Politik

Holocaust-Überlebender in Berlin "Wir träumten von einem friedlichen Europa"

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Bartnikowski während der Fahrt auf der Spree in Berlin.

(Foto: Tom Kattwinkel)

"Hier geht man nur über Schornsteine in die Freiheit" - dieser Satz prägte das junge Leben von Bogdan Bartnikowski. Er überlebte das Konzentrationslager Auschwitz und verrichtete Zwangsarbeit in Berlin. Seitdem kämpft er gegen das Vergessen.

Es ist eine unscheinbare Steintreppe am Ufer der Spree. Auf den Touristenbooten, die durch Berlin schippern, nehmen die meisten sie gar nicht wahr. Doch die Stufen erzählen eine bewegte Geschichte. Hier lud der damals 13 Jahre alte polnische Zwangsarbeiter Bogdan Bartnikowski Geröll zerstörter Gebäude auf Schiffe. 75 Jahre später sitzt er wieder hier. Bei einem Eisbecher erzählt er von seinem Leben.

Als Zwölfjähriger wurde Bartnikowski im August 1944 zusammen mit seiner Mutter und Tausenden Bewohnern Warschaus von den Nazis ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. In seinem Buch "Eine Kindheit hinterm Stacheldrahtzaun" beschreibt er die bedrückende Szenerie im Güterwaggon anhand eines Dialogs zwischen ihm, seiner Mutter und einem Fremden.

"... Er hat Zinnsoldaten im Kopf, aber morgen oder vielleicht noch heute geht er ins Gas." - "Mama, was heißt das, ins Gas?", fragte ich. "Hab keine Angst mein Junge, ich geb‘ dich nicht her!" - Meine Mutter packte mich fest und drückte mich an sich. Sie zitterte am ganzen Körper ..."

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Die Arbeitskarte von 1945.

(Foto: Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung)

In Auschwitz angekommen gab es den Menschen Bartnikowski nicht mehr, es gab die Lagernummer 192731. Gemeinsam mit 150 Jungen, alle zwischen 10 und 15 Jahren alt, lebte er in einer hölzernen Baracke - von seiner Mutter getrennt durch Stacheldraht und bewaffnete Wachposten. Zu sechst mit fünf anderen Jungen teilte er sich ein Bett und eine Decke. Am Tag bekam er 200 Gramm Brot und einen halben Liter Suppe.

Geruch der Verwesung

Bis heute lassen ihn die Bilder von damals nicht los, erzählt er. Immer wieder holten ihn Szenen der Lager in Träumen ein. Hört man Bartnikowski zu und liest man sein Buch, so vermag man sich nicht vorstellen, wie schrecklich der Gefangenenalltag in Auschwitz vor allem als Heranwachsender gewesen sein muss. Wie es sein muss, täglich um sein Leben zu fürchten, zu hungern und den dauerhaft präsenten Geruch der Verwesung um die Nase zu verspüren.

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An dieser Treppe musste Bartnikowski als Kind Schutt verladen.

Doch er und seine Mutter überlebten. Im Januar 1945 wurden sie zur Zwangsarbeit nach Berlin ins Außenlager Blankenburg geschickt. Dort fuhr Bartnikowski jeden Tag mit der S-Bahn über die Friedrichsstraße zum Tiergarten, wo er mit bloßen Händen Geröll verladen musste. An dieser Stelle des Ufers stehen nun sanierte Wohnhäuser. Davor parken auf der Straße Autos. Auf der Spree schlängeln sich die Ausflugsschiffe.

Doch genau weil all dies so weit weg erscheint, ist Bartnikowski das Erinnern wichtig. Als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen besucht er regelmäßig Schulklassen in Polen und Deutschland und erzählt von seinem Leben. Im Berliner NS-Dokumentationszentrum hält er Vorträge. Die Energie, die er dabei mit seinen 87 Jahren aufwendet, ist bemerkenswert und zeigt, wie wichtig ihm sein Anliegen ist. Auch mit Blick auf die aktuelle politische Lage.

Mit großer Sorge betrachtet er das europaweite Erstarken rechter, nationalistischer Parteien. "Der Krieg ist einfach schon zu lange her, die Menschen haben vergessen, was das bedeutet", sagt er. Man sei sich einfach nicht mehr bewusst, wozu politische Aggressionen und Nationalismus schon einmal geführt haben. Seine Generation sei nach dem Krieg aufgewachsen mit dem Traum von einem freien und friedlichen Europa, so wie es heute existiert. Viele nehmen das als selbstverständlich hin. Er werde auf jeden Fall weiter erzählen, sagt Bartnikowski.

Quelle: n-tv.de