Putin provoziert mit BesuchWorum geht es beim Kurilen-Konflikt zwischen Russland und Japan?
Von Uladzimir Zhyhachou
Zum ersten Mal besucht Kremlchef Putin die Kurilen-Inseln, die de facto zu Russland gehören, aber auch von Japan beansprucht werden. Tokio reagiert empört. Der Streit um die Inselgruppe schwelt seit Jahrzehnten. Doch wem gehören die Inseln eigentlich? Und worum geht es bei dem Konflikt überhaupt? Fragen und Antworten.
Kremlchef Wladimir Putin hat erstmals die südlichen Kurilen besucht - eine Inselgruppe, die sowohl Russland als auch Japan für sich beansprucht. In Tokio wird der Besuch als Provokation gewertet, zumal er ausgerechnet in einer Zeit stattfindet, in der die Beziehungen beider Länder wegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine auf einem Tiefpunkt sind. Der Streit um die Kurilen schien kurz vor der Invasion noch kurz davor zu stehen, gelöst zu werden - jetzt ist er wieder voll entbrannt.
Putin besuchte nach Kremlangaben eine Fischfabrik, ein Krankenhaus und eine Schule auf der Insel Iturup, der größten der umstrittenen Inseln. Die japanische Regierung legte einen "starken Protest" ein. Außenminister Toshimitsu Motegi erklärte, die Inseln seien "sowohl historisch als auch völkerrechtlich japanisches Hoheitsgebiet".
Worum geht's da eigentlich? Ein Überblick.
Was sind die Kurilen überhaupt?
Die Kurilen sind eine rund 1200 Kilometer lange Inselkette im Nordpazifik, zwischen der russischen Halbinsel Kamtschatka und der japanischen Insel Hokkaido. Dazu gehören über 30 größere Inseln und viele kleine Felsen. Die Natur ist kaum berührt, es gibt viele aktive Vulkane, das Klima ist rau. Insgesamt leben dort weniger als 20.000 Menschen.
Offiziell gehören die Inseln zu Russland, das erkennt auch die internationale Gemeinschaft so an. Tokio beansprucht aber die vier südlichsten Inseln - in Japan werden sie "Nördliche Territorien" genannt - und sieht sie als japanisches Staatsgebiet, das von Russland illegal besetzt ist. Die größte davon, Iturup mit rund 7500 Einwohnern, hat Putin nun besucht.
Wem gehörten die Inseln zuerst?
Ursprünglich lebten dort die Ainu, ein Volk, das auch die japanischen Hauptinseln zuerst besiedelte. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts begannen sowohl Russen als auch Japaner, die Inseln zu erschließen. 1855 teilten das Russische und das Japanische Kaiserreich die Kurilen und die Insel Sachalin, die weiter östlich liegt, erstmals offiziell auf. 1875 trat Russland dann alle Kurilen an Japan ab - im Tausch gegen Sachalin. Nach dem für Russland verlorenen Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 kam noch der Süden Sachalins dazu.
Wie kamen die Kurilen zu Russland?
Das geschah erst durch den Zweiten Weltkrieg, in dem Japan an der Seite Nazi-Deutschlands kämpfte. Auf der Konferenz von Jalta im Februar1945 sicherten die Alliierten der Sowjetunion die Kurilen und den Süden Sachalins zu, falls sie in den Krieg gegen Japan eintritt. Die Rote Armee griff Japan am 9. August an - dem Tag des US-Atombombenabwurfs auf Nagasaki - und besetzte bis Anfang September die Inseln. Rund 17.000 Japaner mussten danach ihre Heimat verlassen.
1951 unterschrieb Japan im Friedensvertrag von San Francisco, dass es die Kurilen und Süd-Sachalin verliert. Klare geografische Grenzen, was genau zu den "Kurilen" zählt, legte der Vertrag aber nie fest - und die Konferenzteilnehmer akzeptierten damals stillschweigend Japans Position, dass die vier heute umstrittenen Inseln gar nicht dazugehören. Die USA bekräftigten das 1957 in einer Note an die Sowjetunion ausdrücklich: Der Begriff "Kurilen" in Jalta und San Francisco schließe Habomai, Schikotan, Kunashir und Iturup nicht mit ein. Genau deshalb spricht Japan bis heute bewusst nicht von "Süd-Kurilen", sondern von "Nördlichen Territorien" - um sprachlich klarzumachen, dass es sich seiner Ansicht nach um etwas anderes handelt als die Kurilen, die es 1951 abgetreten hat.
Die Sowjetunion unterschrieb den San-Francisco-Vertrag allerdings gar nicht mit - weil darin ihr Anspruch auf die Inseln nicht festgeschrieben war. 1956 einigten sich beide Länder immerhin auf eine gemeinsame Erklärung: Die UdSSR versprach, zwei der vier umstrittenen Inseln (Schikotan und Habomai) zurückzugeben - sobald ein richtiger Friedensvertrag unterschrieben ist. Diesen Vertrag gibt es bis heute nicht, weil Japan seither alle vier Inseln zurückfordert.
Warum ist das Thema für Japan so wichtig?
Lange interessierte sich in Japan kaum jemand für die Inseln. Das änderte sich in den 1970er-Jahren, als die Regierungspartei das Thema für den innenpolitischen Machtkampf gegen die Opposition nutzte. Seit 1981 gibt es sogar einen offiziellen "Tag der Nördlichen Territorien". Heute ist die Forderung nach Rückgabe fester Teil der japanischen Identität - Kompromisse sind entsprechend unpopulär. Umfragen zeigen: Nur eine kleine Minderheit der Japaner wäre bereit, sich mit der Rückgabe von nur zwei Inseln zufriedenzugeben, wie es die Erklärung von 1956 vorsieht.
Und warum will Russland die Inseln auf keinen Fall hergeben?
Militärisch-strategisch sind die Kurilen für Russland wichtig: Sie umschließen das Ochotskische Meer, in dem russische Atom-U-Boote stationiert sind - theoretisch in der Lage, die US-Westküste anzugreifen. Ein Abzug würde es fremden, also auch amerikanischen, Kriegsschiffen erlauben, leichter in dieses geschützte Meer zu gelangen. Passend dazu hat Russland seit 2016 auch handfeste Waffen auf den Inseln stationiert: Küsten-Raketensysteme vom Typ "Bastion" (Schiffsabwehrraketen mit bis zu 500 Kilometer Reichweite) auf Iturup und "Bal" auf Kunashir, später kamen Stellungen auf weiteren Inseln dazu. Dazu kommt die Sorge, Japan könnte auf den Inseln US-Militärbasen zulassen.
Es geht aber auch ums Prinzip: Dass Russland, das als flächenmäßig größtes Land der Erde selbst über riesige Gebiete verfügt und dennoch seit Jahren Krieg gegen die Ukraine führt, um weiteres Territorium zu gewinnen, freiwillig Land an einen anderen Staat abtritt, ist kaum vorstellbar. Zumal Japan im russischen Verständnis zu den Staaten des westlichen Lagers und damit zu den politischen Gegnern Moskaus gehört.
Wie ist der Stand heute?
Putin ist nicht der erste russische Präsident auf den Kurilen. Schon 2010 besuchte Dmitri Medwedew als erster amtierender Präsident Russlands die Insel Kunashir - auch das sorgte für scharfen Protest aus Tokio, Japan zog damals vorübergehend seinen Botschafter aus Moskau ab.
Am nächsten kamen die beiden Staaten einer Lösung 2018/2019: Beim Wirtschaftsforum in Wladiwostok schlug Putin Japans damaligem Premier Shinzo Abe vor, noch im selben Jahr einen Friedensvertrag auszuhandeln. Im Januar 2019 schien eine Einigung greifbar - Japan wäre bereit gewesen, sich vorerst mit der Rückgabe von nur zwei Inseln (Schikotan und Habomai) zufriedenzugeben. Doch kurz darauf stellte Russlands Außenminister Sergej Lawrow klar: Über eine Rückgabe werde gar nicht verhandelt, die Inseln gehörten zu Russland.
Nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022 brach Moskau die Friedensverhandlungen mit Japan im März ganz ab - als Begründung nannte das russische Außenministerium Japans "offen feindselige Haltung" wegen dessen Sanktionen gegen Russland. Wenig später bezeichnete Tokio die vier Inseln erstmals seit fast 20 Jahren wieder offiziell als von Russland "illegal besetzt". Im September 2022 kündigte Russland zusätzlich einseitig das Abkommen, das den Bewohnern der Nördlichen Territorien visafreie Besuche der Kurilen ermöglicht hatte. Von der Annäherung von 2018/19 ist heute nichts mehr übrig.
Bei seinem Besuch am Donnerstag sagte Putin, man habe mit früheren japanischen Regierungen durchaus konstruktiv über die Kurilen-Frage gesprochen - doch Tokio habe seine Position seither geändert, "ohne dass wir das provoziert hätten".