Kommentare

Zwischenruf Wulffs Rekord: Zwei Monate Dauerskandal

330l0742.jpg2472671381497157719.jpg

77 Prozent der Deutschen glauben, dass Wulffs Ansehen dauerhaft beschädigt ist.

(Foto: dpa)

Die Causa Wulff geht in ihren dritten Monat. (Fast) täglich treten neue Gerüchte und Halbwahrheiten zutage. Bemerkenswerte Denkanstöße des Bundespräsidenten verpuffen, weil immer weniger Menschen ihn ernst nehmen. So fügt er dem Amt und damit der deutschen Demokratie ernsthaften Schaden zu.

Seit auf den Tag genau zwei Monaten vergeht keiner, ohne dass es nicht eine neue Ungereimtheit, um es einmal freundlich auszudrücken, aus dem Haus "Zur schönen Aussicht" im Berliner Tiergarten bekannt wird. Die letzte mit dem Leihhandy von Freund Groenewold, das Freund Wulff aus Angst vor Abhörung des eigenen Mobiltelefons benutzte, ist nun wirklich das Allerletzte. Ein Ministerpräsident, der den Dienst eines Kumpels der Kontrolle durch den landeseigenen Nachrichtendienst vorzieht, offenbart zumindest eine völlig verquaste Rezeption rechtsstaatlicher Mechanismen. Was wollte Wulff vor wem verbergen, als er fast ein Jahr lang das Handy des Freundes nutzte, anstatt dem Abhörverdacht durch das niedersächsische Landesamt für Verfassungsschutz nachgehen zu lassen? Wer hat Wulff nach Ablauf der Groenewoldschen Mietfrist oder was auch immer bestätigt, er würde nicht (mehr) abgehört?

Da ist sie wieder, die Breitseite, welche die erste Person im Staate der Öffentlichkeit nach dem Auftauchen von Vorwürfen stets aufs Neue bietet. Ein Staatspräsident, dem man nicht glaubt, ein Einlader, dem die Eigeladenen einen Korb geben, weil sie nicht mit einem Pinocchio aufs Foto wollen: Das ist das Ergebnis der nun schon in den dritten Monat gehenden Imageschädigung der Marke Deutschland.

Die Bundeskanzlerin hat formal Recht, wenn sie dem Bundespräsidenten – zum wievielten Mal in den vergangenen zwei Monaten eigentlich? - bescheinigt, er mache eine gute Arbeit. Erinnert sei an Wulffs Äußerungen zum Islam, gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Doch Christian Wulff übt keine moralische Anziehungskraft mehr aus. Die Gegner der Demokratie lachen sich in ihr braunes Fäustchen, wenn Wulff sich in Grundsatzdingen zu Wort meldet. Das Amt des deutschen Staatsoberhauptes ist durch die Fisimatenten seines derzeitigen Trägers so nachhaltig beschädigt, dass es eines Titanen bedarf, Ruf und Respekt wiederherzustellen. Ein Pinocchio mag gut sein für die deutschen Holzschnitzer. Der deutschen Demokratie schadet er.

Bleskin.jpg

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist er Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen