Politik

Lebenserwartung auf historischem Hoch "Wir brauchen neue Wege"

Die Lebenserwartung in Deutschland ist so hoch wie nie zuvor. In den Köpfen der Menschen verfestigt sich dieser gesellschaftliche Wandel aber nur langsam, meinen Wissenschaftler, und fordern Konsequenzen.

Altersarmut.jpg

Die Gefahr von Altersarmut wächst.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Lebenserwartung ist in Deutschland auf einen Rekordwert gestiegen. Jeder zweite Mann wird derzeit wenigstens 80 Jahre alt, jede zweite Frau wird sogar noch ihren 85. Geburtstag erleben - zumindest statistisch gesehen. Denn die Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahren nicht nur für Neugeborene weiter gestiegen, auch die heute älteren Männer und Frauen leben im Durchschnitt länger, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. "Wir müssen unseren Begriff vom Rentner über Bord werfen", fordert der Geschäftsführer des von Matthias Horx begründeten Zukunftsinstituts, Andreas Steinle.

"Die Leute unterschätzen ihre eigene Lebenserwartung. Das zeigen Studien", sagt Martin Gasche, Abteilungsleiter beim Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demografischer Wandel. Bei der Planung des Alterseinkommens werde oft vergessen, dass das Geld nicht noch 20, sondern vielleicht sogar 30 Jahre reichen müsse.

Die Lebenserwartung Neugeborener hat sich in den vergangenen 130 Jahren mehr als verdoppelt. Männliche Babys werden der jüngsten Statistik zufolge 77 Jahre und vier Monate alt, neugeborene Mädchen 82 Jahre und sechs Monate. Das ist im Vergleich zum Vorjahr noch einmal ein Plus von zwei Monaten bei den Jungen und einem Monat bei den Mädchen. Das durchschnittliche Sterbealter lag im Jahr 2009 bei den Frauen bei 80,9 Jahren, Männer wurden im Schnitt 73,2 Jahre alt.

Neue Wege beschreiten

LEBENSERWARTUNG-JPG_GRA102.jpg975864091407262479.jpg

Durchschnittliche Lebenserwartung der neugeborenen Jungen und Mädchen nach den amtlichen Sterbetafeln von 1949/1951, 1980/1982 und neu 2007/2009.

(Foto: DAPD)

Auch für ältere Menschen hat die Lebenserwartung im Vergleich zum Vorjahr um einen weiteren Monat zugenommen. 89,2 Prozent der Männer und 94,1 Prozent der Frauen feiern zumindest noch ihren 60. Geburtstag. Die Statistik beruht auf den Daten über die Sterbefälle und die Durchschnittsbevölkerung der vergangenen drei Jahre. Begonnen wurde sie 1871/1881 für das Deutsche Reich.

"Die Volkswirtschaft ist dabei, sich auf die höhere Lebenserwartung einzustellen", sagt Gaschke. So werde das Renteneintrittsalter ja auf 67 Jahre erhöht. "Und die Arbeitgeber verstehen langsam, dass man älteren Menschen auch noch Arbeit geben kann." Die Wirtschaft sei ebenfalls dabei, sich auf mehr ältere Menschen einzustellen. Als Beispiel nennt der Wissenschaftler altersgerechte Wohnungen mit breiten Türen und weniger Stolperfallen sowie Handys mit großen Tasten.

"Wir brauchen eine andere Arbeitskultur und ein anderes Arbeitsbild", sagt Zukunftsforscher Steinle. "Das Potenzial, durch Arbeiten jung zu bleiben, wird noch nicht gesehen." Schon fast jeder fünfte Firmengründer in Deutschland sei inzwischen aber älter als 50 Jahre. "Wir brauchen neue Wege, damit sich die Menschen im Alter die Arbeit aussuchen können." Dazu gehörten Altersarbeitszeitmodelle und Kooperationen, bei denen auch ehrenamtliche Arbeit eingebaut werde.

Quelle: ntv.de, Ira Schaible, dpa