Politik

Spaltung des Islam Wie Sunna und Schia getrennte Wege gingen

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Nach einem Selbstmordanschlag in Bagdad: Ein blutiger Koran liegt am Boden einer schiitischen Moschee.

(Foto: REUTERS)

Warum hassen sich die Sunniten und Schiiten im Irak? Die Antwort liegt knapp 1400 Jahre zurück. Doch der Wahnsinn wirkt bis heute und wird immer schlimmer. Die mächtigen Paten der beiden Konfessionen nutzen das für ihre Interessen.

Wir alle streiten, das ist menschlich. Nicht zwangsläufig aber muss ein Streit in einer Feindschaft enden. Wenn die Gräben zu tief sind, wenn Vorwürfe zu schwer wiegen oder wenn der Streitpunkt nur am Leben erhalten wird, weil zwei Mächte um ihren Einfluss kämpfen, dann entwickelt Streit eine Eigendynamik, die in Hass umschlagen kann. Genau das ist im Nahen Osten passiert, wo sich Sunniten und Schiiten seit knapp 1400 Jahren niedermachen - und alles wegen einer Meinungsverschiedenheit.

Der Prophet Mohammed, der Gründer des Islam, starb überraschend im Jahr 632. Vor seinem Tod hatte er nicht geregelt, wer sein Nachfolger an der Spitze der neuen Glaubensgemeinschaft werden sollte. Zu dieser Zeit gab es noch keine Teilung in Sunniten und Schiiten. Erst mit dem Tod Mohammeds war ein Vakuum aufgerissen, das den gewaltigen theologischen Konflikt anziehen musste. Denn die Nachfolge Mohammeds an der Spitze der Muslime war nicht geklärt.

Die Mehrheit der Gläubigen sprach sich dafür aus, den fähigsten Heerführer des Stammes von Mohammed zum Kalifen zu küren. Es sind die späteren Sunniten, deren Name sich ableitet von dem arabischen Begriff "ahl as-sunna", "Volk der Tradition".

Eine Minderheit der Muslime dachte anders. Sie befand, dass der Nachfolger Mohammeds aus dessen Familie kommen muss. In Ihren Augen kam dafür zu diesem Zeitpunkt nur Ali infrage - der Neffe Mohammeds. Gott selbst habe Ali als Nachfolger ausgewählt, behaupteten die Anhänger der "Schiat Ali", der "Partei Alis", die Schiiten. Mohammed hätte es genauso aufgeschrieben - hätten die Sunniten nicht den entsprechenden Auszug aus dem Korantext gestrichen. Es ist ein starker Vorwurf - nämlich der Koranfälschung -, mit dem die Schiiten die Stimmung aufladen.

Kein Zurück: Die letzten Nachfahren Mohammeds sterben

Da die Sunniten schon damals in der Überzahl waren, ließen sie den Kandidaten der Schiiten auflaufen. Das Kalifat vergaben sie an Abu Bakr, einen Gefährten Mohammeds. 20 Jahre mussten die Schiiten warten, bis sie nach drei Kalifen ihren Wunschkandidaten Ali als vierten Kalif und gleichzeitig ersten schiitischen Imam aufstellen konnten. Das war im Jahr 656. Fünf Jahre später wurde Ali ermordet, und aus seiner "Partei Alis" wurde die neue Konfession. Alis Tod war noch in einer anderen Hinsicht bedeutend: Er machte den Weg frei für den später bedeutendsten Märtyrer der Schiiten. Hussein, Enkel des Propheten Mohammed, war bei dessen Tod schlicht zu jung gewesen für die Nachfolge des Großvaters. Mit ihm wollen die Schiiten zurück an die Spitze des Islam.

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Wer ist der Nachfolger Mohammeds? An diesem Punkt gehen die Meinungen der Sunniten und Schiiten auseinander.

(Foto: AP)

Doch am 10. Oktober 680 stirbt dieser Traum endgültig. Hussein und 72 seiner Anhänger fallen in der Schlacht von Kerbela im heutigen Irak. In den darauffolgenden Jahren sterben auch die restlichen Nachfolger Alis und Husseins. Mit ihnen verschwinden die letzten Nachfahren Mohammeds und werden aus Sicht der Schiiten zu Märtyrern. In der Hauptströmung der schiitischen Glaubensrichtung, der Zwölfer-Schia, werden sie fortwährend als "Imame" verehrt. In diesen Jahren finden die Schiiten ihre Identität als Opfer, in der sie sich bis heute sehen.

Ihr Leiden werde erst von ihnen fallen, wenn einer der zwölf Imame wieder auftauche: Mohammed ibn Hasan al-Mahdi ist nach schiitischem Glauben im 9. Jahrhundert verschwunden und verbirgt sich seitdem. Er nimmt in der Schia die Rolle des Messias ein und soll der Erlöser sein. Solche Heiligenverehrung lehnen die Sunniten ab, genauso wie den Märtyrerkult der Schiiten überhaupt.

Stellvertreterkriege im Nahen Osten

An der Vormachtstellung der Sunniten hat sich seit der frühen Zeit des Islam nichts geändert. 80 bis 90 Prozent der Muslime sind Sunniten. Der Streit hat heute eine andere Größenordnung erreicht - und politische Dimensionen, die fast den ganzen Nahen Osten erfasst haben.

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Am schiitischen Feiertag "Aschura" beweint eine Gläubige das Abbild Alis, hier in der Türkei.

Zwei Protagonisten nutzen den Konflikt für ihre manchmal gänzlich weltlichen Interessen: Saudi-Arabien und die angrenzenden Golfstaaten positionieren sich als Schutzmacht hinter den Sunniten. In Saudi-Arabien herrscht die ultrakonservativ wahhabitische Lehre, das reiche Königreich investiert munter in die Unterstützung sunnitischer Kampfgruppen. Auch den Golfstaaten wird vorgeworfen, sunnitische Milizen wie den Islamischen Staat im Irak und Groß-Syrien (Isis) zu unterstützen. Häufig  sind es auch Privatleute, die hierfür ihr Geld hergeben.

Iran: Das Pendant zu Saudi-Arabien

Die Schiiten haben ihren konfessionellen Rückhalt in Iran gefunden. Nachdem 1979 der Schah gestürzt worden war, findet sich hier nämlich ein entscheidender, schiitischer Gegenpol: Ajatollah Ruhollah Chomeini ernannte den schiitischen Glauben vor 35 Jahren zur Grundlage der Islamischen Republik. Seitdem sieht sich das Land als Anwalt der Schiiten, unterstützt und lenkt schiitische Milizen wie die Hisbollah ("Partei Gottes"), die ihre Heimat eigentlich im Libanon hat. Die aktuellen Konflikte in der Region - vor allem in Syrien und im Irak - sind damit ein Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten und zwischen Saudi-Arabien und Iran.

Der Irak ist dabei ein Musterbeispiel dafür, wie Sunniten und Schiiten aneinandergeraten. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung im Irak sind Schiiten. Ex-Diktator Saddam Hussein, selbst ein Sunnit, diskriminierte die Schiiten unerbitterlich. Nach seinem Sturz durch die US-Truppen 2003 verloren die sunnitischen Stämme an Macht. Doch es brauchte den Truppenabzug der USA 2011, damit Sunniten und Schiiten wieder offen aufeinander losgingen - im Sinne des alten Zerwürfnisses. Unter der Regierung des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki eskalierte in den vergangenen Monaten der Streit zwischen der Regierung und den sunnitischen Parteien. Isis dann brachte die Eskalation. Sunnitische Terrorgruppen kämpfen gegen Schiiten, die sie als "Abweichler" von der wahren Lehre des Islams ansehen.

"Abweichler der wahren Lehre des Islams" - es ist der absurde Streit über diese vermeintliche Wahrheit, der seit dem Jahr 632 den Hass im Nahen Osten nährt.

Quelle: n-tv.de, mit dpa/rts