Wieduwilts Woche

Wieduwilts WocheWie Höcke herrscht

15.08.2026, 07:17 Uhr 20221217-Hendrik-Wieduwilt-075-highres-finalEine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
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Bjoern-Hoecke-Vorsitzender-der-AfD-in-Thueringen-nimmt-am-Bundesparteitag-der-AfD-teil-Bei-dem-Treffen-soll-die-Fuehrungsspitze-der-Partei-neu-gewaehlt-werden-Der-Bundesparteitag-der-AfD-findet-am-4-und-5-Juli-in-der-Messe-Erfurt-statt
Höcke beim Bundesparteitag der AfD in Erfurt (Foto: picture alliance/dpa)

Der völkische Thüringer AfD-Chef dreht ein 121-Sekunden-Video wie ein Boomer, der einen Youtube-Kanal eröffnet. Was klingen soll wie eine Handreichung ist eine Ohrfeige - und hat vielleicht das Schicksal Sachsen-Anhalts entschieden.

Kann man AfDlern trauen? 43 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt sagen laut Umfragen: Klar doch, ich wähle die am 6. September. In Thüringen sind es etwa 40 Prozent, im Bund 28 Prozent.

Die Justiz in Sachsen-Anhalt ist zu einem etwas anderen Schluss gekommen: Sie würde AfDlern und ihren Unterstützern keine Waffe anvertrauen - weil AfDler in der Regel unzuverlässig sind. Diese Entscheidung hat das Oberverwaltungsgericht Magdeburg jetzt in einem Fall gehalten, in dem AfD-Männer für einen Waffenschein prozessierten.

Macht das nun einen Unterschied? Für viele eingefleischte AfD-Fans ist es vielleicht sogar ein Gütesiegel, wie auch die verschiedenen Einschätzungen der Verfassungsschutzämter, mancher Verfassungsjuristen, der "Altparteien" und "der Medien". Der wahre Populist stemmt sich gegen die da oben - und da oben sitzt eben auch die Justiz.

Siegmund, der "gefährlichste Mann Deutschlands"?

Die größte Gefahr für die AfD ist auch nicht der aktuelle "Spiegel"-Titel, der in Fahndungsfoto-Aufmachung den Spitzenkandidaten der Populisten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, als "gefährlichsten Mann Deutschlands" bezeichnet - eine Krönung, die manch einer übel nehmen könnte, etwa der eine oder andere Serienstraftäter, schlafende IS-Terroristen, russische Saboteure oder, wenn wir politisch bleiben, auch ein gewisser Björn Höcke.

Nein, die größte Gefahr für die AfD ist der Mief der politischen Gewöhnlichkeit: Die selbsterklärten Retter Deutschlands mit dem roten Aufschwungpfeil dürfen auf keinen Fall wie politische Opportunisten und Weichspüler aussehen, als die sie die "Altparteien" tagein tagaus geißeln.

Der Eindruck, es bleibe bei wechselnden Mehrheiten doch alles beim Alten, ist immerhin zum Hauptthema des politischen Theaters geworden, spätestens, seit die Ampel "vorbei" war, aber dann doch nicht "links vorbei" ist, wie der Kanzler es einst versprach.

"Alles oder nichts"

Das wissen die zwei charismatischsten Vertreter der Partei ganz genau. Sie dichten diesen Schwachpunkt ab, wo es nur geht. Ulrich Siegmund fordert "alles oder nichts", also eine absolute Mehrheit. Er will sich nicht vom BSW dulden lassen, auch wenn Sahra Wagenknechts in AfD-Dingen etwas schwimmende Partei das anböte.

Und Höcke? Hat in dieser Woche mit einem leider brillanten Angebot an Wagenknecht für alle sichtbar in die Republik gerufen: Das BSW ist opportunistisch - wir sind es nicht. Gesagt hat er freilich etwas anderes, nämlich dass er die Hand ausstrecke, die AfD könne Wagenknecht zur BSW-Ministerpräsidentin in Thüringen wählen.

Das kling nicht nur konziliant, es wirkt auch patriotisch: "Das Wohl des Landes ist mir wichtiger als ein eigenes Amt!" Die Wahrheit ist: Die AfD wäre als Königsmacher sofort und auf Dauer an der Macht, die wie Höcke und Siegmund charismatische Wagenknecht eine Machtmarionette.

Politische Backpfeife

Dieses Angebot war eines, das das BSW unmöglich annehmen kann. Höckes ausgestreckte Hand holte nur aus für eine politische Backpfeife: Denn nun musste das BSW Farbe bekennen, das Angebot ablehnen zugunsten einer Brombeer-Koalition unter einem angeschlagenen CDU-Ministerpräsidenten.

Das macht das BSW schwach und gewöhnlich - es stürzt Wagenknechtspartei in die Grube mit all den anderen Opportunisten und Weichspülern.

Zwischenzeitlich konnte man lesen, Höcke handle aus Neid auf den populären Ulrich Siegmund. Er schade den Wahlkämpfern in Sachsen-Anhalt, ein Verhalten, das man in AfD-Kreisen soldatisch einem "Kameradenschwein" zuordnet. Manche sagen, Höcke handle unklug, weil das BSW doch zum Zünglein an der Waage für die AfD werden könnte.

Das Land identitär umpflügen

Diese Einschätzungen übersehen, was Höcke und Siegmund im Kern wollen. Die AfD soll eine völkische Wende herbeiführen, das Land identitär umpflügen. Sie wollen ein für die moderne Parteiendemokratie uneinhaltbares Versprechen einlösen: absolute Kompromisslosigkeit.

Deshalb ist es dem sonst eitlen Höcke vermutlich auch schnurz, dass er auf dem amateurhaften Video aussieht, als würde ein Boomer im Hobbykeller einen Youtube-Kanal eröffnen. Er liest erkennbar ab, schaut neben die Kamera, im Hintergrund liegt ein Buch über Merkel und die Tür sieht aus, als säße der Rechtspopulist schon vorsorglich in einem alten Bunker.

Aber Höcke spielt kein Medienspiel, er nimmt den "langen Anlauf", so, wie ein propagandistischer Dokumentarfilm über ihn betitelt ist. Er wirbt für das politische Reinheitsgebot der AfD, indem er dem mit seiner Partei flirtenden BSW ein kompromittierendes Bekenntnis abzwingt. So herrscht Höcke.

Womöglich hat der Thüringer mit diesem 121-Sekunden-Video Ulrich Siegmund das Amt des ersten AfD-Landeschefs gesichert.

Quelle: ntv.de

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