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Noch 700 Gigatonnen CO2 Letzte Ausfahrt 2015

Der Ausstoß von Treibhausgasen sinkt nicht, er steigt. Der Klimaforscher Malte Meinshausen hat errechnet, dass 2015 der globale Höchstpunkt des CO2-Ausstoßes erreicht sein muss, wenn die Menschheit den Klimawandel auf einen Anstieg um 2 Grad begrenzen will. Völlige Sicherheit wird auch das 2-Grad-Ziel nicht bringen: "Mit 2 Grad können wir wahrscheinlich das schlimmste vermeiden, glimpflich werden jedoch viele Regionen auch dann nicht davonkommen."

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Ca. 700 Gigatonnen CO2 darf die Menschheit noch ausstoßen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, ist dieses Budget vor 2030 aufgebraucht.

(Foto: picture alliance / dpa)

n-tv.de: Sie haben vor einem Jahr eine Studie veröffentlicht, nach der die Menschheit in den ersten fünfzig Jahren dieses Jahrhunderts noch maximal 1000 Gigatonnen CO2 ausstoßen dürfte, wenn das Risiko einer Erwärmung um 2 Grad auf 25 Prozent begrenzt werden soll. Wie viel davon haben wir denn schon emittiert?

Malte Meinshausen: Ungefähr schon ein Drittel, ca. 700 Gigatonnen sind noch übrig. Und wenn wir so weitermachen wie bisher, dann werden wir dieses Budget noch vor 2030 aufgebraucht haben. De facto erhöhen wir jedoch den Treibhausgasausstoß noch von Jahr zu Jahr. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als bald eine Kehrtwende einzuleiten und dann unsere Reise in Richtung einer Zero-Carbon-Economy zu beginnen.

Wann ist bald?

Bis ungefähr 2020 sollten wir wieder auf dem Emissionsniveau sein, auf dem wir im Moment stehen. Der gangbarste Weg wäre, wenn die globalen Emissionen 2015 ihren höchsten Punkt erreichen. Wenn wir erst 2020 anfangen, die Emissionen zu senken, bräuchten wir globale Reduktionen von schon mehr als 6 Prozent pro Jahr. Das wären gewaltige Einsparungen, die man sich eigentlich nicht plausibel vorstellen kann.

Warum nicht?

Kraftwerke beispielsweise haben eine durchschnittliche Lebensdauer von vierzig oder fünfzig Jahren. Wenn der globale Kraftwerkspark in diesem Rhythmus durch Kraftwerke ersetzt würde, die zu 100 Prozent emissionsfrei sind, wäre dass eine wirklich drastische Maßnahme. Dennoch käme man nur auf eine Reduktion von 2,5 Prozent allein im Energiesektor. Und da der Energiesektor nur ein Drittel der weltweiten Emissionen ausmacht, hätte man nur eine Reduktion von ca. 0,7 Prozent der globalen Emissionen erreicht. Wir müssen also früher anfangen als 2020, wenn wir langfristig das Ziel erreichen wollen, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit unter 2 Grad zu bleiben.

Das kostet viel Geld.

Aber es bringt auch Einsparungen: Wir wären beispielsweise weniger stark auf den Import von fossilen Brennstoffen angewiesen. Deutschland könnte sogar theoretisch profitieren, als Exportweltmeister sparsamer Autos, wenn früh genug die Signale erkannt würden. Ganz zu schweigen von den Kosten, die wir vermeiden, wenn wir den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf unter 2 Grad begrenzen.

Diese Schäden tauchen in keiner Kalkulation auf.

Teilweise aus gutem Grund: Wie will man das Leben von Menschen beziffern, die den nicht unbedingt zahlreicheren, aber schwereren Hurrikans zum Opfer fallen? Wie viel soll es kosten, wenn Leute ihre Heimat verlassen müssen, weil es politische Unruhen gibt aufgrund von Wassermangel?

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Kopenhagen war ein Flop: Die bei dem Gipfel vereinbarten Reduktionsziele reichen für das 2-Grad-Ziel nicht aus.

(Foto: REUTERS)

Sie haben auch errechnet, was die Selbstverpflichtungen bedeuten, die nach dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen von den einzelnen Ländern vorgelegt wurden. Dabei sind Sie auf einen Anstieg der Mitteltemperatur um mehr als 3 Grad bis zum Jahr 2100 gekommen. Das klingt nicht gut.

Im "Copenhagen Accord" haben sich die Unterstützerstaaten dazu verpflichtet, die Erderwärmung auf weniger als 2 Grad zu begrenzen, 2015 wollen sie sogar darüber nachdenken, ob nicht 1,5 Grad das angemessenere Ziel ist. Man sollte also annehmen, dass die Reduktionsziele, die diese Länder dann auf das Papier bringen, dem irgendwie entsprechen. Aber leider ist dem nicht so. Wenn man die angestrebten Emissionsreduktionen aller Länder des Copenhagen Accord addiert, werden wir bis zum Ende des 21. Jahrhunderts bei einer um 3 bis 3,5 Grad höheren globalen Mitteltemperatur landen.

Angenommen, die Welt würde auf die Klimaforscher hören und den CO2-Ausstoß ab sofort senken. Wie sicher könnten wir dann sein, dass der Klimawandel glimpflich abläuft?

Es ist nicht so, dass die Welt auf die Klimaforscher hören muss. Wir diktieren ja keine Politik, sondern evaluieren sie und beraten. Die Welt steckt sich ihre Ziele selbst, zum Beispiel 2 Grad oder 1,5 Grad. Klimaforscher können sagen, was die Folgen von Klimawandel sind. Und das ist eindeutig: Schon 1,5 Grad wird in einigen Regionen tragische Folgen haben, 2 Grad wird dramatisch sein. Bei 2 Grad wird ein Anstieg des Meeresspiegels nicht zu vermeiden sein, der den Untergang von vielen kleinen Inselstaaten bedeutet. Mit 2 Grad können wir wahrscheinlich das schlimmste vermeiden, glimpflich werden jedoch viele Regionen auch dann nicht davonkommen.

Derzeit findet in Bonn wieder mal eine Klimakonferenz statt. Das Treffen soll den jährlichen Weltklimagipfel vorbereiten, der im Dezember im mexikanischen Cancún stattfindet. Niemand rechnet damit, dass dort erreicht wird, was eigentlich schon 2009 in Kopenhagen hätte passieren sollen, nämlich ein bindendes Weltklimaabkommen. Alle warten jetzt auf die Konferenz Ende 2011 in Südafrika. Haben diese Konferenzen überhaupt noch einen Sinn?

Es gibt leider keinen anderen Weg. Die globalen Treibhausgasemissionen können nur durch ein globales Abkommen verringert werden.

Warum?

Aus zwei Gründen: Nur ein internationales Abkommen kann den teilweise berechtigten oder empfundenen Sorgen vor Wettbewerbsverzerrung entgegentreten. Und nur in einem globalen Abkommen ist durchsetzbar, dass der, der seinen fairen Anteil nicht leistet, mit Konsequenzen rechnen muss. Ohne ein international rechtlich bindendes Abkommen sind die Staaten kaum bereit in eine Vorreiterrolle zu schlüpfen. Das haben wir ja aus dem Abkommen von Kopenhagen und dem geringen Ambitionsniveau der dort zu Papier gebrachten Selbstverpflichtungen gelernt. Dass Kopenhagen gescheitert ist, lag letztlich am mangelnden politischen Willen der Großmächte China und USA. Ich bin aber zuversichtlich, dass es noch klappen wird - wenn nicht in Cancún, dann 2011 in Südafrika.

Beim Kyoto-Protokoll hat es acht Jahre gedauert, bis es von den Vertragsstaaten ratifiziert wurde. Ab 2011 gerechnet wäre das 2019, also lange nach 2015. Ist es nicht einfach schon zu spät?

Wir haben nichts gewonnen, wenn wir uns darauf versteifen, dass wir wertvolle Jahre verloren haben. Natürlich haben wir sie verloren; der Kampf gegen den Klimawandel wäre leichter gewesen, wenn wir vor zehn oder fünfzehn Jahren damit begonnen hätten. Heute ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass wir es schaffen, den Klimawandel auf 1,5 Grad zu begrenzen. Diese Möglichkeit haben wir aus der Hand gegeben. Aber wir haben die Chance, den maximalen Klimawandel auf 2 Grad zu begrenzen und vielleicht wieder zurückzufahren auf 1,5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. Dass die Ratifizierung eines verbindlichen Abkommens schneller gehen muss als beim Kyoto-Protokoll, wird von den entscheidenden Mächten der Erde hoffentlich eingesehen.

Kjell Aleklett, der Präsident der Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO), sagt, "was die Politiker in Kopenhagen nicht geschafft haben, dafür werden Peak Oil, Peak Gas und Peak Coal sorgen". Teilen Sie diese pessimistische Hoffnung?

Leider nicht. Ich denke nicht, dass das Ende der fossilen Brennstoffe früh genug kommt, um den Ausstoß von CO2 in einem Maße zu begrenzen, wie es nötig wäre, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen und das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Die noch verfügbare Kohle und die unkonventionellen fossilen Ressourcen können soviel Emissionen verursachen, dass wir die Erde um vier bis sechs Grad oder sogar noch stärker erwärmen könnten.

Die Folgen der Erderwärmung sind bekannt, Trockenheit und Überschwemmungen, neue Krankheiten auch in bisher gemäßigten Zonen, Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, Anstieg des Meeresspiegels. Was davon macht Ihnen am meisten Angst?

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Überschwemmungen in Bangladesch. Weite Teile des Landes werden immer wieder überschwemmt.

(Foto: REUTERS)

Zwei Dinge: Einmal, dass die Niederschläge in einigen Regionen stark zurückgehen und Trockenheiten dort für Hungersnöte sorgen werden - das könnte auf dem indischen Subkontinent sein, das könnte in Teilen Afrikas sein. In einigen Regionen werden die Niederschläge auch zunehmen. Aber tendenziell ist es so, dass in Gegenden, die heute schon trockener sind, größere Dürren auftreten und bereits feuchtere Gegenden mit größeren Überschwemmungen zu kämpfen haben werden.

Und das zweite?

Das zweite ist der Anstieg des Meeresspiegels. Der Meeresspiegel wird ganze Küstenregionen bedrohen - und da geht es nicht nur um Metropolen, die die Menschheit in den letzten einhundert, zweihundert Jahren aufgebaut hat. Die Metropolen werden wohlmöglich durch teure Ingenieurskunst größtenteils geschützt werden können. Es geht auch um die weniger besiedelten Landstriche, um ganze Inselstaaten und um wertvolle Ökosysteme. Der Meeresspiegel könnte bis zum Ende des 21. Jahrhunderts durchaus um einen Meter oder mehr ansteigen. Viele Küstenstreifen, so wie wir sie kennen, wären damit unwiederbringlich verloren - auch die Strände, auf denen wir als Kinder unsere Sandburgen gebaut haben.

Die Lobby der so genannten Klimaskeptiker ist aktiv wie eh und je - was entgegnen Sie Zweiflern, die sagen, das Klima hat sich doch schon immer verändert, der Mensch sei gar nicht in der Lage, den Wandel des Klimas zu beeinflussen?

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Malte Meinshausen arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

(Foto: PIK)

Sicherlich gab es immer wieder Klimawandel. Aber das ist nicht vergleichbar mit dem schlagartigen Klimawandel, den wir gerade selbst verursachen. Wir sind auf dem besten Weg, eine Erderwärmung von 3 Grad oder noch mehr hinzubekommen. Wie viel das ist, sieht man daran, dass die letzte Eiszeit im globalen Mittel nur 5 Grad kühler war. Auch ist das Argument dass die Natur immer wieder große Veränderungen bewirkt hat, nicht wirklich stichhaltig. Dass Meteoriteneinschläge in geologischen Urzeiten ganze Landstriche verwüsteten, dient uns ja auch nicht als Legitimation, heute dasselbe zu tun.

Mit Malte Meinshausen sprach Hubertus Volmer

 

Quelle: n-tv.de