Dossier

"Take Two" Der "Tod" einer Ikone der Intifada

Von Ulrich Sahm, Jerusalem

Der angebliche Tod des zwölfjährigen Jungen Muhammad Al Dura vor laufender Kamera des französischen Senders France 2 an der Netzarim-Kreuzung im Gazastreifen am 30. September 2000, einen Tag nach Ausbruch der Intifada, wurde zur Ikone des palästinensischen Aufstandes gegen Israel. In den veröffentlichten 59 Sekunden sieht man den Vater Jamal mit seinem Sohn hinter einer Betontonne. Der Knabe saß zunächst aufrecht und in der nächsten Szene tot oder verletzt auf dem Schoß seines Vaters. Charles Enderlin, Jerusalemer Bürochef von France 2, verteilte die Filmaufnahmen seines Kameramannes Talal Abu-Rahme kostenlos.

Die Bilder gingen rund um die Welt. Sie sollten die Brutalität Israels symbolisieren und die Rücksichtslosigkeit israelischer Soldaten gegenüber palästinensischen Kindern. Al Dura war das erste Kindesopfer bei dem Aufstand, der in sieben Jahren über tausend Israelis und etwa 5000 Palästinensern das Leben kosten sollte. Arabische Staaten verewigten Al Dura auf Briefmarken. Das palästinensische Fernsehen benutzte die Szene, um Kinder für Selbstmordattentate zu begeistern. "Folgt mir ins Paradies", sang eine schnulzige Stimme. Der Clip wurde in den ersten Jahren der Intifada wiederholt in der Kinderstunde gesendet.

Der Chef des israelischen Presseamtes, Danny Seaman, hat jetzt erstmals offiziell erklärt, dass die Szene vom Tod des Al Dura nach israelischen Informationen "gestellt" war. Seaman antworte der israelischen Organisation "Schurat Hadin". Diese unterstützt den französischen Journalisten Philippe Karsenty bei einem Gerichtsprozess gegen France 2 in Paris. Der Fernsehsender hatte Karsenty wegen "Verleumdung" verklagt, weil er behauptet hatte, dass der Vorfall "eine unehrenhafte Maskerade für Frankreich und sein öffentliches Fernsehen sei". Das Gericht weigerte sich, France 2 zur Herausgabe der kompletten Kassette mit 29 Minuten Filmmaterial zu zwingen. So konnte Karsenty seine Behauptungen nicht beweisen und wurde zu einer Geldstrafe in Höhe von mehreren Tausend Euro verurteilt. Noch läuft ein Berufungsverfahren.

Von Anfang an war der Tod Al Duras umstritten. Das israelische Militär übernahm ohne jede Überprüfung die Verantwortung für den Tod des Jungen. So versuchte Israel, die Geschichte aus den Schlagzeilen zu nehmen. Die weltweite Kampagne fügte dem Ansehen Israels mehr Schaden zu, als jedes nachfolgende Ereignis während der Intifada. Das Militär beschloss deshalb auch, eine kriminalistische Nachstellung der Szene zu ignorieren, obgleich diese angeblich nachwies, dass die tödlichen Schüsse nicht aus der Stellung der Israelis stammen konnten. Gemäß dem Einschusswinkel hätten nur palästinensische Polizisten die Al Duras treffen können.

Der amerikanische Historiker Richard Landes hat Filmmaterial anderer Kameraleute von den Kämpfen an jener Kreuzung gesammelt und behauptet ebenfalls, dass viele Szenen gestellt waren. 'Schwerverletzte' Palästinenser sprangen munter aus Krankenwagen und legten sich ein zweites Mal 'getroffen' auf die Straße, um erneut zur Ambulanz getragen zu werden. Kameraleute von Reuters und AP filmten, wie zahlreiche Palästinenser an den Al Duras und der Tonne vorbeiliefen, ohne getroffen zu werden. Fragwürdig ist, warum der angeblich schon tote Junge seine Hand bewegt, um seine Augen vor der blendenden Sonne zu schützen, und warum kein Blut zu sehen ist, obgleich er wegen einer klaffenden Bauchwunde verblutet sei.

Landes veröffentlichte die Filmaufnahmen im Internet unter dem Titel "Pallywood", alias Hollywood. Auch die Reporterin des Hessischen Rundfunks, Esther Schapira, hinterließ mit ihrer Dokumentation "Das rote Quadrat" zum Tod von Al Dura mehr offene Fragen denn Antworten. Für die Palästinenser erübrigte sich eine Untersuchung, weil doch klar sei, dass Israelis den Jungen ermordet hätten. Deshalb gab es keine pathologische Untersuchung der Leiche, keine sichergestellten Kugeln und keine sonstigen Antworten.

Seamans Brief könnte nach sieben Jahren eine Wende zu jenem Ereignis bringen, das wegen seiner propagandistischen Wirkung hunderten Menschen das Leben gekostet hat. Palästinenser rechtfertigten viele tödliche Anschläge in Israel mit "Rache" für den Tod von Al Dura.

France 2 erhielt vor zwei Wochen vom israelischen Militär eine offizielle Forderung, die Originalkassette herauszurücken. Zusätzlich erklärte der israelische Presseamtschef, dass die weltberühmte Szene "fabriziert war und den Gesetzen der Physik widerspreche". Laut Seaman hätten die Soldaten von ihrer Stellung aus die Al Duras nicht einmal sehen können.

France 2 hat bisher nur 59 Sekunden des Schusswechsels veröffentlicht, der über 40 Minuten lang andauerte. Der damalige israelische Befehlshaber Giora Eiland fragte am Dienstag im Radio, ob die zwei in die Kamera gestreckten Finger des Kameramannes "Take Two" bedeuteten, also das Zeichen für die Wiederholung der tragischen Szene eines Todes vor laufender Kamera...

Quelle: n-tv.de