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Linke empfängt Euro-Rebellen Protzen mit dem Buhmann

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"Wir sind stolz", sagt Linkenchef Ernst (l.), dass Tsipras seine Partei in Berlin besucht hat.

(Foto: dapd)

Alexis Tsipras besucht Berlin - und die Linke hofiert den Griechen wie einen Star. Ob die Partei letztlich davon profitiert, ist jedoch fraglich. Am Ende könnten die Wähler auch die Linke dafür verantwortlich machen, dass Tsipras die Euro-Zone sprengt.

Klaus Ernst drückt sein Kreuz durch und setzt sein breitestes Grinsen auf. "Wir sind stolz", sagt er, "wir freuen uns sehr, dass unser Freund Alexis Tsipras die deutschen Linken besucht." Tsipras zeige auf, wie erfolgreich linke Politik sein kann, sagt der Parteichef. Ernst sonnt sich im bevorstehenden Triumph seines Parteikollegen aus Athen.

Manch ein Gast, der dieses Schauspiel in der Bundespressekonferenz miterlebt, kann sich ein Schmunzeln kaum verkneifen: Die Linke protzt mit dem Buhmann der Euroretter, mit dem Mann, der die Euro-Zone in nur wenigen Wochen zerreißen könnte. Und ist dabei offenbar fest davon überzeugt, dass sie davon profitiert.

Tsirpas vom linksradikalen Parteibündnis Syriza hat gute Chancen, die Parlamentswahlen in Griechenland am 17. Juni zu gewinnen. Sollte er Regierungschef werden, will er sich der europäischen Sparpolitik nach Kanzlerin Angela Merkels Muster widersetzen. Bei seinem Besuch in Berlin bekräftigte er diesen Kurs ein weiteres Mal. Er werde die Sparabkommen, die die Vorgängerregierung mit der EU ausgehandelt hat, ändern, sagte er. Denn sie würden Griechenland noch weiter in die Rezession treiben. Tsirpas setzt dagegen auf Direktzahlungen der EZB an Länder mit schwachen Haushalten. Er will Eurobonds einführen.

Bundesregierung lehnte Treffen ab

Tsipras will dafür sorgen, dass die Griechen nicht mehr sparen, sondern investieren, um sich aus der Krise zu befreien - mit Geld von seinen europäischen Nachbarn. Auch in Berlin bat er die Deutschen um ihre Solidarität. Doch ein Griechenland, das sich nicht mehr an die Sparvorgaben der EU hält, dürfte es schwer haben, in der Euro-Zone zu bleiben. Offiziell spricht zwar keiner von einem Rauswurf der Griechen aus dem Euro, doch hinter verschlossenen Türen werden Euro-Retter drohen Griechenland

Etliche Griechen aber unterstützen Tsipras, obwohl die Mehrzahl von ihnen laut Umfragen für den Verbleib des Landes in der Euro-Zone ist. Von diesem gesellschaftlichen Rückhalt will nun auch die deutsche Linke profitieren - diesen Eindruck erwecken zumindest Ernst und sein Parteikollege Gregor Gysi beim Empfang Tsirpas in Berlin. Der Gast aus Athen soll zeigen, dass auch sie sich gegen Merkels Sparkurs stemmen, dass auch sie Aufbauprogramme fordern, eine Reichensteuer einführen wollen. Doch bei diesem Kalkül verkennen sie das Offensichtlichste: die gänzlich andere gesellschaftliche Lage in Griechenland.

Das Geheimnis von Tsipras Erfolg ist, dass die europäischen Sparauflagen den Griechen die Luft zum Atmen nimmt. Drastische Lohnkürzungen, gesunkene Sozialleistungen und Massenentlassungen. Den Griechen geht es dreckig.

Für deutsche Bürger dagegen ist die Eurokrise kaum zu spüren. Die Arbeitslosenzahl ist auf einem Rekordtief, deutsche Unternehmen machen Gewinne. Den Deutschen geht es gut. Und sie wollen, dass es so bleibt.

Sollte Griechenland die Euro-Zone tatsächlich verlassen, ist noch vollkommen ungewiss, was für Folgen das für die europäische und für die deutsche Konjunktur haben könnte. Für die Bundesregierung kam ein Treffen mit Tsirpas vielleicht auch aus diesem Grund nicht infrage. Sie lehnte eine Anfrage des Politikers ab. Die Linke dagegen muss sich womöglich bald dafür rechtfertigen, dass sie den Mann hofiert, der die Euro-Zone zum Zerreißen bringen könnte. Keine besonders gute Werbung ein Jahr vor der Bundestagswahl.

Quelle: n-tv.de

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