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Neustart bei der Bahn Das Risiko des Kapitäns

Nach dem Abgang von Hartmut Mehdorn versucht die Bahn einen Neuanfang. Mehrere Topmanager müssen gehen. Der neue Bahnchef Rüdiger Grube kündigt zudem ein Vorstandsressort für Datenschutz und Korruptionsbekämpfung an.

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Rüdiger Grube will sich keine Nachsichtigkeit nachsagen lassen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Grube greift gnadenlos durch, um sich später nicht nachsagen lassen zu müssen, er sei zu nachsichtig gewesen beim Neuanfang", schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Insofern geht er mit der personellen Zäsur auf Nummer Sicher. Tatsächlich tut der Befreiungsschlag jetzt Not, um verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen." Die FAZ ist allerdings skeptisch: Der "neue Kapitän" gehe "ein enormes Risiko ein, wenn er zu viele von denen an Land setzt, die wissen, wie das Schiff zu steuern ist. Die Deutsche Bahn ist längst in schwerer See, von der Wirtschaftskrise voll erfasst. Vor allem in der Logistiksparte sieht es düster aus, die Kurzarbeit wird gerade ausgeweitet. An vielen Stellen drücken die Kapitalkosten. Grube muss sich dringend um das Geschäft kümmern. Seine neuen Mitstreiter muss er deshalb schnell im Boot haben."

Die Frankfurter Neue Presse betont, dass die drei Vorstände Otto Wiesheu, Margret Suckale und Norbert Bensel "eigentlich die Kündigung verdient" hätten. "Dass sie nun ihre Gehaltsansprüche geltend machen können, ist einer gesunden Portion Pragmatismus des neuen Bahnchefs geschuldet, der einen schnellen Schnitt will, um seinen Fokus möglichst bald auf das schwierige Tagesgeschäft richten zu können. Und da benötigt er den Logistik-Manager Bensel zumindest als Berater genauso sehr wie den langjährigen Finanzvorstand Diethelm Sack." Der Mehdorn-Vertraute hatte seinen Abgang angeboten, bleibt nun aber zumindest für die nächsten Monate.

Für das Handelsblatt ist klar, "dass der ehemalige Daimler-Manager in den erst 13 Tagen an der Spitze des Staatskonzerns Deutsche Bahn die Daten- und Spitzelaffäre in dem Unternehmen bitterernst nimmt. Grube hat die Tragweite der jahrelangen heimlichen Untersuchungen wohl weit besser als sein Vorgänger Hartmut Mehdorn verstanden. Dieser hatte stets betont, strafrechtlich sei keinem Eisenbahner etwas vorzuwerfen. Ob das stimmt, muss sich nach Vorlage der Ermittlungsergebnisse noch herausstellen. Auch Staatsanwälte bekommen in dieser Affäre noch Arbeit."

Auch die Südwest-Presse aus Ulm hält Neuanfang als Devise für den einzig richtigen Weg: "Nur mit neuen Köpfen an der Spitze kann der Staatskonzern nach der Datenaffäre das Vertrauen seiner Mitarbeiter und damit ihre Motivation zurückgewinnen. Es reicht nicht, die direkt Verantwortlichen in der zweiten und dritten Etage zu feuern. Einige hoch bezahlte Manager hatten offensichtlich ihre Abteilungen nicht im Griff - und sie sorgten für ein Klima, das die Spitzeleien in einem erschreckenden Ausmaß erst möglich machte."

Die Leipziger Volkszeitung meint, dass Grube nach "der jahrelangen systematischen Bespitzelung der eigenen Mitarbeiter" nichts anderes übrig bleibe, "als im Büßergewand und mit dem Versprechen eines Neuanfangs an die Öffentlichkeit zu gehen. Dass sich der Neue aber ausdrücklich bei allen Mitarbeitern entschuldigt und von moralischer Wiedergutmachung spricht, macht klar: Ihn treibt die Erneuerung der Unternehmenskultur ehrlich um. Grube ist Manager und Diplomat und damit der personifizierte Gegenentwurf zu Mehdorn. Sein Versuch eines Neustarts ist vielversprechend."

Quelle: n-tv.de

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