Person der Woche

Person der Woche Der gerade Banker und sein Scheich

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Die Deutsche Bank holt sich den Scheich von Katar ins Haus und sammelt 8 Milliarden frisches Geld ein. Es hagelt Kritik, doch Jürgen Fitschen wird den gewagten Schritt schon gut verkaufen.

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Die Deutsche Bank braucht Geld. Viel Geld.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Börse ist verstimmt, die Analysten urteilen skeptisch und Altvordere der Deutschen Bank sind sogar richtig entsetzt. Deutschlands größtes Bankhaus muss überraschend 300 Millionen neue Aktien ausgeben und 8 Milliarden Euro einsammeln. Alleine 60 Millionen Aktien sollen für 1,75 Milliarden Euro an den Scheich aus Katar gehen: Hamad bin Dschassim bin Dschaber al-Thani wird im Zuge der Kapitalerhöhung zum größten Aktionär der Bank. Der schillernde Finanzier kauft sich schon mal den französischen Fußballclub St. Germain, den US-Juwelier Tiffany oder das Londoner Luxus-Kaufhaus Harrods; er schätzt seine Industriebeteiligungen in Europa wie seine Sportwagen, Frauen und Jachten - weniger aber europäische Menschenrechtsstandards. Dafür finanziert er lieber die Muslimbruderschaft oder islamistische Killerkommandos in Syrien. Kurzum: Die feinste Adresse der deutschen Finanzwirtschaft holt sich einen heiklen Hauptaktionär ins Haus.

Dieser Donnerschlag erschüttert Frankfurt: "Hat die Deutsche Bank das nötig?", raunt es aus den Salons altehrwürdiger Bankiers. Hat sie! Das Institut braucht Geld, viel Geld. Große Rechtsstreitigkeiten stehen aus und können teuer werden, der regulatorische Druck auf das Institut nimmt zu, die Geschäfte laufen durchwachsen und nun werden die Bilanzen auch noch mit Stresstests überzogen. Da will man sich mit neuem Geld "proaktiv" rüsten und geht selbst bei umstrittenen Scheichs betteln.

Die Nachricht zeigt, dass selbst der Branchenprimus zu kämpfen hat mit niedrigen Zinsen, schrumpfenden Margen und immer neuen Auflagen der Politik. Die Kosten für die Aufarbeitung der Skandale belasten das Institut erheblich. Die Deutsche Bank könnte sich gesund schrumpfen und die Bilanz reduzieren. Sie will aber wettbewerbsfähig bleiben gegen die Großen der Welt, also tritt sie die Flucht nach vorne an, besorgt sich frisches Kapital und verkauft ein Stück Macht und Einfluss an den arabischen Golf.

Mehr als Jains Steigbügelhalter

Die Bundesregierung wird das argwöhnisch beäugen. Deutsche Banken haben ohnedies in den vergangenen Jahren viel an internationalem Einfluss verloren, nun bekommt dieser Trend eine spektakuläre Wegmarke. Doch die deutsche Politik hat ihre Schuldanteile daran. Anstatt immer nur auf Banken politisch einzuprügeln, wird man auch in Berlin eine neue Strategie brauchen, wie der Kapitalstock Deutschlands langfristig klug verteidigt werden kann.

Dabei kommt Jürgen Fitschen eine Schlüsselrolle zu. Der Co-Chef der Deutschen Bank ist zugleich Bankenverbandspräsident und derzeit die mächtigste Figur im deutschen Geldwesen. Sein Vorteil: Er gilt als integer und glaubwürdig, auf ihn wird gehört, gerade weil er ein Banker neuen Typus' ist. Er gehört weder zur alten Garde von Geldmännern mit donnernden Stimmen und gestärkten Hemden, die an Schreibtischen aus Massiveiche sitzen und sich neben Zigarren sogar Visionen leisten. Er ist aber auch nicht der schneidige Investment-Ingenieur, coole Manager oder smarte Hasardeur neuer Prägung. Jürgen Fitschen ist ein Mann der leisen Töne, eher Zuhörer als Lautsprecher, eher diskret als demonstrativ. Zeitlebens wurde er unterschätzt. Doch damit ist es vorbei. Er ist heute der erste Banker des Landes, Stimme der Branche, wichtiger Gesprächspartner von Angela Merkel.

Noch vor wenigen Monaten, da wurde er ein allerletztes Mal unterschätzt. Da sahen sie in ihm nur den Steigbügelhalter Anshu Jains, der als strahlender Investmentbanker noch einen soliden Adjutanten für das nationale Terrain brauchte. Inzwischen ist Fitschens Vertrag nicht nur überraschend verlängert worden, die Machtgewichte innerhalb der Bank haben sich verschoben - zu seinen Gunsten. Fitschen ist jetzt der entscheidende Mann im Konzern, er hat danach nicht gegiert und nicht gegriffen, wie immer in seinem Leben.

Eine "graue Maus"? Weit gefehlt!

Gerade dass er etwas nicht unbedingt will, macht ihn immer wieder stark. Fitschen hätte sich auch im Taunus, am Tegernsee oder in seinem niedersächsischen Heimatdorf Hollenbeck gut zur Ruhe setzen können und seine Leidenschaft für Springpferde ausleben können. Er gehört nicht zu denen, die unbedingt das Dauergefühl von Bedeutsamkeit mit Fahrer, Hotelsuite, Privatflieger und Vorstandsreferent brauchen.

Doch nun müssen die Springpferde ebenso warten wie die Wanderungen am Tegernsee. Denn der "Übergangschef" wird noch eine ganze Weile an der Spitze der Deutschen Bank bleiben. Mindestens bis 2017 soll er führen, genauso wie Jain. Damit vollendet sich die Karriere eines Mannes, der ein uraltes, fast in Vergessenheit geratenes Prinzip des Banking verkörpert wie kaum ein anderer: Seriosität und Beharrlichkeit.

Fitschen zog schon 2001 in den Vorstand der Deutschen Bank ein, doch er drängte nie in die Presse oder auf rote Teppiche. Wer nicht genau hinschaute, der folgte dem Fehlurteil von der "grauen Maus im Vorstand". Ein Norddeutscher, der im geschwätzigen Frankfurt kein Wort zu viel verliert, wird schon mal überhört. Nicht aber bei denen, die ihn einmal mit ihm zusammen gearbeitet haben. Denn die verlassen sich auf ihn, weil sie gelernt haben, dass man sich auf ihn verlassen kann.

Braver deutscher Esel und Londoner Rennpferd

Und so wirkt er bis heute irgendwie preußisch, obwohl er viele Jahre seiner Karriere in Südostasien und London verbracht hat. 1948 geboren als Wirtssohn in der Nähe von Buxtehude, zog es ihn nach Kaufmannslehre und Studium direkt in die Finanzwelt. Seit 1975 bei der Citibank in verschiedenen Positionen unter anderem im Firmenkundengeschäft tätig, wurde die Deutsche Bank in den 80ern auf Jürgen Fitschen aufmerksam. 1986 betreute er für sie von Hamburg aus das Asiengeschäft, bis er nach kurzer Zeit ganz nach Asien wechselte und später die Region leitete.

Er erkannte früh aus eigener Anschauung, dass Asiens historischer Aufstieg die Gleichgewichte der Welt und in der Finanzindustrie grundlegend verschieben werde - und er stellte sich darauf ein, als in Europa noch viele glaubten, man sei und bleibe der Nabel der Welt. Im Jahr 1993 wurde er Bereichsvorstand für das Firmenkundengeschäft und 2001 schließlich Konzernvorstand für den Bereich Corporate & Investmentbanking.

Als die Deutsche Bank unter Führung von Josef Ackermann 2002 den Vorstand umbaute, wurde der allseits wegen seiner leisen Effizienz respektierte Fitschen Mitglied des Group Executive Committees, wo er zunächst für das Firmenkundengeschäft und seit 2004 das Deutschlandgeschäft leitet. "Doch im Vergleich zu Jain wirkt er wie der brave deutsche Esel neben dem Londoner Rennpferd", zischten die Tratscher der Frankfurter Szene. Doch wer so sprach, der kannte die Deutsche Bank schlecht. Denn Fitschen knüpfte Stück für Stück an seinem Netzwerk aus Vertrauen. Er war bei Schlüsselkunden hoch angesehen und verkörperte im inneren Kulturkampf zwischen Investmentzockern und klassischen Bankern, zwischen London und Frankfurt immer das klassische Prinzip.

Geld des Scheichs für eine "Vision"

In seinem ersten Jahr als Co-Chef hat Fitschen so deutlich an Profil gewonnen, dass der vermeintliche Esel bald munter vorantrabte, während das Rennpferd ein wenig lahmte. Die Entscheidung für Fitschens Vertragsverkängerung war zugleich ein Votum für den Kulturwechsel.
Er selbst beschreibt das so: "Wir sind fest entschlossen, die Deutsche Bank einem tief greifenden kulturellen Wandel zu unterziehen. Das fordern unsere Kunden, das fordert die Gesellschaft, und das fordern die Investoren. Unsere Werte sind klar: Wir erwarten vollständige Integrität beim Handel und die Wahrung der Interessen unserer Kunden." Wer glaubt, dass Fitschen zu weich sei, um diesen Kulturwechsel auch durchzusetzen, dem sagt er so: "Unsere Botschaft als Arbeitgeber ist daher ebenso eindeutig: Es gibt keine Kompromisse. Wer sich nicht vorbehaltlos zu diesen Werten bekennen kann, der ist bei der Deutschen Bank am falschen Ort und sollte sich nicht bei uns bewerben. Oder, wer bereits für uns arbeitet und diese Werte nicht respektiert, der sollte besser gehen."

Die Ansage ist deutlich. Die Probleme der Bank sind es freilich auch. Die Skandale um Libor und CO2-Emissionshandel haben das Institut erschüttert. Fitschen selbst muss dafür immer wieder den Kopf hinhalten. Er kommentiert die Attacken in aller Regel so ruhig wie Angela Merkel eine Kritik aus Griechenland. Und doch hat man ihn im vergangenen, hoch konfliktreichen Jahr kaum noch lachen gesehen. Die einstigen Perlen wie BHF und Sal. Oppenheim bereiteten Probleme, und auch die Exzesse in Geschäften wie Gehältern haben das Ansehen der Bank beschädigt. Doch er machte sich Schritt für Schritt und mit ernster Miene an die Korrektur. Und er wiederholte es immer wieder, fast wie ein buddhistischer Mönch: "Kulturwechsel". So hat er die Vergütungspraxis neu gestaltet, die internen Kontrollsysteme verstärkt und eine - seit Jahren war das Wort verschmäht - "Vision" verkündet: "Ich bekräftige meine Vision, die führende kundenorientierte, globale Universalbank zu werden." Das ist ambitioniert, und genau dafür braucht er das Geld des Scheichs.

Quelle: ntv.de