Dossier

Wie soll Partei der Zukunft aussehen? Jugendliche im "Politiklabor"

Darf Kanzlerin Angela Merkel Falschparkern ein Knöllchen verpassen? Was ist das Gewaltmonopol? Warum rennen den Volksparteien die Mitglieder weg? Die Jugendherberge Lübeck hat sich dieser Tage in ein kleines Politiklabor verwandelt. Statt am Strand zu liegen, verbringen hier 15 Jugendliche aus Deutschland eine Woche ihrer Ferien und zerbrechen sich den Kopf über politisches Handeln. Während CDU und SPD sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, wer weniger schnell seine Mitglieder verliert, diskutieren die 16- bis 19- Jährigen auch darüber, wie die Partei der Zukunft aussehen sollte: "Weniger schwammig, Einstehen für klare Positionen und mehr gute Politiker", sagt die 18-jährige Kim Runge.

Der Verein zur Förderung politischen Handelns (v.f.h.) mit Sitz in Bonn veranstaltet seit rund 15 Jahren im Sommer Ferienakademien für junge Leute. "Denken macht Arbeit", sagt Referent Jens Saadhoff zu der am Abend recht erschöpften Gruppe. "Aber es hilft beim Eintreten für eigene Positionen." Der 32-jährige Unternehmensberater aus Dresden war früher selbst Seminarteilnehmer und versucht mit theoretischen Texten über Gewaltenteilung, Freiheit und Verantwortung die jungen Leute zu wachen Politikinteressierten zu machen.

Kapitalismuskritik beim Marxismus-Tag

Gezielt werden die Teilnehmer durch das weite Feld der Weltanschauungen gelenkt. Beim Marxismus-Tag wird der Kapitalismus besonders negativ dargestellt. In einem Rollenspiel werden alle zu Waffenproduzenten - dabei können die Preise der Waffen, Arbeitszeit und Löhne selbst bestimmt werden. "Jede Gruppe möchte möglichst großen Gewinn machen", sagt die 23-jährige Seminarleiterin Judith Hartmann, die in München Politik studiert. Zugleich werden am Beispiel von Ausbeutungsmechanismen Nachteile des Kapitalismus vor Augen geführt. Wenige Tage später wird das Blatt umgedreht und der Marxismus verdammt. "Wir wollen erreichen, dass jedem klar wird, dass er ein freies Individuum ist, das frei denken soll", sagt Hartmann. Es gehe darum, seine Haltung klar begründen zu können.

Diskutieren und Denken, dass tun die Jugendlichen in Lübeck ohne Unterlass. Sie sollen später als Multiplikatoren wirken, um auch Mitschüler zu mehr Engagement zu bewegen. Vier Teilnehmer aus Baden-Württemberg wurden von ihrem Lehrer am Georg-Büchner-Gymnasium in Winnenden - einem SPD-Mitglied - zur Teilnahme an der Sommerakademie ermuntert. Damit den Parteien nicht noch mehr Mitglieder weglaufen, müssten sie junge Menschen früher einbinden und schnellere Aufstiegschancen bieten, meinen die Teilnehmer. "Warum machen sie nicht Podiumsdiskussionen mit Jugendlichen", fragt der 19-jährige Robin Cohorst aus Berlin.

Politik ohne "Typen"

Fast alle der 15 Politikinteressierten haben bisher keine Präferenzen für eine bestimmte Richtung. "Die Parteien sind doch inhaltlich kaum noch zu unterscheiden", heißt es. Kim Runge regt sich auf, dass viel über Bildung geredet, aber wenig gehandelt wird, der Lehrermangel sei eklatant. "Und bei uns in der Schule sind Kabel mit Schnürsenkeln befestigt, ein Bild des Grauens". Ihr fehlen Typen in der Politik, die "klare Kante" zeigen. Mit Franz Müntefering habe der letzte Charismatiker die Berliner Bühne verlassen, meint die Schülerin aus dem schleswig-holsteinischen Kellinghusen. "Es gibt keinen Barack Obama in Deutschland", sagt sie. "Kurt Beck ist nicht so die repräsentative Figur, die Massen bewegt. Es fehlen hier Leute wie Willy Brandt oder Helmut Schmidt."

Alice Szysz ist die einzige, die bisher aktiv in einer Partei mitmischt. Die 18-Jährige aus der Nähe von Rendsburg ist beim Jugendverband der FDP, den Julis, aktiv. Sie hat klare Vorstellungen. "Die FDP ist die einzige Partei, die sich dem Linkstrend widersetzt." Ihrer Meinung nach engagieren sich so wenig Jugendliche in der Politik, weil es oft erst vom 11. Schuljahr an Politikunterricht gibt. "Welch ein Widerspruch: In Schleswig-Holstein kann man bei Kommunalwahlen mit 17 wählen, hat aber bis dahin im Unterricht nur Geschichtsthemen behandelt." Die Ablenkung vieler Altersgenossen durch das Internet sieht sie nicht als negativ an. "Die Foren müssten nur einfach mehr zum Diskutieren über Politik genutzt werden."

Georg Ismar, dpa

Quelle: n-tv.de