Dossier

Nicht genug fürs Schulessen 2,57 am Tag

Teller klappern, Messer und Gabeln fliegen im hohen Bogen in beige Spülschüsseln, die Reste des Möhreneintopfes werden in den Abfalleimer gekratzt. 11.45 Uhr, Ende des Mittagessens in der Aziz-Nesin-Grundschule in Berlin-Kreuzberg. "Das Essen schmeckt immer lecker, am besten sind die Pfannkuchen", sagt die sechsjährige Mesa. 45 Prozent der Eltern sind hier Hartz-IV-Empfänger. Es gibt zwar laut Schulleiterin Christel Kottmann-Mentz kein Kind, das mit knurrendem Magen in der Klasse bleiben muss - aber rasant steigende Kosten für Lebensmittel lassen bundesweit die Rufe nach Reformen beim Schulessen lauter werden, vor allem nach Entlastungen für Sozialhilfeempfänger.

Saarlands Ministerpräsident Peter Müller (CDU) sagt: "Der Hartz-IV-Betrag für das häusliche Mittagessen liegt deutlich unter den Kosten für das Mittagessen in der Ganztagsschule. Viele Kinder aus einkommensschwachen Familien müssen daher auf ein warmes Essen in der Schule verzichten." Mit einer Bundesrats-Initiative zur Novellierung der Hartz-IV-Gesetze will das Saarland erreichen, dass künftig der gesamte Betrag für das Schulessen vom Bund übernommen wird.

57 Cent für Abendessen und Frühstück

Kindern von Eltern, die Hartz IV beziehen, stehen derzeit 2,57 Euro am Tag für Essen zur Verfügung, Jugendlichen ab 14 Jahren 3,42 Euro. "Das ist nicht ausreichend, gerade für Kinder und Jugendliche in der Entwicklung ist das zu wenig", sagt Ilsa Diller-Murschall, stellvertretende Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Wenn von den 2,57 Euro 2 Euro für das Schulessen bezahlt würden, blieben nur 57 Cent für Abendessen und Frühstück.

Eine Studie des Instituts für Kinderernährung in Dortmund kam 2007 zu dem Ergebnis, dass ein 15-Jähriger, der sich ausgewogen ernähren möchte, im Schnitt Lebensmittel im Wert von 4,68 Euro täglich (Discounter) oder 7,44 Euro (Supermarkt) verzehrt. "Da ist es doch klar, dass Kinder von der Schulspeisung als erstes abgemeldet werden", sagt Diller-Murschall.

Der baden-württembergische Gemeindetags-Sprecher Harald Burkhart sagt, in kleineren und mittleren Städten seien nur in Einzelfällen Kinder aus finanziellen Gründen vom Schulessen ausgeschlossen. In größeren Städten sei das Problem akuter: "Es gibt ein Stadt-Land-Gefälle." Wo die Politik nicht mehr helfen kann, springen private Stifter ein. So finanziert in München die "Süddeutsche Zeitung" und in Augsburg die "Augsburger Allgemeine" bedürftigen Kindern eine warme Mahlzeit. Die Stadt München fordert eine Aufstockung des Hartz-IV-Satzes auf 410 Euro. Kinder erhalten derzeit 60 Prozent des Hartz-IV-Satzes von 347 Euro, Jugendliche 80 Prozent.

Landeszuschüsse abgeschafft

Da bei der Preisspirale nach oben im Lebensmittelbereich kein Ende abzusehen ist, müsse über neue Maßnahmen nachgedacht werden, fordert AWO-Expertin Diller-Murschall. "Warum ist es nicht möglich, dass der Bund die Kosten für eine flächendeckende Schulspeisung übernimmt", fragt die 55-Jährige. Das Bundessozialministerium hatte im Herbst festgestellt, dass die Preise für Butter, Milch und Brot zwar deutlich gestiegen sind, der Gesamtpreisindex aber nur marginal gewachsen sei. Handlungsbedarf wurde vorerst nicht gesehen.

Die Mittagessen-Finanzierung ist bisher allein Sache der Länder und Kommunen. Dort wird der Ruf nach dem Bund aber lauter. In Ländern wie Thüringen musste der Landeszuschuss zum Schulessen abgeschafft werden. "Man muss so fair sein, auch beim Land ist der Euro nur einmal da", sagt Ralf Rusch vom Thüringer Gemeinde- und Städtebund. Bremen, Berlin, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen setzen sich wie das Saarland für eine Beteiligung des Bundes ein. In einzelnen Ländern wurden Härtefall-Fonds eingerichtet - daraus werden Essen für bedürftige Kinder bezahlt oder stark subventioniert.

Angesichts der Berichte von Eltern, die Probleme bei der Versorgung ihrer Kinder haben, soll selbst der ansonsten auf strikte Haushaltsdisziplin achtende Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) ein Befürworter einer staatlich finanzierten Schulspeisung in Ganztagsschulen sein.

Von Georg Ismar, dpa

Quelle: n-tv.de

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