Dossier

Ban Ki Moon ist schockiert Gaza-Stadt in Trümmern

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon machte sich am Dienstag in den Trümmerfeldern von Gaza-Stadt selbst ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung durch die dreiwöchige israelische Militäroffensive im Gazastreifen und zeigte sich fassungslos. "Es ist herzerreißend, es ist schockierend, mir fehlen die Worte", fasste er seine Eindrücke auf einer Pressekonferenz vor der Ruine des von Israel zerstörten UN-Lagerhauses zusammen. Helfern und Journalisten, die inzwischen im Gazastreifen eingetroffen sind, wird aber auch zunehmend klar, mit welcher Brutalität die hochgerüstete israelische Militärmaschinerie bei ihren Angriffen mitunter vorging. Manche Zwischenfälle veranlassten UN-Vertreter und Menschenrechtsgruppen sogar, den Verdacht von Kriegsverbrechen zu äußern.

In Schutt und Asche

Als schockierend empfunden wurde etwa die Geschichte, die die 35- jährige Sinad Samuni im Gaza-Viertel Saitun einer Gruppe von Reportern erzählte. Die ganze Nachbarschaft liegt nach den schweren Bombardierungen in Schutt und Asche. Während der Luft- und Artillerieangriffe, die am 27. Dezember begannen, hatte sich die Familie Samuni - mehrere Erwachsene und 20 Kinder - voller Angst in ihrem Haus zusammengekauert. Eine Granate schlug im Dachboden ein, verletzte aber niemanden. Am 4. Januar, dem zweiten Tag der Bodenoffensive, rückten israelische Soldaten in das Viertel ein. "Um halb sieben Uhr früh trommelten sie bei uns an die Tür", berichtete Samuni.

Ihr Mann Atijeh (46) sei mit erhobenen Händen, den Personalausweis hochhaltend, zur Tür gegangen. Trotzdem sei er noch im Gang von den Soldaten niedergeschossen worden. Als diese die Wohnräume erreichten, schrien die Frauen und Kinder in Panik. Die Soldaten hätten aber weiter geschossen. Samunis vierjähriger Sohn Ahmed und seine Schwester Amal wurden getroffen. "Ahmed starb blutend in meinen Armen", erzählte seine Mutter unter Tränen. Amal liegt mit einem Kopfschuss im Krankenhaus. Rettungskräfte kamen nicht. Die Israelis hatten in einem gegenüberliegenden Haus Stellung bezogen, niemand wollte in ihre Schusslinie geraten.

Atijeh Samuni lag zwei Wochen lang tot im Gang des Hauses. Als der Leichnam geborgen wurde, hatte er bereits zu verwesen begonnen. Das getrocknete Blut der Kinder war noch an den Wänden zu sehen. An den Außenmauern hinterließen die inzwischen abgezogenen Soldaten Graffiti-Schmierereien wie "Die Araber sind ein Stück Sch...".

"Umfassende internationale Untersuchung" gefordert

Drei Tage vor dem Ende der Offensive beschoss das israelische Militär nach Angaben von Mitarbeitern der Vereinten Nationen das große UN-Lager im Gazastreifen mit Phosphorgranaten. Der Einsatz dieser Waffe, die schwer zu löschende Brände und bei Menschen furchtbare Brandverletzungen auslöst, ist in bewohnten Gebieten völkerrechtlich verboten. Der Sprecher des UN-Hilfswerks UNRWA, Chris Gunness, forderte eine Untersuchung, um zu ermitteln, ob Israel mit dem Beschuss des UN-Gebäudes sowie mehrerer Schulen voller palästinensischer Flüchtlinge - am 6. Januar starben bei einem solchen Zwischenfall mehr als 30 Menschen - Kriegsverbrechen beging. Auch Ban forderte am Dienstag eine "umfassende internationale Untersuchung" der zivilen Opfer.

Israel hielt dagegen, die radikal-islamische Hamas habe die Zivilbevölkerung im Gazastreifen als "Schutzschild" missbraucht. Tatsächlich nutzte die Hamas etliche Moscheen als Waffenlager, was gleichfalls als Verstoß gegen das Kriegsrecht gilt. Die Vorwürfe der israelischen Armee, Militante hätten "aus der Nähe" der beschossenen Schulen und UN-Gebäude gefeuert, klingen hingegen nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen nicht immer überzeugend.

Jedenfalls bereitet sich das israelische Verteidigungsministerium nach einem Bericht der "Jerusalem Post" auf mögliche Anklagen gegen führende Militärs vor. Ein eigenes Juristenteam werde vom Militär aufgenommenes Filmmaterial und Geheimdiensterkenntnisse sichten, um "Argumente vorzubereiten, die Anschuldigungen betreffend Kriegsverbrechen entkräften sollen", zitierte das Blatt einen namentlich nicht genannten Beamten des Ministeriums.

Quelle: ntv.de, Gregor Mayer, dpa

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