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"Putin hat uns ins Gesicht gespuckt" Moskau schnuppert Frühlingsluft

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110 Millionen Menschen sind in dem Riesenreich aufgerufen, ihre Stimme abzugeben.

(Foto: dpa)

"Das mache ich heute zum ersten Mal", sagt eine Frau und gibt ihre Stimme ab. Viele Russen wissen, dass die Wahl frisiert ist und der neue Präsident Putin heißen wird. Und doch wollen sie ihre Unzufriedenheit ausdrücken. Das liegt auch an Putins Ämterrochade. Denn betrügen lassen will sich keiner mehr. "Wir sind doch keine Idioten", heißt es.

Ein typischer Märztag in Moskau. Im Woronzowskij Park liegt noch Schnee. Umgeben von Hochhäusern spielen Kinder, Familien unternehmen ihren Sonntagsspaziergang. Die Sonne verschwindet hinter dunklen Wolken. Der Frühling lässt noch auf sich warten. Sechs weitere Kremljahre für Putin , Wladimir Putin wird wieder Präsident.

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Putin wählt in Moskau. Dass in vielen Wahllokalen Kameras hängen, war seine Idee.

(Foto: dpa)

Die Moskauer gehen an die Urnen, und doch ist es heute anders als sonst. "Das mache ich heute zum ersten Mal", sagt Shenja. Die Erstwählerin ist Mitte 30 und Mutter zweier Kinder. Auch sie geht davon aus, dass das Ergebnis wie bei den letzten Wahlen frisiert wird. Doch heute wird sie das nicht von der Wahl abhalten. Ihre Geduld mit der Machtelite ist am Ende. Wie viele andere Moskauer ist sie nicht mehr bereit, die "gelenkte Demokratie" still zu erdulden.

Die Ämterrochade mit dem Noch-Präsidenten Dmitri Medwedew hat sich als schwerer Fehler Putins erweisen. Dabei schien das Manöver doch so ausgeklügelt: Nach einem vierjährigen Intermezzo als Regierungschef will Putin wieder in den Kreml ziehen. Dort hatte er seinen Zögling Medwedew als Platzhalter installiert, weil ihm die Verfassung keine dritte Amtszeit in unmittelbarer Folge erlaubte. In völliger Fehleinschätzung der Stimmung im Lande sollten die Parlamentswahlen im Dezember ein Pro-Putin-Plebiszit werden. Doch das Gegenteil war der Fall. Denn vielen Russen stößt der Ämtertausch bitter auf.

"Es ist klar, dass gefälscht und manipuliert wird"

Nur Dank Manipulationen, eines unfairen Wahlkampfes und massiver Behinderung von Gegnern erreichte die Putin-Partei "Einiges Russland" die Mehrheit im Parlament, in dem Opposition ohnehin nicht stattfindet. Die Folge waren die größten Proteste seit dem Ende der Sowjetunion. "Putin hat uns ins Gesicht gespuckt", sagt Alexeij und drückt damit aus, was viele der Protestierenden empfinden. Schon immer habe der Kreml das Volk belogen und betrogen. Mit der Ämter-Rochade und seiner Arroganz habe Putin den Bogen überspannt.

"Es ist klar, dass gefälscht und manipuliert wird. Aber das Ausmaß hat mich völlig überrascht", schimpft Alexej. Wie er scheint ein Großteil Moskaus aus einer Erstarrung zu erwachen. "Ich habe gedacht, ich würde in einem Land leben, in dem alle Putin wählen", sagt seine Frau Julia. "Dann ging ich zur Demonstration auf dem Bolodnaja-Platz. Und ich sah, wie viele wir sind."

Deshalb lassen sich viele Putin-Gegner nicht davon abhalten, zu wählen. Die Wahlen sind zwar weder fair noch frei. Auch heute werden die Ergebnisse vom Kreml frisiert. Wirklicher Wahlkampf findet nicht statt. In Moskau hängen ein paar Alibi-Werbetafeln, die Wahlkampf simulieren. Im Staatsfernsehen dominiert Putin-Propaganda.

"Wir wollen mitreden, gefragt werden"

"Wir wollen einfach nicht mehr betrogen werden", sagt Olja vor dem Schulgebäude, in dem sie wählen wird. Die junge Frau hat sich eine weiße Wollmütze aufgesetzt - es ist die Farbe des Protests. Doch in den überheizten Räumen dominieren dunkle Fellmützen. Es herrscht dichtes Gedränge. Um an den Wahlschein zu kommen, reihen sich die Wähler in lange Schlangen ein. Aus einem Lautsprecher ertönt folkloristische Popmusik. Einige Wahlbeobachter schieben sich durch das Gewusel. Eine Frau studiert die an der Wand pappenden Kurzbiographien der fünf Kandidaten.

Und wen wird Olja wählen? "Prochorow". Natürlich sei er ein Projekt Putins. Doch für wenn solle sie denn sonst stimmen? Der Milliardär komme ihrer Version von einem liberalen und demokratischen Russland zumindest nahe. "Nicht herrschen, sondern regieren", heißt es auf einem der Wahlplakate des Oligarchen. Damit spricht er vielen Russen aus der Seele. "Wir wollen mitreden, gefragt werden - und nicht einfach nur Entscheidungen abnicken. Wir sind doch keine Idioten", sagt Alexeij.

Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zustimmung für Putin in dem Riesengreich noch immer groß ist. Doch sie schwindet. An diesem trüben Tag erlebt Moskau gewiss nicht das Ende einer Epoche, aber möglicherweise den Anfang vom Ende. In der Hauptstadt Russlands ist Aufbruch zu spüren. Doch wohin die Reise geht, das weiß niemand.

Quelle: n-tv.de

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