Dossier

Hilmar Rempel bei n-tv.de "Eine Lücke wird sich auftun"

Diplom-Geologe Hilmar Rempel ist der stellvertretende Leiter des Referats Energierohstoffe bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Die BGR ist eine nachgeordnete Behörde des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.

Diplom-Geologe Hilmar Rempel ist der stellvertretende Leiter des Referats Energierohstoffe bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Die BGR ist eine nachgeordnete Behörde des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe erwartet Peak Oil zwar erst im Jahr 2020, plädiert aber dennoch dafür, Alternativen zum Erdöl schon jetzt zu entwickeln. In der Debatte um das Fördermaximum nimmt die Behörde eine Mittelposition ein, die man ein wenig verkürzt so zusammenfassen könnte: Ja, Peak Oil kommt. Aber es wird schon nicht so schlimm werden.

n-tv.de: Welche Rolle nimmt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in der Debatte um Peak Oil ein? Sie sehen sich vermutlich in einer Mittelposition zwischen dem Mineralölwirtschaftsverband und der Peak-Oil-Community.

Hilmar Rempel: Ja, so in etwa. Wobei wir auch klar sagen: Peak Oil kommt. Wir vertreten aber nicht den Standpunkt, dass das Fördermaximum schon erreicht ist, sondern wir schätzen, dass dieser Punkt um 2020 erreicht sein könnte.

Was für ein Szenario erwarten Sie nach dem Erreichen des Peak Oil?

Die Förderung von Öl geht zurück. Das bedeutet natürlich nicht, dass dann mit einem Mal Schluss ist, sondern die Förderung geht sukzessive zurück. Wie der Rückgang erfolgt, hängt von vielen Faktoren ab: ob es mit neuen Technologien gelingt, aus den bekannten Feldern mehr herauszuholen, ob Ölsande, Schwerstöle und vielleicht auch Ölschiefer eine größere Rolle spielen können und inwieweit andere Treibstoffe aus Kohle, Biomasse und vielleicht auch Erdgas einen Teil des Rückgangs beim Erdöl ausgleichen können.

Wie optimistisch sind Sie, dass es gelingt, den Förderrückgang einigermaßen glimpflich hinzubekommen?

Wir glauben nicht, dass das vollständig gelingt. Eine Lücke wird sich sicherlich auftun, die anderweitig geschlossen werden muss - entweder durch andere Energieträger oder dadurch, dass wir weniger verbrauchen.

Sie sind nicht zuständig für Risikofolgenabschätzung, trotzdem die Frage: Welche Folgen hat Peak Oil für die Gesellschaft, für die Volkswirtschaften? Steigt die Arbeitslosigkeit, kommt der Hunger zurück nach Europa?

Für unsere Region glaube ich nicht daran. Für die Entwicklungsländer kann Peak Oil aber sehr problematisch werden. Der Förderrückgang wird das Öl noch teurer machen. Wir werden uns das wahrscheinlich noch leisten können, aber die ärmeren Länder werden gravierende Probleme bekommen.

Die Bundesanstalt betont, angesichts der langen Zeiträume, die für eine Umstellung auf dem Energiesektor erforderlich sind", sei es "bereits heute notwendig, nach Alternativen für Erdöl zu suchen".

Im Energiebereich braucht man grundsätzlich einen langen Vorlauf, das geht nicht von heute auf morgen. Wobei natürlich die Frage ist, ob man sich tatsächlich langfristig auf Peak Oil einstellt oder ob man es erst einmal zur Zuspitzung der Situation kommen lässt. Die Umstellungsprozesse würde das beschleunigen. Dann wäre man gezwungen, auf einen Schlag Ersatz für das Öl zu suchen.

Auf Ihrer Website heißt es, die Bundesanstalt sei Berater für Ministerien und EU sowie Partner für Wirtschaft und Wissenschaft. Haben Sie den Eindruck, dass Regierung, EU und Wirtschaft auf Ihren Rat hören, dass es "bereits heute" notwendig ist, nach Alternativen für Erdöl zu suchen?

Ja. Diese Erkenntnis setzt sich zunehmend durch. Das zeigen auch die Energiegipfel im Kanzleramt. Ich komme gerade aus Berlin, wir haben im Wirtschaftsministerium unsere jüngste Studie zum Thema vorgestellt. Zumindest ist kein großer Widerspruch gegen unsere Einschätzung erhoben worden.

Aber ist auch die Bereitschaft da, über Konsequenzen nachzudenken?

Ja, wir sehen hier die Maßnahmen der Bundesregierung in Richtung Energieeinsparung und Ausbau erneuerbarerer Energien als bedeutend in dieser Richtung.

Teile der Peak-Oil-Community argumentieren, ein Indiz für die Richtigkeit ihrer These sei die Tatsache, dass die Ölkonzerne nicht mehr in die Suche nach neuen Ölfeldern, in Raffinerien, Pipelines und Tanker investieren. Stimmt das?

Das stimmt nicht ganz. Die internationalen Ölgesellschaften haben natürlich ein Problem: In die Regionen, in denen das meiste Öl liegt, kommen sie nicht rein, also in den Nahen Osten und andere OPEC-Länder. Dort wird die Ölförderung größtenteils von staatlichen Ölgesellschaften beherrscht. Natürlich investieren auch die großen Ölgesellschaften noch in Exploration, aber das wird zunehmend schwieriger. Felder für Entwicklung sind Regionen wie die Tiefsee, möglicherweise in Zukunft auch die Polarregionen oder Gegenden, wo nur kleinere Ölfelder liegen, die schwieriger und nur mit hohen Kosten zu erschließen sind..

Was ist mit der Infrastruktur?

Bei Raffinerien, Pipelines und Tankern ist es sicher sehr unterschiedlich, da sollte man nicht alle über einen Kamm scheren. In den USA haben sich die Ölgesellschaften bei Investitionen in ihre Raffinerien in letzter Zeit sehr zurückgehalten. Aber auch in Europa schätzt man natürlich ab, was brauchen wir an Raffinerie-Kapazitäten, reicht das, was wir haben, aus? Es handelt sich immerhin um Investitionen in Milliardenhöhe - man stellt nicht einfach eine Raffinerie auf die grüne Wiese, die dann nicht ausgelastet ist.

Würden Sie denn das Argument gelten lassen, die ausbleibenden Investitionen seien ein Indiz dafür, dass die Ölindustrie auch an Peak Oil glaubt, es nur noch nicht offen sagt?

Als Hauptargument würde ich das nicht gelten lassen.

Mit Hilmar Rempel sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de