Politik

Hungerkatastrophe am Horn von Afrika "Wir brauchen noch 300 Millionen Dollar"

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"50 Prozent der unter Fünfjährigen leiden an Unterernährung": Bei Kindern hinterlässt Nahrungsmangel besonders schlimme Schäden.

(Foto: AP)

Die Dürrekatastrophe am Horn von Afrika war vorhersehbar. Aber "unsere Warnungen nützen nichts, wenn das Interesse der Öffentlichkeit fehlt", sagt Judith Schuler vom Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen. Sie kümmert sich um die Hungernden in Äthiopien, wo fast fünf Millionen Menschen Hilfe brauchen. Vor allem die Kinder somalischer Flüchtlinge sind von der Not betroffen. Die Hälfte der unter Fünfjährigen leide bereits an Unterernährung.

n-tv.de: Über elf Millionenen Menschen leiden derzeit unter der extremen Dürrekatastrophe am Horn von Afrika. Hilfsorganisationen haben schon länger vor einer solchen Dürre in der Region gewarnt. War die Katastrophe vorhersehbar?

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Das Transitlager in Dolo Ado in Äthiopien.

(Foto: dpa)

Judith Schuler: Ja, schon im November 2010 gab es die ersten Warnungen, dass wegen des Wetterphänomens "La Nina" die Regenfälle zu schwach sind und deshalb eine Dürre in der Region droht. Im April hat die Generaldirektorin des Welternährungsprogramms bei einer Reise nach Kenia dann noch betont,  dass die Zahl der Menschen, die Nahrungsmittelhilfe brauchen werden, am Horn von Afrika deutlich steigen wird.

Wenn es solche Anzeichen für die bevorstehende Katastrophe gab: Warum konnte sie dann solche Ausmaße annehmen? Warum hat es so lange gedauert, bis die Hilfe angelaufen ist?

Das ist schwierig zu sagen, weil das Welternährungsprogramm (WFP) mehrfach Warnungen herausgegeben hat. Es ist auch nicht so, dass es keine Unterstützung gegeben hätte. Allein in den vergangenen Wochen haben wir über 175 Millionen Dollar erhalten. Die Hilfe ist also schon seit längerem angelaufen. Aber nicht in einem solchen Maße, wie es derzeit der Fall und angesichts der Lage nötig ist.

Trotzdem gewinnt man angesichts der Bilder und Berichte, die uns hier in Deutschland erreichen, den Eindruck, dass die Hilfe nur sehr schleppend bei den Menschen ankommt.

Ich kann nur für Äthiopien sprechen. Hier hat die Regierung im April angekündigt, dass 3,2 Millionen Menschen Hilfe brauchen. Das WFP hat dann dazu beigetragen, dass diese Menschen auch erreicht wurden. Vor zwei Wochen erhöhte die Regierung in Adis Abeba die Zahl der Hilfsbedürftigen auf 4,5 Millionen. Zusammen mit unseren Partnern unternehmen wir nun alles, um diese Leute mit unserer Hilfe zu erreichen. Allerdings ist die Zahl der Not leidenden Menschen nun deutlich gewachsen, weil die letzte Ernte sehr lange zurück liegt und sehr spärlich war. Und die nächste Ernte wird erst im September oder Oktober kommen.

Sie haben die schlechte Ernte und das Wetterphänomen "La Nina" angesprochen, das so etwas wie die Schwester des bekannten Phänomens "El Nino" ist. Sind diese Faktoren allein verantwortlich für die derzeitige extreme Hungersnot, oder welche Ursachen spielen noch eine Rolle?

Hier in Äthiopien ist es vor allem die Dürre beziehungsweise der ausbleibende Regen. In Somalia kommen natürlich noch andere Faktoren wie die Sicherheitslage dazu. Ein weiterer Grund sind die stark gestiegenen Lebensmittelpreise. In Äthiopien zum Beispiel liegen sie im Vergleich zum Vorjahresmonat um 38 Prozent höher. Dadurch können die Menschen sich nicht mehr das gleiche leisten, wie noch vor einem Jahr. Das heißt in der Folge ganz einfach, dass sie nicht mehr das gleiche auf dem Teller haben.

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In dieser kargen Gegend liegen einige Flüchtlingscamps.

(Foto: dpa)

Ein Unicef-Mitarbeiter hat gesagt: "Manchmal muss die Krise komplett ausgewachsen sein, bis sie die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft bekommt." Helfen wir also erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist?

Das hängt natürlich von der Aufmerksamkeit und der Berichterstattung der Medien ab. Unsere Warnungen nützen nichts, wenn das Interesse der Öffentlichkeit fehlt. Das Medieninteresse kommt aber erst, wenn die Krise wirklich da ist.

Sind Sie zufrieden mit der Unterstützung, die das Welternährungsprogramm nun zur Bewältigung der Krise bekommt?

Wie gesagt, allein aus afrikanischen Ländern haben wir in den vergangenen Wochen über 175 Millionen Dollar bekommen. Bis Ende des Jahres brauchen wir allerdings noch etwa 300 Millionen Dollar zusätzlich, um alle Not leidenden Menschen mit Lebensmitteln versorgen zu können. Das sind derzeit etwa 11,6 Millionen Menschen am Horn von Afrika, die unsere Hilfe brauchen.

Wie ist denn die Situation in Äthiopien: Mit wie vielen Flüchtlinge haben Sie es zu tun und wie würden Sie ihre Lage beschreiben?

Momentan sind etwa 200.000 Flüchtlinge hier im Land, aus Eritrea, dem Sudan und Somalia. Der größte Teil kommt mit 140.000 Menschen aber aus Somalia, von denen allein 120.000 im Flüchtlingscamp Dollo Ado an der somalischen Grenze sind. Diesen Flüchtlingen helfen wir natürlich, aber daneben gibt es die von mir genannten 4,5 Millionen Menschen in Äthiopien selbst, die auf Nahrungsmittelhilfe akut angewiesen sind. Zwischen diesen beiden Gruppen muss man wirklich unterscheiden, weil man in Äthiopien nicht von einer Hungersnot sprechen kann, die für den Süden Somalias ausgerufen wurde. Das heißt, die Äthiopier brauchen zwar Ernährungshilfe, sind aber nicht von einer Hungersnot im Sinn der Definition der Vereinten Nationen betroffen.

Anders sieht es wie von Ihnen angesprochen in Somalia aus. Wie muss man sich die Situation der Flüchtlinge vorstellen, die es nach Äthiopien schaffen?

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Judith Schuler arbeitet für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.

(Foto: privat)

In den vergangenen zwei Wochen habe ich das Flüchtlingslager in Dollo Ado zweimal besucht: Die Menschen dort sind wirklich in großer Not. Viele der Ankommenden sind unterernährt, so leiden etwa 50 Prozent der unter Fünfjährigen an Unterernährung. Die Leute haben einfach nicht genug zu essen in ihrer Heimat gefunden, sodass ihnen als einzige Möglichkeit die Flucht blieb.

Was können Menschen in Deutschland tun, die den Hungernden helfen wollen?

Was sie machen können, ist spenden. Auf der Internetseite des Welternährungsprogramms gibt es zum Beispiel ein Spendenformular. Des Weiteren sollte man einfach auf die Situation der Menschen am Horn von Afrika aufmerksam machen und deutlich machen, dass die Lage dort wirklich ernst ist.

Mit Judith Schuler sprach Till Schwarze

 

Auch RTL will den Menschen am Horn von Afrika helfen:
"Mit einer Spende können Sie Leben retten"
Stiftung RTL - Wir helfen Kindern e.V., Stichwort: Hungersnot Afrika, Konto: 1512151, BLZ: 370 501 98, Sparkasse KölnBonn

Quelle: n-tv.de

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