Dossier

Libyscher Ex-Premier Ghanim war Kritiker Gaddafis

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Ghanims Bewerbung für den Chefposten bei der Opec scheiterte.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zwar hatten nicht alle libyschen Aufständischen eine hohe Meinung von dem früheren Ölminister – der in Wien tot aufgefundene Schukri Ghanim gehörte aber auch nicht dem treuen Gaddafi-Gefolge an. Schon bevor er zu den Gaddafi-Gegnern überlief, kritisierte er die Reformunfähigkeit des Landes unter dem früheren Machthaber.

Schukri Ghanim war das zivilisierte, freundliche Aushängeschild eines korrupten Regimes. Der 69-jährige Akademiker, der in den USA studiert hat und gerne teure Anzüge trug, wusste sich zu benehmen und träumte von einem modernen Libyen. Er diente dem cholerischen Dauermachthaber Muammar al-Gaddafi viele Jahre, obwohl er schon vor Beginn der Revolution im Februar 2011 auf Distanz zum Diktator und seiner Familie gegangen sein soll.

Bereits wenige Tage nachdem der Aufstand gegen Gaddafi begonnen hatte, hieß es in der Aufständischen-Hochburg Bengasi, Ghanim wolle sich aus Tripolis absetzen. Man hielt ihm zugute, zunächst keine Gelegenheit dazu gehabt zu haben, weil er von den Sicherheitskräften des Regimes überwacht worden sei. Im Mai vergangenen Jahres gelang es ihm dann, sich via Tunesien abzusetzen.

Nicht alle Aufständischen wollten ihn

Ghanim erklärte wenig später seine Unterstützung für die Aufständischen. Doch anders als andere Ex-Funktionäre, die sich von Ost-Libyen aus aktiv am Kampf gegen das Regime beteiligten, ließ er sich mit seiner Familie in Wien nieder. Vielleicht vermutete er, dass er nicht von allen Revolutionären freudig begrüßt werden würde.

Nach Angaben aus Regierungskreisen in Tripolis hätten die Behörden Ghanim im Frühjahr dieses Jahres gerne zu einigen "finanziellen Transaktionen" befragt. Ein internationaler Haftbefehl gegen ihn sei jedoch nicht ausgestellt worden, hieß es.

Ghanim bekleidete im Laufe seiner Karriere viele verschiedene Posten in staatlichen Institutionen. In Gaddafis Libyen war das normal. Da der misstrauische Gaddafi selbst alle Fäden in der Hand behalten wollte, ließ er seine Funktionäre regelmäßig rotieren. Nach Stationen bei der staatlichen Nachrichtenagentur Jana und in mehreren Ministerien ging Ghanim 1993 als Direktor einer Abteilung zur Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) in Wien. Die libysche Führung schlug ihn 1999 sogar als Kandidaten für den Opec-Chefposten vor. Diese Bewerbung scheiterte jedoch.

Handlungsunfähiger Ministerpräsident

Im Juni 2003 machte ihn Gaddafi zum Ministerpräsidenten. In diesem Amt, das er bis 2006 bekleidete, wurde Ghanim jedoch nicht glücklich. Denn einige Hardliner aus dem engsten Kreis um Gaddafi blockierten seine Pläne für Reformen. Im März 2006 wurde er entlassen und zum Vorsitzenden der Nationalen Ölgesellschaft (NOC) im Rang eines Ministers ernannt.

In einem privaten Gespräch mit einem Freund soll Ghanim 2008 gesagt haben, mit Gaddafi an der Macht seien keine echten wirtschaftlichen und politischen Reformen möglich. Außerdem soll er sich in seiner Zeit als NOC-Chef bei diesem Freund, der später mit US-Diplomaten darüber sprach, beklagt haben, Gaddafis Sohn Mutassim habe von ihm 1,2 Mrd. US-Dollar aus dem Öl-Geschäft verlangt.

Quelle: n-tv.de, Anne-Beatrice Clasmann, dpa

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