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Kuppel kann Gefahr sein Wie stopft man das Bohrloch?

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Der Versuch, mit Hilfe eines Roboters die Ventile zu schließen, misslang.

AP

Nach dem Untergang der Bohrinsel im Golf von Mexiko tritt weiter Öl aus dem Bohrloch aus und strömt ins Meer. Es droht eine Umweltkatastrophe. Vor allem ist es schwierig, einen Zugang zum Unglücks-Bohrloch zu finden, erklärt Experte Catalin Teodoriu. Eine Nebenbohrung oder die nun geplante Kuppel seien Alternativen zu den Unterwasserrobotern, deren Einsatz gescheitert ist. Die Kuppel über die Austrittsstelle könnte jedoch auch eine Gefahr sein. Teodoriu, Bereichsleiter Tiefbohrtechnik, Kompletierung und Workover am Institut für Erdöl- und Erdgastechnik der TU Clausthal, erläutert, warum.

n-tv.de: Warum ist es so schwierig, das Bohrloch im Golf von Mexiko zu schließen?

Catalin Teodoriu: Bei jedem sogenannten Blowout muss man zunächst Zugang zum Unglücks-Bohrloch haben. Das ist in diesem Falle besonders schwierig, da ja noch die zerstörte Bohrinsel mitsamt allen Geräten an dem System hing.

Gibt es denn gar keine Sicherheitsmechanismen, um solche Unglücke zu verhindern?

Doch, gibt es. Die Schutzvorrichtung, die ein unkontrolliertes Austreten von Öl oder Gas bei Bohrungen verhindern soll, der Blowout-Preventer (BOP), hat aber offenbar versagt. Es kann sein, dass zum Beispiel Zement-Schlamm verhindert hat, dass der Blowout-Preventer geschlossen werden konnte.

Wie kommt man denn nun an das Bohrloch heran?

Es wurde zwei Mal ein sogenanntes ROV, ein Remote Operated Vehicle, runtergeschickt, um die Austrittsstelle zuzumachen (Schließung des BOPs). Das war leider nicht erfolgreich. Wenn man weiterhin keinen Zugang zum Bohrloch findet, könnte man versuchen, ein anderes Bohrloch zu bohren und die erste Bohrung zu treffen.

Eine Nebenbohrung.

Ja, eine Neben- oder Entlastungsbohrung (Relief Well).

Was würde das bringen?

Nun, die neue Bohrung muss so geplant werden, dass man die alte Bohrung trifft. Es ist also eine gezielte Bohrung, die voraussetzt, dass man das bestehende Bohrsystem genau lokalisiert. Dann kann man zum Beispiel mit Schlamm, Zement oder einer zähen Spezialflüssigkeit versuchen, die leckende Leitung zu verstopfen und das Öl nach unten zu drücken.

Das könnte aber Monate dauern.

Das ist immer eine Frage, wie schnell man sich nun für ein Verfahren entscheidet. Aber es ist richtig, eine Nebenbohrung ist nicht trivial, und im Offshore-Bereich kann das ein oder zwei Monate dauern.

In dieser Zeit würde weiter Öl austreten.

Ich würde das nicht unbedingt so sehen. Es gibt sehr viele Fälle, in denen die Bohrung nach einem Blowout von selbst kollabiert und so wenigstens dafür sorgt, dass nur noch wenig Öl austritt. Aber das ist eine Glücksache!

Das Bohrloch würde kollabieren, weil der Druck nachlässt?

Nicht weil der Druck der Lagerstätte nachlässt, sondern einfach, weil die Stabilität der Bohrung nicht mehr gewährleistet ist. Dann bricht das Bohrloch quasi in sich zusammen und verstopft sich selbst.

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Das Öl breitet sich immer weiter aus.

(Foto: AP)

Wie viel Öl kann aus einer solchen Bohrung austreten, bis das Bohrloch kollabiert?

Das kann man nicht vorherberechnen. Bei einem ähnlichen Bohr-Unfall im Golf von Mexiko wurde kürzlich berichtet, dass die Bohrung nach einer Woche kollabiert ist. Dieser Blowout wurde gewissermaßen von allein gestoppt. Die Ölquantität hängt von Druck und Größe der Lagerstätte ab.

Sie haben von den ROVs gesprochen und von der Möglichkeit einer Entlastungsbohrung. BP plant jetzt eine dritte Option, nämlich eine Kuppel, die man über das Bohrloch stülpen könnte. Das austretende Öl könnte dann aufgefangen und kontrolliert an die Meeresoberfläche geleitet werden. Ist das realistisch?

Dieses System wurde zwar schon getestet, aber nur in flacheren Gewässern. Für diese Wassertiefe wurde es noch nicht erprobt. In diesem Fall hat man das Problem, dass diese Kuppel den Druck, der da unten herrscht, eventuell nicht aushalten kann. Manche Experten sind sogar der Meinung, dass das eigentlich eine große Gefahr ist, denn wenn diese Kuppel erstmal gesetzt ist und versagt, dann hat man gar keinen Zugang mehr zum Bohrloch.

Das heißt, man sollte es lieber nicht versuchen?

BP will jetzt offenbar die Integrität dieses Systems testen und herausbekommen, ob es den Druck aushält. Das ist durchaus ein Versuch wert. Allerdings wird mit so einer Kuppel nur Öl gefangen - Reparaturmöglichkeiten bietet die Kuppel nicht.

Gibt es noch andere Optionen?

Nein. Ich denke, eine Entlastungsbohrung wäre die sicherste Lösung. Angesichts der großen Menge Öl, die bereits durch den Blow-Preventer geschossen ist, ist der sicherlich nicht mehr funktionsfähig, der Einsatz des ROVs dürfte also nicht erfolgversprechend sein.

"Wir haben die weltbesten Experten, die sich darum kümmern", sagt BP, aber diese Experten scheinen sehr langsam zu sein. Die Bohrinsel ist bereits am 20. April explodiert. Erst am 25. April war der Unterwasser-Roboter im Einsatz. Warum dauert das alles so unglaublich lange?

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BP hat ein Problem.

(Foto: dpa)

Sie müssen die wirtschaftliche Lage sehen. So ein Unterwasser-Roboter kostet extrem viel Geld. Die Firmen, die solche Roboter haben, die halten die nicht irgendwo in Lagern, sondern die werden weltweit eingesetzt. Man muss so ein System erst besorgen, die sind nicht so schnell verfügbar. Von der Reaktionszeit her, speziell für den Golf von Mexiko, war das aus meiner Sicht schnell genug. Sorgen mache ich mir eher um eine mögliche Nebenbohrung. Denn dazu müsste eine entsprechende Bohranlage gefunden werden. Ich bin skeptisch, ob die in den nächsten zwei, drei Wochen zu finden ist.

Umweltschützer sagen, dass eine ökologische Katastrophe die Folge sein wird, wenn noch wochenlang Öl austritt.

Das ist das Dilemma bei der gesamten Öl- und Erdgasförderung: Ohne Erdöl können wir nicht leben, wenn die Förderanlagen aber außer Kontrolle geraten, kommt es oft zu großen ökologischen Problemen.

Wie hat man sich so ein Bohrung vorzustellen, wie sieht ein Bohrloch am Meeresboden aus?

Mit der heutigen Technologie werden alle Bohrungen teleskopartig gebaut. Man fängt an mit einem Durchmesser im Bereich von 36 oder 40 Zoll, also ungefähr 700 Millimeter bis zu einem Meter. Das dient der Stabilität. Dann geht man mit immer kleineren Bohrungen immer tiefer - bis zum Zielhorizont in der Lagerstätte. Die Lagerstätte trifft man in der Regel mit einem Bohr-Durchmesser von ungefähr 7 Zoll, das entspricht um die 17 bis 18 Zentimeter Durchmesser.

Das ist nicht sehr viel.

Nein, aber durch dieses Loch strömt das ganze Öl nach draußen. Je tiefer man geht, desto schwerer ist das Gestein zu brechen. Mit einer 500-Millimeter-Bohrung kann man nicht in sehr große Tiefen gehen, weil der Energieaufwand dann so hoch wäre, dass die Bohrung nicht mehr wirtschaftlich ist.

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Catalin Teodoriu ist Bereichsleiter Tiefbohrtechnik, Kompletierung und Workover am Institut für Erdöl- und Erdgastechnik der TU Clausthal.

Warum tritt das Öl überhaupt von allein aus? Muss es nicht normalerweise hochgepumpt werden?

Eine gute Lagerstätte hat einen höheren Druck als den hydrostatischen Druck. Wenn man eine solche Lagerstätte öffnet oder anzapft, fließt das Öl durch seinen eigenen Druck an die Oberfläche (Eruptive Förderung).

Bis zum Ende der Förderung?

Nein. Das Öl fließt nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt von allein. Das ist die "eruptive Förderphase". Wenn der Druck der Lagerstätte erschöpft ist, muss mit verschiedenen Förderhilfsmitteln wie Pumpen nachgeholfen werden.

Gibt es eigentlich auch natürliche Öl-Austritte - Lagerstätten, die so unter Druck stehen, dass Öl von allein an die Oberfläche kommt?

Offshore sind mir solche Fälle nicht bekannt, aber in Venezuela oder Rumänien gibt es sogenannte Öl-Seen, wo das Öl von allein über Tage fließt. Das liegt aber nicht daran, dass unter Tage ein so hoher Druck herrscht, dass ein Blowout passiert, sondern daran, dass das Öl einen Weg findet, um nach oben zu fließen. Das ist ganz ähnlich wie bei einem Mineralwasserbrunnen.

Quelle: n-tv.de, Mit Catalin Teodoriu sprach Hubertus Volmer

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