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Lafontaine wirft hin Abgang in alter Arroganz

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Auch der echte Napoleon versuchte ein Comeback. Und scheiterte.

(Foto: dapd)

Nicht zum ersten, vermutlich aber zum letzten Mal ist Oskar Lafontaine an seiner grenzenlosen Selbstverliebtheit gescheitert. Selbst im Abgang zeigt er: Es geht ihm nicht in erster Linie um den politischen Erfolg seiner Partei, sondern vor allem um sich. Für die Linke wird es höchste Zeit für den Befreiungsschlag.

"Das wäre nicht unbedingt der krönende Abschluss meiner Karriere, nachdem ich bisher alle Aufgaben, die ich übernommen habe, ohne Kampfkandidatur übernehmen durfte", hatte Oskar Lafontaine über die Aussicht gesagt, auf dem Parteitag Anfang Juni einen Gegenkandidaten zu haben. Wieder einmal zeigte sich die Diva von der Saar auf dem Höhepunkt ihrer Selbstverliebtheit: Eine Krönung strebte er an, keine Wahl. Seine Kampfkandidatur gegen Rudolf Scharping 1995 auf dem SPD-Parteitag in Mannheim, die ihm den SPD-Vorsitz einbrachte, hat Lafontaine offenbar längst vergessen.

Spektakuläre Erfolge und krachende Niederlagen waren stets typisch für ihn. Er war der jüngste Oberbürgermeister Deutschlands, er war die Hoffnung der SPD nach dem Rücktritt von Willy Brandt, er war maßgeblich am rot-grünen Wahlsieg 1998 beteiligt, er schaffte das Kunststück, zweimal Parteichef in unterschiedlichen Parteien zu sein, und er ist einer der beiden Gründerväter der Linkspartei. Im Saarland, wo er 13 Jahre lang Ministerpräsident war, ist er nach wie vor ein Star: Die 16,1 Prozent, die die anderswo kriselnde Linke dort bei den jüngsten Landtagswahlen holte, gehen allein auf sein Konto.

Zu Lafontaine gehörte jedoch auch immer, dass er seine Anhänger enttäuschte. Als Brandt ihm den SPD-Vorsitz antrug, zierte er sich, als Kanzlerkandidat 1990 unterlag er, weil er an der Stimmung im Land vorbeiräsonierte, als Finanzminister unter Gerhard Schröder warf er nach nur 186 Tagen im Amt hin. Er wollte Recht behalten, mehr nicht.

Dieser Rücktritt und sein Eintritt in die WASG 2005 sowie der Beitritt dieser Gruppierung zur PDS bereitete seiner alten Partei erhebliche Probleme. Auf die SPD blieb Lafontaine fixiert. Nein zu Hartz IV, nein zum Afghanistan-Einsatz, nein zu Rentenkürzungen, vor allem aber: Nein zu Koalitionen mit der SPD.

Den Bogen überspannt

Diese Position drückte Lafontaine in der Linkspartei durch. Die meist ostdeutschen Pragmatiker ließen ihn zähneknirschend gewähren, galt "der Oskar" doch als ihr bester Wahlkämpfer, wie sein alter Mitstreiter Gregor Gysi nicht müde wurde zu betonen.

Doch Lafontaine hat den Bogen überspannt, am Ende entzog ihm selbst Gysi seine sonst so bedingungslose Unterstützung. Was Lafontaine plante, lief auf die Unterwerfung seiner Partei durch ihn selbst und seine Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht hinaus. Als Dietmar Bartsch, Lafontaines Gegenkandidat für den Parteivorsitz, vorschlug, er, Bartsch, könne doch ein Führungsduo mit Wagenknecht bilden, antwortete diese: "Ich bin immer beeindruckt über das Selbstbewusstsein von so manchem." Ein bemerkenswerter Satz, der sich seiner eigenen Arroganz gar nicht bewusst zu sein scheint.

Arroganz spricht auch aus Lafontaines Erklärung, mit der er seinen Verzicht auf die Kandidatur verkündete. Schon das Timing war perfekt: Eigentlich hatte seine Partei gehofft, mit dem Auftritt des griechischen Linken-Chefs Alexis Tsipras in der Bundespressekonferenz endlich wieder mit einem anderen Thema in die Medien zu kommen als dem ewigen Streit der linken Gockel. Auf solche Befindlichkeiten nimmt ein Lafontaine jedoch keine Rücksicht. Er habe "zur Kenntnis nehmen müssen, dass meine Bereitschaft nicht zu einer Befriedung der innerparteilichen Auseinandersetzung geführt hat, sondern dass die Konflikte weiter eskaliert sind", schreibt er. Natürlich, Lafontaine spricht auch darüber, dass er einen "Neuanfang" ermöglichen wolle. Doch der Tonfall ist nicht der von Aufbruch. Sondern der einer beleidigten Majestät, die nicht um die Krone kämpfen mag.

An dieser Arroganz ist Lafontaine gescheitert. Es dürfte das letzte Mal gewesen sein. Anders als die SPD 1999 könnte seine Partei sich rasch vom Abgang dieses Narziss erholen. Denn der Abschied der Linken von den alten Männern ist lange überfällig: So wie die PDS eigentlich aus Gysi bestand, ist die Linke bislang Lafontaine.

Jetzt ist die Linke am Ende und wird sich neu erfinden müssen. Das ist schon anderen Parteien gelungen: Die CDU hat bekanntlich auch ohne Helmut Kohl überlebt, den Grünen hat der Abgang von Joschka Fischer nicht geschadet. Die Bundestagsabgeordnete Katja Kipping und die nordrhein-westfälische Linken-Politikerin Katharina Schwabedissen, die nun gemeinsam den Vorsitz anstreben, haben das Zeug, ihre Partei gründlich umzukrempeln. Sie sind jung, sie setzen auf Dialog und die Arbeit im Team, und sie sind nicht bekannt dafür, Intrigen und Beleidigungen als zulässige Werkzeuge im politischen Alltag anzusehen. Sie wären ein zeitgemäßer Gegenentwurf zu Lafontaine. Wenn ihre Partei den Mut aufbringt.

Quelle: ntv.de

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