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Schulreform fällt aus Quittung für Schwarz-Grün

Die Hamburger wollen ihre alte Grundschule behalten. Zwar hat nicht einmal ein Viertel der Wahlberechtigten die Entscheidung herbeigeführt. Doch so sind die Regeln.

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Am Ende setzte sich die reformkritische Initiative "Wir wollen lernen" durch.

(Foto: dpa)

Das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids ist nachvollziehbar, da es gute Argumente gegen eine sechsjährige Grundschule gibt. Der wichtigste Grund liegt in der Akzeptanz: Wenn die Mehrzahl der Eltern eine Schulreform ablehnt, steht ihr Erfolg auf wackeligen Beinen. Auch viele Lehrer, die in den vergangenen Jahren zahlreiche Reformen erleben mussten, wünschen sich mittlerweile vor allem, in Ruhe arbeiten zu können. Denn viele Reformen haben sich als gute Ideen erwiesen, die schlecht umgesetzt wurden.

Das gilt etwa für die Einführung von ganztägigem Unterricht an Schulen, die nicht die Möglichkeit haben, ihren Schülern ein warmes Mittagessen anzubieten. Das gilt ebenso für die Einführung von jahrgangsübergreifendem Unterricht, wenn - wie in Berlin - nicht genügend Lehrer zur Verfügung gestellt werden. Der Bildungspolitik in Deutschland fehlt es nie an Ideen, aber immer an Geld. Der schwarz-grüne Senat hat folglich die Quittung für eine Schulpolitik bekommen, die in ganz Deutschland praktiziert wird.

Aber auch die Befürworter der Hamburger Schulreform hatten gute Gründe. Für längeres gemeinsames Lernen sprechen grundsätzlich die positiven Erfahrungen, die der Rest der Welt mit diesem Modell hat. Für eine sechsjährige Grundschulzeit spricht auch der bundesweite Trend, Kinder bereits im Alter von fünf Jahren einzuschulen - es ist problematisch, wenn schon Neunjährige auf ein mehrgliedriges Schulsystem verteilt werden. Für längeres gemeinsames Lernen spricht schließlich auch die zunehmende Undurchlässigkeit dieses mehrgliedrigen Schulsystems, denn vor allem das zwölfjährige Gymnasium hat dafür gesorgt, dass es für Realschüler schwieriger geworden ist, die Schulform zu wechseln.

Der Volksentscheid war richtig

Dennoch: Angesichts der schlechten Erfahrungen, die Lehrer, Schüler und Eltern mit guten Ideen gemacht haben, ist die Entscheidung von Hamburg kein Wunder. Zwei Folgen darf der Volksentscheid nicht haben: Er darf nicht das Ende für Schulreformen in Deutschland sein. Und der Jubel der Sieger darf die Spaltung der Stadt nicht verstärken.

Denn Bildungspolitik ist in Deutschland ein durch und durch ideologiegetränktes Feld. Insofern war es richtig, den Hamburger Wählern die Entscheidung über die Einführung der sechsjährigen Primarschule zu überlassen. Eltern sind zwar nicht klüger als Politiker. Doch der Volksentscheid zieht einen Strich unter die Debatte. Der Schulkampf muss jetzt zu Ende sein.

Beusts Rücktritt ist doppelt fatal

Bürgermeister Ole von Beust hätte hier eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen können. Gerade nach dieser Niederlage hätte er im Amt bleiben müssen. Der Hamburger Bildungspolitik hat er durch seinen Rücktritt einen Bärendienst erwiesen.

Das könnte auch für die bundesweit erste schwarz-grüne Landesregierung gelten. Koalitionen zwischen so unterschiedlichen Parteien wie den Grünen und der CDU basieren stärker als andere Bündnisse auf persönlichem Vertrauen. Ob der Senat auch ohne von Beust funktioniert, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist sein Rücktritt ein fatales Signal: Moderne Bildungspolitik scheint in Deutschland nicht mehrheitsfähig zu sein.

Quelle: ntv.de

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