Dossier

Von Vater zu Sohn Nordkorea bleibt unberechenbar

Große Trauer im "Paradies": Die Nordkoreaner beweinen ihren "geliebten Führer" Kim Jong Il. Aber die stalinistische Kim-Dynastie bleibt dem Land erhalten. Sohn Kim Jong Un ist nun der "große Nachfolger". Reformen sind nach Lage der Dinge von ihm nicht zu erwarten. Das brutale Regime in Pjöngjang existiert weiter.

Symbolträchtiger hätte der Ort des Ablebens von Kim Jong Il nicht sein können: Der bereits seit Jahren von Krankheiten schwer gezeichnete nordkoreanische Machthaber, der Reisen mit dem Flugzeug scheute, Experten fürchten Machtvakuum . So ging die Amtszeit des zweiten Führers der kommunistischen Kim-Dynastie ziemlich unspektakulär zu Ende. Tod durch Herzinfarkt als Folge körperlicher Ermüdung, erklärte die Nachrichtensprecherin mit brüchiger Stimme und Tränen in den Augen. Kim Jong Il habe seine Gesundheit dem Wohle des Volkes geopfert, ist die Botschaft. Dementsprechend bestürzt reagiert das offizielle Nordkorea - weinende Menschen überall. Die Trauermaschinerie läuft auf vollen Touren.

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Jahrelange politische Gehirnwäsche wirkt: Trauernde Nordkoreaner in Pjöngjang.

(Foto: AP)

Kim der Zweite war wieder einmal rastlos zum Wohle seiner Nordkoreaner unterwegs - sicherlich mit tausenden Ratschlägen für die Untertanen im Gepäck. . So wartete er mit Vorschlägen zur Steigerung Produktion in Industrie und Landwirtschaft auf. Zudem war Kim nach offizieller nordkoreanischer Lesart auch ein militärisches Genie. Die durch jahrzehntelange ideologische Gehirnwäsche geprägten Menschen des nördlichen Teils der koreanischen Halbinsel hingen auch an Kims Lippen - egal, welchen Unsinn er von sich gab. Jeder Satz – war er auch noch so inhaltsleer und bedeutungslos - wurde von den Lakaien notiert. Was der Führer sagte, war in der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) Gesetz. Besuchte er zum Beispiel einen Agrarbetrieb, wurden seine Auslassungen zur Steigerung der Rinderproduktion "mit großer Dankbarkeit" aufgenommen. Obwohl Kims Schilderungen mit der realen Situation Nordkoreas gar nichts gemein hatten, glaubt der größte Teil der Bevölkerung, in einem "Paradies" zu leben. Besser gesagt: Den Nordkoreanern bleibt nichts anderes übrig, denn politisch neutrale Informationen wurden ihnen nicht zugänglich gemacht.

Anders als sein Vater Kim Il Sung herrschte Kim Jong Il nicht einmal 20 Jahre über Nordkorea, das die letzte Bastion des Stalinismus ist. Er setzte lediglich das Werk des Alten fort, deshalb kann man wohl schlecht von einer Ära sprechen. Im Westen wurde der exzentrische Politiker wegen seiner toupierten Haare belächelt. Seinen kleinen Wuchs versuchte er, mit Plateauschuhen wenigstens etwas auszugleichen. Aber Kim II. war dennoch keine lächerliche Figur, für die er lange Zeit gehalten wurde. Er war ein mit allen politischen Wassern gewaschener Machtmensch - skrupel- und rücksichtlos, brutal und unberechenbar. So verbreitete der "geliebte Führer" mit seinem Atomprogramm bei seinen unmittelbaren Nachbarn Angst und Schrecken. Sogar die Supermacht USA fühlt sich herausgefordert. Ein Krieg als Option fällt allerdings aus - eine Lösung ist bis heute nicht in Sicht.

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Vier Ehen, tausende Videos, Cognac, Whisky und nun der Tod im geliebten Zug.

(Foto: AP)

Um Kim Jong Il ranken zahlreiche Legenden. Diese fangen bei seinem Geburtstag an. Nach nordkoreanischen Angaben wurde er am 16. Februar 1942 geboren - laut seriöser Quellen war es aber der 16. Februar 1941. Der Grund dafür war ein lapidarer: Der Abstand der Geburtsdaten von Kim Il Sung und Kim Jong Il sollte genau 30 Jahre betragen. Auch beim Geburtsort wurde in Pjöngjang wohl getrickst: Die Angabe eines anti-japanischen Camps auf dem Paektusan - er gilt bei den Koreanern als "heiliger Berg" -  als Geburtsort ist wohl eine Mär. Laut westlicher Quellen erblickte Kim in einem sowjetischen Ausbildungslager in der Nähe von Chabarowsk, wohin seine Eltern vor den Japanern geflohen waren, das Licht der Welt. Dieser Ort war für die nordkoreanische Propaganda einfach nicht brauchbar: Einerseits durfte der unbesiegbare "große und geliebte Führer" Kim Il Sung nicht als Flüchtling gelten, andererseits stand es mit den Beziehungen Nordkoreas zur UdSSR nicht immer zum Besten.

Nur ein Halbgott

Aller Tricksereien zum Trotz: Der Aufstieg von Kim Jong Il zum Halbgott verlief nicht reibungslos.1977 soll er bei seinem Vater sogar in Ungnade gefallen sein. Erst zwei Jahre später wurde Kim bei offiziellen Auftritten wieder gesehen. In den 1980er Jahren wurde er dann offiziell zum "Kronprinzen" und Nachfolger Kim Il Sungs ernannt. Der junge Kim geriet dementsprechend in den Fokus der internationalen Politik und Presse. Dafür sorgten unter anderem auch seine vier Ehen. Ein Filmfanatiker mit einem umfangreichen eigenen Videobestand sei er, hieß es. Auch seine Liebe zu französischem Cognac (Hennessy) und schottischem Whisky (Johnny Walker Swing) wurde hervorgehoben - kurzum: Der künftige Führer eines bettelarmen Landes lebt in Saus und Braus. Kims Faible für Filme sorgte auch für grausame Ereignisse: So ließ er 1978 die südkoreanische Schauspielerin Choi Eun Hee und deren Mann, den Regisseur Shin Sang Ok, nach Nordkorea entführen. Acht Jahre später gelang beiden Künstlern bei einer Wien-Reise die Flucht.

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Er bleibt der Größte: Kim Il Sung.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Aber ein Halbgott ist kein Gott: In der nordkoreanischen Propapanda wurde beziehungsweise wird peinlich darauf geachtet, dass sich Kim Jong Il nicht auf Augenhöhe zu seinem Vater befindet. Bis heute ist der seit 1994 tote Kim Il Sung Präsident des Landes. Sein Sohn wurde erst nach langer Trauerphase - im Oktober 1997 - Generalsekretär der Partei der Arbeit Koreas (PdAK).    

Tauwetter und Eiszeit

Unter Kim Jong Il geriet Nordkoreas in große ökonomische Schwierigkeiten. Die Industrie und Landwirtschaft arbeiten bis heute  hochgradig ineffektiv. Das Land ist nicht in der Lage, seine Bevölkerung ordentlich zu ernähren. Zahlreiche Missernten sorgten dafür, dass viele Nordkoreaner an Unterernährung starben. Diese Umstände zwangen Kim Ende der 1990er Jahre, die Beziehungen zum wirtschaftliche starken Südkorea zu verbessern. Dies wurde begünstigt durch die "Sonnenscheinpolitik" des damaligen südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung, der 2000 sogar nach Pjöngjang reiste und kurz danach den Friedensnobelpreis erhielt. Sonderwirtschaftszonen wie die Industrieregion Kaesong wurden errichtet; nach Jahrzehnten der Trennung konnten sich Familienangehörige wieder sehen.

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Mehr als eine Million Mann unter Waffen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dieses innerkoreanische Tauwetter hielt aber nicht lange, denn Kim Jong Il trieb das Atomprogramm weiter voran. Die Beziehungen zu Südkorea - offiziell befindet man sich immer noch im Kriegszustand - und dessen Hauptverbündeten USA wurden wieder eisiger. Das ökonomisch am Boden liegende Land leistet sich bis heute eine mehr als eine Million Mann starke Armee. Für US-Präsident George W. Bush war Nordkorea Mitglied der "Achse des Bösen". Die Zerstörung einiger Atomanlagen unter internationaler Beobachtung sorgte dafür, dass Pjöngjang 2008 wieder von dieser Liste gestrichen wurde. Das Atomprogramm ist aber nicht tot - USA und Nordkorea reden wieder .

Im gleichen Jahr erlitt Kim Jong Il einen Schlaganfall, der eine Beeinträchtigung seines Bewegungsapparates zur Folge hatte. Nordkorea wurde politisch noch unberechenbarer. Der Aufbau von Sohn Kim Jong Un als Nachfolger war begleitet von massivem Säbelrasseln. In Südkorea regiert mit Lee Myung Bak ein Präsident, der einen harten Kurs gegenüber dem nördlichen Nachbarn fährt. So entstand 2010 auf der koreanischen Halbinsel eine explosive Situation. Nordkorea wurde mit dem Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffs "Cheonan" am 26. März in Verbindung gebracht. Am 23. November beschoss die nordkoreanische Armee die südkoreanische Insel Yeongpyeong - vier Menschen starben. Internationale Beobachter deuteten dies als Demonstration der Stärke Pjöngjangs im Zeichen des bevorstehenden Machtwechsels.

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"Großer Nachfolger": Kim Jong Un.

(Foto: AP)

Der König ist tot, es lebe der König: Mit dem "großen Nachfolger" Kim Jong Un an der Spitze ist erst einmal kein Kurswechsel in Sicht. Darüber darf auch seine angebliche Weltläufigkeit - Kim III. besuchte  eine Schule in der Schweiz und spricht angeblich Deutsch, Schweizerdeutsch und Französisch - nicht hinwegtäuschen. Die Kims sind an der Spitze eines Systems, in dem das Militär den größten Einfluss hat - entsprechende Privilegien eingeschlossen. Südkoreas Armee ist erst einmal in Alarmbereitschaft. In China und Japan analysiert man fieberhaft die Situation in Nordkorea. Beide Länder und auch Südkorea will Einheit mit Norden können an einer Destabilisierung der Lage nicht interessiert sein.  

Der Westen jedenfalls tut gut daran - Syrien ist dafür ein gutes Beispiel - einen Kurswechsel nicht einzuplanen. Wie Baschar al-Assad ist auch Kim Jong Un nur dazu auserkoren, eine Diktatur am Leben zu erhalten.

Quelle: n-tv.de

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