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"Hubschrauber über Abbottabad" Wie die Nachricht durchsickerte

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Der pakistanische Sender Geo TV zeigte Bilder vom Absturz des Hubschraubers in Abbottabad

(Foto: REUTERS)

Die Gerüchte beginnen, als der Sprecher des Weißen Hauses um 21.45 Uhr eine Erklärung des Präsidenten ankündigt. Eine knappe Dreiviertelstunde später sorgt der Tweet eines Rumsfeld-Mitarbeiters für den Dammbruch. Doch die Ehre, der erste gewesen zu sein, gebührt einem Blogger aus Pakistan.

Twitter ist wieder einmal am schnellsten. "Mir wurde von einer ehrenwerten Person gesagt, dass sie Osama bin Laden getötet haben", postet Keith Urbahn um 4.25 Uhr deutscher Zeit. Doch Urbahn ist nicht sicher, ob seine Quelle richtig informiert ist: "Weiß nicht, ob es stimmt, aber lasst uns beten, dass es so ist", twittert er.

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Der Tweet, mit dem alles begann. "Hot damn" ist als Ausdruck der Freude zu verstehen.

Urbahn ist nicht irgendwer - er ist der Büroleiter des früheren US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld. Zu diesem Zeitpunkt wissen nur wenige Menschen, dass der Chef des Terrornetzwerks Al-Kaida tatsächlich tot ist. Einer davon ist Ex-Präsident George W. Bush, Rumsfelds früherer Chef. Er war am Sonntagabend von seinem Nachfolger Barack Obama am Telefon informiert worden.

Urbahns Tweet fällt auf fruchtbaren Boden, weil kurz zuvor, um 3.45 Uhr MESZ, der Sprecher des Weißen Hauses eine Presseerklärung des Präsidenten der Vereinigten Staaten angekündigt hatte: "POTUS wendet sich um 22.30 Uhr an die Nation", twitterte Dan Pfeiffer um 21.45 Uhr Ortszeit. Einige Journalisten, sagte der NBC-Moderator Brian Williams, erhielten eine Mail, die aus nur drei Worten bestand: "Get to work" - macht euch an die Arbeit.

Der "New York Times" zufolge hatten die Reporter in Washington gleich den Verdacht, dass es in der Stellungnahme des Präsidenten um Bin Laden gehen könnte. Dieser Verdacht sei zwar von den Medien nicht verbreitet, aber bei Twitter und in anderen sozialen Netzwerken umso ausführlicher diskutiert worden.

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Weltweit verfolgen Fernsehzuschauer Obamas Ansprache - auch in Pakistan.

(Foto: AP)

Als Urbahn seinen Tweet verschickt, sitzt Obama noch an seiner Rede - die er eigentlich fünf Minuten später halten will. Fast zur gleichen Zeit, etwa um 4.45 Uhr MESZ, unterbrechen ABC, CBS und NBC ihr Programm. "Wir hören totalen Jubel aus der Regierung", sagt die Washington-Korrespondentin Martha Raddatz bei ABC. Doch keine Quelle will sich namentlich zitieren lassen, bevor der Präsident gesprochen hat. CNN löst das Problem, indem sich der Sender in seiner Breaking-News-Mail um 4.54 Uhr MESZ einfach auf den eigenen Moderator beruft: "Osama bin Laden ist tot, berichtet CNNs John King unter Berufung auf Informanten."

Während sich Obamas Auftritt weiter verzögert - laut CNN schreibt er seine Stellungnahme selbst -, verbreitet sich die Nachricht immer schneller. Um 5 Uhr morgens, so die "New York Times", registriert Facebook mehr als ein Dutzend Mitteilungen pro Sekunde mit dem Schlagwort "Bin Laden".

Um 22.35 Uhr Ortszeit schalten die Sender ins Weiße Haus. Eine Folge der mehr als einstündigen Verzögerung ist, dass Obamas Ansprache aus dem East Room des Weißen Hauses von Millionen Amerikanern gesehen wird. Er habe die Rede zusammen mit 50 Kommilitonen in Yale verfolgt, schreibt der Student Nathaniel Zelinsky in der "Huffington Post". "Wir haben alle aufgehört, für unsere Prüfungen zu lernen, um der Erklärung zuzuhören. Und was für eine Erklärung das war!"

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Der Tweet des Bloggers, "der live berichtete, ohne es zu wissen".

Ganz der erste war Urbahn übrigens nicht. Bereits Stunden zuvor hatte ein pakistanischer User namens Sohaib Athar aus Abbottabad getweetet, dass ein Hubschrauber um 1 Uhr morgens Ortszeit über der Stadt kreise. Später berichtet er von zwei Hubschraubern, einer davon sei abgestürzt, dann von einem Flugzeug über der Stadt. Ein paar Stunden später dann: "O-oh, jetzt bin ich der Typ, der live über die Osama-Razzia berichtet hat, ohne es zu wissen." Später will der 33-jährige Blogger sich offenbar ausführlicher äußern. Im Moment sei er einfach zu müde.

Nachtrag: Keith Urbahn teilt, wiederum via Twitter, mit, dass seine Quelle ein TV-Produzent gewesen sei. Geschichten über den Tod der Mainstream-Medien auf der Basis seines Tweets seien also "sehr übertrieben".

Quelle: n-tv.de

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