Dossier

Manfred Stolpe, 1989 "Es lag etwas in der Luft"

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Berliner aus Ost und West feiern in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 am Brandenburger Tor.

Manfred Stolpe, geboren am 16. Mai 1936, war zwischen 1982 und 1990 Konsistorialpräsident des Evangelischen Konsistoriums Berlin-Brandenburg, mit anderen Worten: eine Art Chef der kirchlichen Verwaltung. Als solcher war er der wichtigste Vermittler zwischen Kirche und SED. 1990 wurde Manfred Stolpe erster Ministerpräsident des neuen Bundeslandes Brandenburg.

n-tv.de: Herr Stolpe, wo waren Sie, als Schabowski seine berühmte Pressekonferenz gab? Wie haben Sie vom Mauerfall erfahren?

Manfred Stolpe: Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein bisschen ausholen. Ich will jetzt nicht bis 1945 zurückgehen, bis zu der erzwungenen Teilung Deutschlands - obwohl es damit anfängt. Der 9. November war Teil eines Prozesses. Die Erwartung war riesengroß, dass endlich die Grenze geöffnet wird. Im Grunde hatte die Revolution schon am 9. Oktober in Leipzig gesiegt, was letztlich dazu führte, dass Honecker am 18. Oktober von seinen eigenen Leuten zum Rücktritt gezwungen wurde. Am 19. Oktober sagte dann Honeckers Nachfolger Egon Krenz den evangelischen Bischöfen zu, es würde noch vor Weihnachten ein neues Reisegesetz geben. Es lag etwas in der Luft.

Erst im September hatten die Montagsdemonstrationen begonnen, war das Neue Forum gegründet worden.

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(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Die Synode - das Parlament der evangelischen Kirche - forderte im September in verhältnismäßig deutlicher Sprache Reformen, Reisefreiheit, die Zulassung der oppositionellen Gruppen und eine neue Wahlordnung. Erst im Mai hatte es ja den Betrug bei den Kommunalwahlen gegeben. Die Kirche bündelte da nur, was im Lande latent an Forderungen vorhanden war. Dann kam die Entwicklung in den Oktober hinein, mit den Montagsdemonstrationen in fast allen Kreisstädten. Vorläufiger Höhepunkt war der 9. Oktober. Man rechnete damit, dass es in Leipzig zu Auseinandersetzungen kommen würde, in der Stadt waren mehrere zehntausend Sicherheitskräfte zusammengezogen worden. Im Nachhinein wissen wir: Die warteten eigentlich auf eine Provokation. Die blieb jedoch aus, der Machtapparat schlug nicht zu - was nicht voraussehbar war: Krenz war ja extra zur Schulung nach China geschickt worden.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat darauf hingewiesen, dass sich der öffentliche Dienst Westberlins seit Oktober auf den Fall der Mauer vorbereitete.

Am 29. Oktober gab es einen Termin, den die evangelische Kirche arrangiert hatte; ein Treffen von Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Berlin West, mit Erhard Krack, Oberbürgermeister von Berlin Ost. Krack sagte zu Momper: Stellen Sie sich bitte darauf ein, dass vor Weihnachten noch, wahrscheinlich schon in nächster Zeit, alle reisen dürfen. Und die kommen natürlich zuallererst nach Westberlin. Es wird also ein bisschen turbulent bei Ihnen werden. Woraufhin Momper entsprechende Vorbereitungen einleitete. Ich persönlich rechnete damit, dass die Mauer am 4. November überrannt werden würde. An diesem Tag war die große Demonstration auf dem Alexanderplatz.

Haben Sie geglaubt, das würde friedlich passieren?

Ich war sicher, dass die Demonstranten friedlich bleiben würden. Die Frage war: Wie reagiert die Staatsmacht? Ich habe befürchtet, dass die schießen werden, dass es ein Blutbad gibt. Ich gehöre ja zu der Generation, die den 17. Juni 1953 unmittelbar erlebt hat, die erlebt hat, wie plötzlich alles vorbei ist, wenn erst mal die Panzer rollen. Das konnte man ja auch 1956 in Ungarn beobachten und 1968 in Prag - das steckte einem fast im Blut.

Die Mauer wurde schließlich am 9. November überrannt.

Ich hatte für diesen Tag - übrigens gemeinsam mit Lothar de Maizire - eine Zusammenkunft in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin arrangiert, mit Vertretern der SED, der Blockparteien, fast aller Oppositionsgruppen und der beiden großen Kirchen, um darüber zu beraten, wie man das Land jetzt verändern kann. Während ich vorn auf dem Podium saß, bekam ich einen Zettel zugeschoben: "Schabowski hat erklärt: Jetzt können alle reisen." Das hat mich gar nicht sonderlich erregt, ich dachte nur, na, Gott sei Dank, jetzt kommt endlich das neue Reisegesetz, hoffentlich machen die das einfach und schnell. Erst nach der Veranstaltung bekam ich mit, dass der Abend hochbrisant zu werden drohte: Momper hatte nach Schabowskis Pressekonferenz in der Westberliner "Abendschau" gesagt: "Das ist ein Tag, den wir uns lange ersehnt haben", er bat die Ostberliner sogar, nicht mit dem Auto zu kommen, sondern mit S- und U-Bahn. Und da die Ostberliner, statt brav "Aktuelle Kamera" zu sehen, lieber West-Sender sahen, wussten nun alle Bescheid. Zehntausende machten sich auf zu den Grenzübergängen. Die Menschen warteten nicht mehr auf eine ihnen gewährte Reiseregelung, sie nahmen sich die Reisefreiheit selbst. Der 9. November war gewissermaßen das I-Tüpfelchen auf dem Sieg der Revolution.

War Ihnen mit dem Mauerfall schon klar, dass es mit der DDR zu Ende ging?

Nein, ich habe bis in den Februar hinein geglaubt, dass die Sowjetunion die DDR nicht aufgeben wird, weil zur Aufrechterhaltung des Sowjetimperiums eben der Fuß an der Elbe gehörte. Ich habe allerdings damit gerechnet, dass es jetzt wesentlich mehr Freiheiten und ein Stückchen Demokratie geben würde. Für uns spielte das Modell Finnland immer eine Rolle: Man bleibt der Sowjetunion verbunden, kann sich aber trotzdem frei bewegen. Das war für mich das erstrebenswerte Nahziel.

Erstrebenswert in dem Sinne, dass Sie nicht geglaubt haben, dass etwas anderes möglich ist.

Ja. Im November dachte ich, man könnte vielleicht diesen alten Ulbricht-Plan mit der Föderation wieder rausholen. Helmut Kohl kam dann auch damit, in seinen zehn Punkten vom 28. November tauchte auch die Föderation auf. Erst im Februar merkte ich, dass da vielleicht mehr drin ist, nach diesen beiden wichtigen Besuchen in Moskau: erst Modrow, dann Kohl. Mit Hans Modrow hatte ich in dieser Zeit engen Kontakt - er war für uns immer ein Gewährsmann für Öffnung und Liberalisierung. Von Modrow wusste ich, dass er im Moskauer Politbüro ausgefragt worden war. Modrow hat da - so sagte er es mir damals und sagt er es auch heute - die sowjetischen Genossen beruhigt: Das werde alles vernünftig laufen, es werde keinen Anlass für einen Krieg geben, und man werde als Kommunisten in der DDR auch nicht untergehen. Modrow gewann den Eindruck, dass Moskau nicht hundertprozentig darauf festgelegt war, wie es weitergehen sollte. Dann kam Kohl, und kurz danach wurden die 2+4-Gespräche vereinbart.

Ich habe einem Bekannten, der 1989 in Ostberlin in der Opposition aktiv war, erzählt, dass ich mit Ihnen sprechen würde. Da hat er gesagt, frag ihn, warum er noch nach dem 9. Oktober Aktionen wie die Mahnwache an der Gethsemanekirche verhindern wollte.

Ich wollte Blutvergießen vermeiden.

Für ihn war der 9. Oktober der Tag, wo alles gekippt ist - danach hat er gedacht, jetzt kann nichts mehr passieren.

Für mich war dieser Zeitpunkt erst im Februar erreicht. Es gibt da einen Zusammenhang auch zur Gethsemanekirche: Am 7. Oktober gab es eine Demonstration vom Alexanderplatz zum Palast der Republik, in dem gerade der 40. Jahrestag der DDR gefeiert wurde. Die Leute riefen "Gorbi, Gorbi", "Demokratie - jetzt oder nie" und ähnliches. Als die Polizei sie abdrängte, liefen ein paar tausend Menschen in Richtung Gethsemanekirche, wo viele Oppositionelle versammelt waren. Zwischen Gethsemanekirche und Schönhauser Allee wurden am Abend dann Hunderte brutal zusammengeschlagen und festgenommen. Am 8. Oktober wiederholte sich das rings um die Gethsemanekirche. Das schien die Methode zu sein, und das verstärkte meine Angst für den 9. Oktober in Leipzig. Das Interesse der evangelischen Kirche war, alles zu versuchen, um eine Zuspitzung zu vermeiden. Im Klartext hieß das: alles vermeiden, was die Machtorgane als Provokation verstehen konnten und ihnen Anlass zum Zuschlagen gab. Denn dann wäre die eigentlich schon siegreiche Revolution erstickt worden.

Kowalczuk charakterisiert Sie folgendermaßen: "Stolpe, der gern Skat spielte, pokerte. (...) Er blieb stets unberechenbar - für alle Seiten. Das war in den achtziger Jahren durchaus von Vorteil. Eine eindeutige Gesamtbeurteilung ist kaum möglich, denn er war fast alles zugleich."

Stolpe steht für seine Überzeugung. Meine Grundmotivation war, Frieden zu stiften. So habe ich jedenfalls verstanden, was in diesem dicken Buch genannt Bibel drinsteht. Natürlich hätte es ohne die oppositionellen Gruppen und ohne den Mut von Hunderten, vielleicht von Tausenden keine Bewegung in der DDR gegeben. Deshalb haben wir als Kirche ja auch dafür gesorgt, dass sie Druckmaschinen bekamen und Druckerfarbe - die politische Diakonie gehörte nach meinem Verständnis zu den Aufgaben der Kirche dazu. Auf der anderen Seite hieß das immer auch: die Staatsmacht beruhigen, ihr sagen, "Macht euch nicht zu viele Sorgen, es wird keinen Aufstand geben". Es gehörte beides dazu.

Was war für Sie nach dem Mauerfall der größte persönliche Gewinn?

Dass die Familienkontakte jetzt problemlos wahrgenommen werden können. Die Stolpes stammen aus dem östlichen Pommern, das heute Polen ist, und meine Eltern und ich waren die einzigen, die in der DDR waren. Alle übrigen waren weitergezogen, nach Schleswig-Holstein, nach Bayern, nach Nordrhein-Westfalen. Es ist eine ziemlich große Familie. In der Mauer-Zeit hatte man Mühe, die Kontakte aufrecht zu erhalten. Vor allem die nachwachsende Generation war immer ein bisschen meine Sorge, mehr im Westen als im Osten; die jungen Leute im Westen hatten nur wenig Interesse an der DDR. Das lag natürlich auch daran, dass es mühsam war, über die Grenze zu kommen. Einem meiner Neffen war an der Grenze sein Lieblingscomic weggenommen worden. Seitdem hatte er immer irgendwelche Ausreden, um nicht wieder herzukommen. Heute kommt er gern.

Im März war Angela Merkel in der Talkshow von Anne Will, wo sie gefragt wurde, ob sie für die Bewältigung der Krise die richtige sei. Ein Kanzler Schröder hätte vermutlich einfach "Ja" gesagt. Merkels Antwort: "Die Krise ist da, ich bin die Bundeskanzlerin, und ich werde versuchen, sie mit allen anderen zu meistern." Ist das typisch ostdeutsch?

Typisch würde ich nicht sagen, auch bei Menschen mit Ost-Biografie gibt es natürlich welche, die gleich "Hier" und "Ja" rufen. Aber wer die DDR ein bisschen bewusster und nachdenklicher erlebt hat, der weiß zu differenzieren, der weiß um die Komplexität von Zusammenhängen und Ereignissen, und dass es ein bisschen verwegen wäre zu meinen, man habe immer alles im Griff. Ich denke schon, dass die Angela Merkel die richtige Frau am richtigen Platz ist.

Politiker betonen gern den spezifischen Wert der ostdeutschen Erfahrungen für das vereinte Deutschland. Mir ist das zu funktional gedacht. Ein Westdeutscher wird ja auch nicht gefragt, was er für das vereinte Deutschland geleistet hat.

Ich denke, es wäre ganz gut, wenn man sich im Osten ein bisschen mehr darüber austauschen würde, was es eigentlich für uns bedeutet, was in 40 Jahren Bundesrepublik aufgebaut wurde, was der Westen ins vereinte Deutschland einbringt. Zugleich ist klar, dass auch die Menschen aus dem Osten etwas einbringen: Sie haben eine erfolgreiche Revolution durchgeführt, sie haben die Wiedervereinigung ermöglicht, und erst durch die Wiedervereinigung hat Deutschland wieder einen gleichberechtigten Platz in der Welt erhalten. Friedrich Schorlemmer hat unlängst in einem Essay geschrieben, es sei unglaublich wichtig, dass mehr miteinander geredet wird - dass die Menschen im Osten ein bisschen besser verstehen, was im Westen geleistet wurde und was das auch für die Prägung der Menschen bedeutet, wieso sie in mancher Beziehung anders sind - Regine Hildebrandt hat sich daran ja immer gewetzt. Natürlich gilt das auch umgekehrt für den Westen. Für mich waren eigentlich immer die schönsten Erfahrungen, wenn man in der Zusammenarbeit von Leuten mit Ost- und West-Biografien an einem gemeinsamen Projekt merkte: Jeder bringt ein bisschen was mit, und gemeinsam geht es ein Stück weit besser.

Wenn Schorlemmer sagt, wir müssen mehr miteinander reden, dann ist das doch auch ziemlich ernüchternd. Wir hätten ja 20 Jahre Zeit gehabt.

Da ist viel versäumt worden. Es gibt mehrere große Versäumnisse und auch ein paar kleine Fehler, die bei der Wiedervereinigung gemacht wurden, aber das größte Versäumnis ist vielleicht, dass man die Unterschiede bei den Menschen unterschätzt hat. Aber es ist nicht zu spät, Versäumtes nachzuholen.

Mit Manfred Stolpe sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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