Dossier

Bewusstseinsbildung im Stadion Rote Karte für Rassisten

Der deutsche Fußball hat die Aktion "Zeig' dem Rassismus die Rote Karte" zu mehr als einer Pflichtveranstaltung gemacht und die Botschaft gegen Fremdenfeindlichkeit an die Anhänger in aller Welt hinausgetragen. Fan-Forscher Gunter A. Pilz appellierte jedoch an die Vereine und Funktionäre, diese plakative Maßnahme nicht als ein "einmaliges Event" zu sehen und künftig den Strafenkatalog konsequent anzuwenden. "Die Aktion ist begrüßenswert, weil sie viele Mitläufer zum Nachdenken anregt", sagte der Soziologe aus Hannover am Sonntag der dpa. "Aber man muss so etwas immer wiederholen und weitertragen. Man muss die Statuten runterbrechen bis in die Kreisligen."

Pilz forderte auch Mitspieler von betroffenen dunkelhäutigen Profis wie Schalkes Nationalspieler Gerald Asamoah auf, sich deutlicher hinter ihre Kollegen zu stellen. "Wenn in den Stadien rassistische Rufe kommen, wünsche ich mir von einem Mannschaftskapitän schon, dass er sich ein Mikrofon schnappt und sagt: Ihr seid nicht unsere Fans, wenn ihr das macht."

Die Zuschauer und Spieler der ersten und zweiten Liga sowie der Regionalligen hatten am Wochenende vor dem Anpfiff die Roten Karten mit besagter Aufschrift hoch gehalten. Insgesamt waren 750.000 verteilt worden. In Zusammenarbeit mit der Europäischen Fußball-Union (UEFA) hatten der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) Maßnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit gestartet. Am Dienstag beginnen die internationalen Aktionswochen. "Es ist keine Frage, dass man ganz extrem dagegen vorgehen muss. Selbstverständlich unterstützen wir diese Kampagne", sagte Bayer-Trainer Felix Magath. Die Aktion vor dem Spitzenspiel am Samstag in Bremen ging um den Globus: Fernsehsender aus 93 Ländern hatten Live-Bilder der Partie gebucht.

"Die Bundesliga steht für Internationalität, Weltoffenheit und Toleranz. Rassismus und Diskriminierung haben bei uns keinen Platz", erklärte Liga-Verbandspräsident Werner Hackmann 13 Jahre nach der Initiative "Mein Freund ist Ausländer". Die Wirksamkeit der Aktion bleibt zwar abzuwarten, doch Dede, der dunkelhäutige brasilianische Abwehrspieler von Borussia Dortmund, ist davon überzeugt, "dass der Fußball eine große Macht hat" In der "Welt am Sonntag" sagte der Brasilianer: "Alle im Fußball können mithelfen, gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit anzukämpfen. Ich weiß, es kommt hin und wieder vor, dass ausländische und besonders dunkelhäutige Spieler in den Stadien verunglimpft werden."

Für DFB-Präsident Theo Zwanziger ist vor allem "die Bewusstseinsbildung" wichtig. "Diese Aktionen haben möglicherweise keine kurzfristige Wirkung. Aber wir haben viele Kinder und Jugendliche im Stadion. Dadurch wird diese Maßnahme vielleicht eher in der nächsten Generation Wirkung zeigen", sagte Robin Dutt, der Trainer des Regionalligisten Stuttgarter Kickers. "Die ewig Gestrigen wird man wahrscheinlich nicht mehr ganz erreichen."

Fan-Forscher Pilz verspricht sich einen "Ruck", mahnte aber die Vereine, sich noch mehr zu engagieren: "Wer sich dem Rassismus nicht in aller Deutlichkeit widersetzt, übt eine Sogwirkung auf Rechtsextreme aus." Über die DFB-und DFL-Kampagne hinaus haben sich einige Vereine etwas einfallen lassen. Bei Alemannia Aachen stehen mittlerweile etwa 7000 Personen in der Internet-Liste "Deine Stimme gegen Rechts". Der Aufsteiger war zu einer Geldstrafe von 50.000 Euro verdonnert worden, nachdem es im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach am 16. September Schmährufe gegen Kah gegeben hatte. Beim FC Schalke rief am Samstag Schauspieler Peter Lohmeyer ("Das Wunder von Bern") in einem kleinen Film gegen Rassismus auf.

Von Ulrike John, dpa

Quelle: ntv.de