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Wannsee-Konferenz vor 70 Jahren "Bürokraten ölen die Staatsmaschinerie"

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Das Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin: Am 20.01.1942 trafen sich hier hohe NS-Funktionäre und besprachen die Abwicklung des von den Nationalsozialisten geplanten Holocaust, der im Konferenz-Protokoll so bezeichneten "Endlösung der Judenfrage".

(Foto: dapd)

Um die Wannsee-Konferenz zu verstehen, müsse man sie entdämonisieren, mahnt Götz Aly im Interview mit n-tv.de. Der deutsche Historiker warnt zugleich davor, dass sich ein Verbrechen, das dem Holocaust in der Struktur ähnlich sei, wiederholen könne. Die Frage, wie eine normale, unserem heutigen Staatsapparat durchaus ähnliche Verwaltung darauf ausgerichtet werden kann, sich an Programmen zum Massenmord zu beteiligen, sollte uns weiterhin beschäftigen.

n-tv.de: Die Historiker sind sich inzwischen einig, der Holocaust wurde auf der Wannseekonferenz nicht beschlossen. Aber was ist dort entschieden worden?

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Götz Haydar Alys Name fällt, wenn es um Standardwerke über die deutsche Geschichte des Dritten Reiches und der Judenverfolgung geht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Götz Aly: Nichts. Aber darauf kam es nicht an. Da saßen zusammen: Vertreter des Reichssicherheitshauptamts mit ihren klaren Vorstellungen, zwei SS-Generäle aus dem Baltikum und dem besetzten Polen mit ihren Morderfahrungen und die Staatssekretäre wichtiger Ministerien. Am Rande wurde über Tötungstechniken, Schwierigkeiten und Grenzfälle – wie "Halbjuden", Juden in "Mischehen", Juden mit Kriegsauszeichnungen und alte Juden - diskutiert. Aber im Kern waren sich alle 14 an der Wannseekonferenz beteiligten Männer in einem Punkt einig: Juden gehörten ihrer Ansicht nach nicht zur menschlichen Gemeinschaft und was immer mit ihnen geschehen würde, das sei keine Frage der Moral und des Rechts.

Aus nationalsozialistischer Sicht hatten die verschiedenen Eskalationsstufen der Judenverfolgung bis dahin gut funktioniert. Was machte nun diese Sitzung notwendig?

Innerhalb der deutschen Verwaltung wurde die Besprechung, die am 20. Januar 1942 am Wannsee stattgefunden hatte, bald Staatssekretärskonferenz genannt. Vertreten waren das Innen-, das Außen- und das Justizministerium, zudem die Reichskanzlei, das Ministerium für die besetzten Ostgebiete und Görings Superbehörde "Vierjahresplan", in der militärische, wirtschaftliche, finanzielle und ernährungswirtschaftliche Fragen des Krieges koordiniert wurden. Hinzu kamen die Deportations- und Mordspezialisten auf der Seite des Reichssicherheitshauptamtes. Der Chef des Reichssicherheitshauptamts Reinhard Heydrich, der den Vorsitz der Konferenz innehatte, zeigte sich hernach glücklich, dass die ministerielle "Parallelisierung der Linienführung" im Hinblick auf die "Endlösung der Judenfrage" gelungen sei. Es ging auf der Konferenz darum, das Gesamtgeschehen der Deportation zu koordinieren, die regionalen und lokalen Verwaltungen zu integrieren und einen Konsens über den Gesamtablauf zu erreichen. Dass das erreicht werden konnte, war nicht von vornherein klar.

Warum nicht?

Es hatten sich im Herbst 1941 gewisse innere Widerstände gebildet – nicht unbedingt von Leuten, die die Juden schützen wollten. Da fühlte sich vielmehr mancher einfach übergangen und in seinen Kompetenzen beschnitten. Mit der konkreten Ausführung der Deportationen hatte zudem der ganz normale Beamtenapparat zu tun. Der Bürgermeister musste Räume bereitstellen, in denen die Juden gesammelt wurden. Dann mussten die Reichsbahner mitmachen, die Damen in den Meldeämtern, einfache Ortspolizisten, Finanzbeamte usw. Die meisten, die dabei mitwirkten, waren keine hohen Nazifunktionäre, sondern Beamte, die schon in der Weimarer Republik im Amt waren. Das war das Entscheidende dieser Konferenz, dass die Verwaltungen gleichgerichtet wurden und hinfort Zehntausende an der Organisation Beteiligte wussten, was sie tun hatten, wenn von der "Evakuierung" der Juden die Rede war.

Ab wann war Ihrer Meinung nach das Schicksal der Juden besiegelt?

Reinhard Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, hatte von Herrmann Göring im Sommer 1941 den Auftrag erhalten, die Endlösung der europäischen Judenfrage vorzubereiten. Die war zunächst als eine Mischung aus Deportation, sofortiger Ermordung der arbeitsunfähigen Juden und riesigen Zwangsarbeiterlagern in unwirtlichen Gegenden der Sowjetunion gedacht. Die deutsche Führung ging damals davon aus, dass der Krieg gegen die Sowjetunion als "Blitzkrieg" vor Einbruch des Winters gewonnen werden könne. Erst nach dem Sieg sollte die "Endlösung" durchgeführt werden – dann allerdings sehr schnell. Doch schon im September 1941 rückte dieser Sieg in weite Ferne.

Was hatte sich zu diesem Zeitpunkt entscheidend verändert?

Die Lebensmittel wurden knapp, die Zahl der Gefallenen und Vermissten stieg erheblich, hinzu kam Anfang Dezember der Kriegseintritt der USA. Die deutsche Führung machte sich auf einen längeren Abnutzungskrieg gefasst, der vielleicht auch verloren werden könne und zog die "Endlösung der Judenfrage" vor. Gleichzeitig ergab sich ein gewisser Druck von unten. In der Sowjetunion wurden beispielsweise zunächst die Männer erschossen. Dann hatte sich die die Frage gestellt, was wird nun aus den Frauen und Kindern, die nicht mehr versorgt wurden? Die wurden dann als nächste erschossen, aus einer Art Mordpragmatismus heraus. Ähnlich argumentierten diejenigen, die die Juden ihrer Lebensgrundlagen beraubt, sie in Ghettos zusammengepfercht hatten und nun feststellten, die Ghettoisierten seien "unproduktiv".

Gab es noch weiteren Druck von unten?

Ja. Die ersten Deportationen aus dem Deutschen Reich folgten klar den ersten großen britischen Luftangriffen auf westdeutsche Städte und auch auf Berlin. Man brauchte Wohnraum, Ersatzmöbel, Kleidung. Hans Mommsen hat dafür den Begriff der "kumulativen Radikalisierung" geprägt. Das bedeutet, jeder Verwaltungsleiter brachte seine spezifischen Gründe vor, warum die Juden aus seiner Sicht jetzt wegtransportiert werden müssten. Jeder Transport hatte deshalb auch sein eigenes Gesicht, mal ging es um ein spezielles Stadtviertel, mal um reiche, mal um arme Juden. Immer flossen bestimmte Nützlichkeitserwägungen in die Entscheidung zur Deportation ein.

Wenn es nicht um konkrete Beschlüsse ging. Was war dann das Ergebnis der Wannseekonferenz?

Das Protokoll der Sitzung wurde mindestens 30 Mal verschickt, um überall klarzumachen: Das ist jetzt die gemeinsame Grundlage, wie es weitergehen soll. Mit der Konferenz gelang es einen einheitlichen Willen der deutschen Verwaltungen herzustellen. Das erlaubte eine koordinierte Reihenfolge der Deportationen. Die Stadtverwaltungen lernten voneinander, wie am besten zu verfahren sei. Die Verhaftungen während der Fabrikarbeit der Juden im Frühjahr 1943 wurden beispielsweise flächendeckend von Polizeifunk begleitet, mit den Betriebsleitern, den Arbeitsämtern, den Meldeämtern und den betrieblichen Wachdiensten koordiniert. Diese stille Effizienz ist das Ergebnis der Wannseekonferenz.

Ist es deshalb wichtig, die Konferenz auch nach 70 Jahren noch anzuschauen, weil man sieht, wie es funktioniert hat?

Ja. Hitler, Goebbels, Göring und die Gauleiter mögen die Oberverbrecher des damaligen deutschen Staates gewesen sein, aber allein waren sie handlungsunfähig. Von diesen Nazis kann sich heute jeder leicht distanzieren. Doch besteht das geschichtliche, menschliche und auch familiengeschichtliche Problem darin, dass sich Hunderttausende Deutsche an den konkreten Vorbereitungen und der Organisation des Holocaust beteiligt haben – in unzähligen, arbeitsteilig vollzogenen Einzelhandlungen. Die Frage, wie eine normale, unserem heutigen Staatsapparat durchaus ähnliche Verwaltung darauf ausgerichtet werden kann, sich an Programmen zum Massenmord zu beteiligen, sollte uns weiterhin beschäftigen.

Warum?

Um sie zu verstehen, muss man die Wannseekonferenz entdämonisieren. Da saßen Verwaltungsspezialisten, Leute, die sich jeden Tag damit beschäftigten, die Staatsmaschine, egal zu welchem Zweck, zu ölen. Nun wurde sie eben für die Ermordung der Juden geölt. Und das gelang. Im Interesse des Gesamtablaufs hatte man die Frage, wie mit "Halbjuden" und Juden in "Mischehen" umgegangen werden solle, zwar diskutiert, aber eine Entscheidung auf später verschoben. Die Konferenz beschäftigte sich auch mit Strategien, wie man das Projekt in der Öffentlichkeit "verkauft", wie man es einerseits verschleiern und doch klarmachen könne, dass "die Juden ihrem verdienten Schicksal" entgegen gehen würden, um die Deutschen insgesamt in die Mitverantwortung zu nehmen und damit auch zum Stillhalten zu bewegen. Diese Strategie ist übrigens auch in vielen von den Deutschen besetzten Ländern aufgegangen: In Frankreich ebenso wie in Ungarn, in Saloniki ebenso wie in Amsterdam, Warschau oder Oslo. Das sollte uns immer gegenwärtig bleiben. Ein Verbrechen, das dem Holocaust in der Struktur ähnlich ist, kann sich wiederholen.

Mit Götz Haydar Aly sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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