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Flüchtlingstragödie vor Lampedusa "Anfang einer humanitären Katastrophe"

In der Hoffnung auf ein besseres Leben wagen immer mehr Menschen aus den Krisenregionen in Nordafrika die riskante Flucht übers Meer Richtung Europa. Jetzt endete eine der Überfahrten wieder in einer Tragödie. Mindestens 150 Flüchtlinge sind vor der Küste Lampedusa ertrunken. Die EU muss endlich handeln, findet die Presse.

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Ein Überlebender des Unglücks wird von Helfern gestützt.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Fast täglich kommen derzeit neue Boote mit Armuts- und Krisenflüchtlingen in Südeuropa an, vor allem in Italien. Und regelmäßig versinken Elendskähne mit Dutzenden, ja mit Hunderten verzweifelten Menschen, die der Not in der Heimat entfliehen und ein besseres Leben in Europa suchen wollten. Diese Tragödien machen das Mittelmeer zum Massengrab. Die EU muss deshalb den Dauerstreit um eine kontinentale Asyl- und Flüchtlingspolitik beenden und gemeinsam die Herausforderung an ihrer Südflanke annehmen. Denn der Notstand, der sich dort abzeichnet, könnte erst der Anfang einer humanitären Katastrophe sein, für die sich Europa rüsten muss", kommentiert der Kölner Stadt-Anzeiger.

"Die Tragödie vor Lampedusa ist nicht naturgegeben oder schicksalhaft. Sie ist Folge einer Selbstvergessenheit Europas, das sich nur als Wohlstandsfestung sieht, nicht mehr als Wertegemeinschaft und noch nie als Weltmacht." Die Landeszeitung Lüneburg fragt sich, wie verantwortungsvolles Europa handeln müsse: "Ein Europa, das sich als Weltmacht begriffe, würde sich für sein Umfeld interessieren, für stabile Verhältnisse sorgen. Es würde nicht überrascht werden vom Flächenbrand der Revolte. Ein Europa, das sich als Weltmacht und Wertegemeinschaft verstünde, würde die afrikanischen Agrarmärkte nicht mit subventionierter Ware zerschmettern und so für das Elend sorgen, das zur Flucht treibt. Es würde für eine geordnete Zuwanderungsmöglichkeit sorgen, um den Druck aus dem nordafrikanischen Kessel zu nehmen."

"Die EU wird sich gemeinsame Gedanken machen müssen, wie sie langfristig mit Flüchtlingsströmen umgeht", findet auch die Märkische Oderzeitung. "In den vergangenen Jahren waren Lager auf dem nordafrikanischen Festland - allein in Tunesien sitzen immer noch eine Viertelmillion afrikanische Flüchtlinge - ein Teil der Lösung. Das funktioniert jedoch nur in stabilen Staaten, wie die jüngsten Rebellionen in Nordafrika bewiesen haben: Binnen Wochen kamen Zehntausende nach Lampedusa. Wenn Europa den Flüchtlingsstrom langfristig bändigen will, muss es gegen dessen Gründe kämpfen. Da es mit dem Wohlstand so schnell nichts werden wird, ist eine effektive Hilfe zur Stabilität in afrikanischen Staaten der entscheidende Kern. Damit könnten die EU-Staaten das Problem ernsthafter angehen als mit einem lächerlichen Asyl-Zank."

"Europa muss keine Festung werden, aber auch nicht löchrig sein wie Schweizer Käse. Die Außengrenzen müssen bewacht werden. Mit Blick auf Lampedusa muss die Grenzschutzagentur Frontex auch zu einer einheitlichen Küstenwache ausgebaut werden." Damit ist es nach Meinung des Reutlinger General-Anzeigers aber noch nicht getan: "In den Ursprungsländern müssen die professionellen Schleuser gepackt werden, die Flüchtlinge sammeln, sich gut bezahlen lassen - und die Fuhre dann per Boot ins Ungewisse schicken."

Quelle: n-tv.de, zusammengestellt von Katja Sembritzki

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