Südkorea beschlagnahmt werden, ist schon klar, dass Japan sehr hart reagieren wird", sagt sie. Die Gedankenspiele in Tokio reichten von Visa-Beschränkungen über den Abzug des japanischen Botschafters bis hin zu Zöllen auf Produkte, die zwischen den Ländern gehandelt werden. "Ich glaube, dass die Situation nochmal eskalieren könnte, wenn Japan und Südkorea es nicht schaffen, zu irgendeiner Art von Vereinbarung zu kommen."

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Immer wieder wird bei Demos (hier 2015) Premier Abe als Hitler dargestellt - in Südkorea gibt es starke nationalistische, anti-japanische Strömungen.

(Foto: REUTERS)

Doch das wird schwierig. Denn beide Regierungen stehen auch unter hohem innenpolitischen Druck. "In Japan herrscht eine große Frustration darüber, dass Südkorea immer wieder neue Forderungen aufstellt, obwohl Japan teilweise versucht hat, darauf einzugehen", erklärt Sakaki. Die Bereitschaft, neue Vereinbarungen auszuhandeln, sei gering. Südkoreas Präsident Moon wiederum gehöre zu einer Generation, die in den 80er-Jahren Teil der Demokratiebewegung war und die Zeit der Militärdiktaturen aufarbeiten will - und damit auch den Grundlagenvertrag von 1965. "Die Situation ist insgesamt recht verfahren", lautet ihr Fazit. Zumal Premier Abe in Südkorea inzwischen eine Art Hassfigur sei. "Man traut ihm eigentlich kein Wort der Reue mehr zu."

Vielleicht bringt also der Rücktritt Abes eine neue Dynamik in die Beziehungen. Oder Druck von außen. Denn Sakaki verweist auf ein weiteres Problem: "Japan und Südkorea sind die ganz zentralen Allianzpartner der USA in der Region." Und China sehe sehr bewusst die Möglichkeit, die Allianz beider Länder mit den USA zu schwächen, wenn es auf die Differenzen zwischen Seoul und Tokio anspielt. "Für Washington ist es daher sehr wichtig, dass beide Länder kooperationsfähig sind."

Hinweis: Die Interviews wurden geführt, bevor Shinzo Abe am vergangenen Freitag seinen Rücktritt ankündigte.

Quelle: ntv.de