Politik

Brexiteers wetzen die Messer Wird May von Johnson beerbt?

Brexit17.jpg

Bei einer Anti-Brexit-Demo kommen die Konservativen nicht gut weg: Hier werden May, Johnson, Gove und Davis (v.l.) veralbert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Männer stehen bereit. Weil Premierministerin May ihren Rücktritt anbietet, schießen die Spekulationen ins Kraut, wer ihr nachfolgen könnte. Ganz vorn stehen einige harte Brexit-Unterstützer. Oder macht doch ein May-Vertrauter das Rennen?

Manch ein Konkurrent in der Konservativen Partei hat auf diesen Moment gewartet. Am Mittwoch brachte Theresa May ihren Rücktritt als britische Premierministerin ins Spiel, um ihren Brexit-Deal durchs Unterhaus zu bringen. Um eine Nachfolge muss sie sich zumindest keine Sorgen machen. Etliche mögliche Kandidaten scharren bereits mit den Hufen. Ganz vorn in der Reihe stehen jene Tories, die einen harten Brexit befürworten und schon länger Mays Verhandlungskurs kritisieren. Nicht wenige von ihnen saßen mit May am Kabinettstisch. Einige sitzen dort immer noch.

227f9749bb671567840cba0fb6072391.jpg

Mehrmals traf sich Boris Johnson zuletzt mit Premierministerin May. Er würde sie gern beerben.

(Foto: imago images / i Images)

Zu den aussichtsreichen Kandidaten zählt Boris Johnson. Nicht nur als ehemaliger Außenminister und Aushängeschild der Brexit-Kampagne 2016 ist er über die Grenzen Großbritanniens hinaus bekannt. Berüchtigt ist er auch wegen seiner mitunter skurrilen Auftritte und der Fähigkeit, auf dem diplomatischen Parkett wirklich kein Fettnäpfchen oder keinen Eklat auszulassen. Legendär ist die Zurechtweisung durch Parlamentspräsident John Bercow, der Johnson während einer Debatte Sexismus vorwarf. Machtspielchen beherrscht der ehemalige Londoner Bürgermeister dafür perfekt, genau wie den Wahlkampf - bei konservativen Wählern ist er äußerst beliebt. Und manch einer sagt ihm nach, schon lange an Mays Stuhl zu sägen. An Kritik sparte er zumindest nicht, auch als er noch im Kabinett saß.

Johnson war es auch, der seine Zustimmung zum Brexit-Deal signalisierte, wenn May dafür zurücktreten würde. Zuletzt nannte er den Deal aber "tot". Anders als Jacob Rees-Mogg, dem Wortführer der Anhänger eines harten Brexits, hat der 54-jährige Johnson aber auch Ambitionen, in Downing Street 10 einzuziehen. 2016 schreckte er vor einer Kandidatur noch zurück. Nun könnten ihm seine Spielchen gegen May zum Verhängnis werden. Ungern will er als Dolchträger gelten, der May letztlich zu Fall bringt. Und im Unterhaus hat er sich durch seine Art etliche Feinde gemacht. Zumal er als Außenminister nicht die beste Figur machte. Bei den Buchmachern gilt er laut "Times" trotzdem als Favorit.

Ähnlich weit vorn liegt bei den Wettbüros jedoch Michael Gove. Als Brexit-Befürworter unterstützte er einst Johnson, als es um die Nachfolge von David Cameron als Parteichef und damit Premierminister ging. Dann jedoch fiel er Johnson in den Rücken, kandidierte selbst und unterlag letztlich May. Mittlerweile sitzt er als Umweltminister bei ihr am Kabinettstisch und unterstützt sie. Als es zuletzt Gerüchte um einen Sturz Mays gab, stärkte er ihr demonstrativ den Rücken.

Goves Wankelmütigkeit gilt aber als sein Schwachpunkt. Laut dem britischen "Guardian" hat ihn sein Zick-Zack-Kurs die Unterstützung der Brexit-Anhänger gekostet. Sein Verhalten könnte aber auch sein Vorteil sein: Der 51-Jährige ist als fähiger Politiker bekannt und seit Johnsons Rücktritt ist er der Wortführer der harten Brexiteers im Kabinett. Er könnte als Kompromisskandidat oder Interimslösung an die Regierungsspitze kommen.

Dominic Raab gehörte schon früh zu den Brexit-Unterstützern. Mit Brüssel handelte er als Brexit-Minister dann kurzzeitig das Abkommen aus, ohne viel Erfolg freilich. Er könnte Johnson Stimmen kosten, weil er zum selben Parteiflügel gehört, "mit dem entscheidenden Unterschied, dass ein Großteil der Öffentlichkeit ihn nicht kennt", wie die "Times" schreibt. Ähnlich wie Johnson liegt der 45-Jährige auch mit May über Kreuz, deren Kurs ihm zu weich ist. Vielleicht hat er bei jenen Chancen, denen Johnson zu exzentrisch ist. Ambitionen hat Raab zweifellos: In den sozialen Netzwerken läuft bereits eine "Ready for Raab"-Kampagne.

Oder wird es ein May-Vertrauter?

Der einstmalige Brexit-Gegner mit den - laut Wettbüros - besten Chancen ist Außenminister Jeremy Hunt. Er sitzt seit 2010 durchgehend im Kabinett und gilt als ruhiger, kompetenter Minister. Mittlerweile hat sich der 52-Jährige dem Flügel der Brexit-Anhänger angenähert. Das könnte ihn allerdings Zustimmung vom linken Parteiflügel gekostet haben. Die "Times" vergleicht ihn in seiner Art mit May, mit seinem Ton könnte er demnach in allen innerparteilichen Gruppen Gehör finden.

Das könnte auch für David Lidington gelten, der als Kabinettschef Mays Stellvertreter ist. Zuvor war er bereits Lordkanzler und damit Justizminister unter May sowie Europaminister unter Cameron. Er steckt tief im innerparteilichen Ringen um den Brexit-Deal, warb bei unzähligen Abgeordneten um Zustimmung. Seine diplomatische Art brachte ihm dabei viel Respekt ein. Lidington galt auch als möglicher Interims-Premier, als am vergangenen Wochenende über Mays Sturz spekuliert wurde. Er selbst sagte jedoch, kein Interesse am höchsten Regierungsamt zu haben.

5d30ff2d45075a95434a55ed77308e2d.jpg

2016 zog Leadsom ihre Kandidatur noch zurück. Klappt es diesmal?

(Foto: REUTERS)

In die reine Männerrunde möglicher Premierminister drängen auch drei Frauen. Andrea Leadsom bewarb sich bereits 2016 um die Nachfolge von Cameron, zog sich aber vor der Stichwahl nach einem Skandal um Aussagen zu Mays Kinderlosigkeit zurück. Die 55-Jährige war danach Umweltministerin und gehört als May-Getreue derzeit dem Kabinett als Fraktionschefin an. Eine Unterstützerin der Premierministerin ist auch Amber Rudd. Als Innenministerin musste die 55-Jährige jedoch im Verlauf einer Affäre zurücktreten. Inzwischen leitet sie das Ressort für Arbeit und Renten. Als Brexit-Gegnerin, die einen EU-Austritt ohne Abkommen ausdrücklich ablehnt, dürfte sie es derzeit jedoch schwer haben bei den Konservativen. Britische Medien nennen aber auch Finanzministerin Lizz Truss als mögliche Kandidatin, die 2016 ebenfalls zu den Brexit-Gegnern zählte.

Viele Namen - wenig Chancen

Ein aufstrebender Kandidat ist Matt Hancock. Der 40-jährige Gesundheitsminister war 2016 ein Brexit-Gegner. Zuletzt hielt er sich jedoch aus den Brexit-Kabbeleien im Kabinett heraus, was durchaus als Pluspunkt gelten kann. Er machte stattdessen seine Arbeit als Ressortchef. Laut "Guardian" trauen ihm Vertraute zu, beide Flügel der Partei einbinden zu können.

Zu den Aspiranten zählt auch der ehrgeizige Innenminister Sajid Javid. Er galt als aussichtsreich, auch weil er als Sohn pakistanischer Einwanderer neue Wähler ansprechen könnte. Die "Times" traut dem 49-Jährigen zu, die Partei zu einen. Der ehemalige Manager der Deutschen Bank hat zuletzt jedoch Kritik auf sich gezogen, weil er Shamima Begum, die sich dem Islamischen Staat angeschlossen hatte und dessen Taten nicht bereute, die Rückkehr nach Großbritannien verweigerte und ihr den Pass entzog. Als Begums wenige Wochen altes Kind in einem kurdischen Gefangenenlager starb, fiel das auf Javid zurück.

Auch Raabs Vorgänger als Brexit-Minister, David Davis, werden Ambitionen nachgesagt. Allerdings fiel sein Ansehen, als er bei der zweiten Abstimmung für Mays Brexit-Deal stimmte. Dies dürfte es für ihn schwer machen, Stimmen beim Brexiteer-Flügel einzusammeln. Mit 70 Jahren ist er zudem der älteste der hier vorgestellten möglichen Kandidaten.

Quelle: n-tv.de