Pressestimmen

Nein zur Schulreform in Hamburg "Das Volk hat sich gerächt"

Für Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL) ist der klare Ausgang des Hamburger Volksentscheides gegen eine sechsjährige gemeinsame Grundschule "bitter". Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) wertet die Ablehnung der Schulreform in Hamburg als positives Signal für die Bildungspolitik in Deutschland. Und die deutschen Zeitungen? Für sie bleiben die Probleme im deutschen Schulsystem weiter ungelöst.

2s7n4826.jpg7556587830084010738.jpg

Die Wahlbeteiligung lag bei rund 39 Prozent.

(Foto: dpa)

"Bereits jetzt unterscheiden sich die Viertel einer Großstadt in ihrer sozialen Struktur so stark, dass die Postleitzahl der Grundschule, die ein Kind besucht, viel über seine späteren Chancen aussagt", ist in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Daran würde auch eine längere Grundschulzeit nichts ändern: "Eher könnte sie den Trend verstärken, dass bildungsbewusste Bürger mit ihren Kindern auf bessere Stadtteile und auf Privatschulen ausweichen. Das Ziel der Hamburger Schulreform - mehr Chancen für sozial Schwächere - war zwar alle Ehren wert. Fraglich ist jedoch, ob es durch die Primarschule erreicht worden wäre. Die um zwei Jahre verlängerte Grundschule wäre organisatorisch ein Kraftakt gewesen, der viel Energie gebunden hätte". Diese Energie, so das in München herausgegebene Blatt, könne "jetzt in die frühkindliche Bildung, in die Qualität des Unterrichts und die Stabilisierung der neuen Stadtteilschulen fließen."

Die Berliner Zeitung stellt unumwunden fest: "Längeres gemeinsames Lernen setzt eine neue Strategie und ganz andere Kräfte voraus". Dass viele Eltern öffentliche Schulen durch das Abziehen ihrer Kinder schwächen, sei diesen "nicht bewusst oder aber im Interesse der Karriere ihrer Kinder egal. Im Grunde folgen sie damit nur dem egoistischen Gesetz der Gesellschaft." Wenn man wirklich eine Schule für alle wolle, dann müsse "man sie entsprechend ausstatten - im Interesse der schwachen und der starken Schüler. Für die neuen Stadtteilschulen ab Klasse 5 plant die Hamburger Politik mehr Lehrer und Mittel. Vielleicht erringen diese einen besonders guten Ruf. Das wäre der einzige Weg, auch ehrgeizige Eltern für sie zu interessieren."

Für die Märkische Oderzeitung bleibt die bange Frage, was die CDU "geritten hat, in Hamburg bei einem ihrer letzten Markenzeichen - Engagement für ein gegliedertes Schulwesen - auf links-grünen Kurs einzuschwenken. Man kann in dieser Sache gewiss streiten. Es gibt aber weiter gute Argumente gegen allzu lange Grundschulen, die den einen Schüler über- und den anderen unterfordern. Dass Beust - assistiert von Merkels Bundespartei - hier Politik gegen die eigene Basis gemacht hat und darüber nicht mehr diskutieren wollte, war ein schwerer Fehler. Das Volk hat sich gerächt".

Auch die Berliner Morgenpost schlägt einen Bogen zum Rücktritt von Hamburgs Regierungschef Ole von Beust: "Hamburg sollte ein Testlauf sein. Ole von Beust hatte darin auch für sich persönlich eine Perspektive gesehen. Das ist nun vorbei. Mit ihm verlässt der Lotse, der Garant und Stabilisator der schwarz-grünen Rathausallianz das Koalitionsschiff. Für dessen Manövrierfähigkeit ist das schlimm genug. Das große gemeinsame Projekt sollte für dieses Bündnis die Schulreform mit der Einführung der sechsjährigen Grundschule sein. Ole von Beust hatte seinen Verhandlungspartnern von der GAL dieses hoch umstrittene Vorhaben zugestanden, und auch das mit Rückendeckung aus Berlin, ohne seine eigene Parteibasis vorher in dieses Wagnis einzubeziehen. Das war ein schwerer Fehler, und der rächt sich jetzt".

Der Mannheimer Morgen gibt zu Bedenken: "Wer, wie Bildungsministerin Annette Schavan, den Volksentscheid jetzt als generelle Absage an Schulreformen interpretiert, ignoriert vorsätzlich den offensichtlichen Reformdruck im förderalen Schulwesen. Nach wie vor hängt der Bildungserfolg in keinem anderen Industriestaat der Welt so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Hamburg geht dieses Problem an. Das ist ein richtiger, mutiger Schritt. Ob nun mit oder ohne sechsjährige Grundschule."

Das Fazit der Zeitungsgruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung lautet: "Zwei Probleme belasten die Schulpolitik in Deutschland. Man muss jetzt Mittel und Wege finden, damit die Hauptschule nicht zur reinen Einwandererschule verkommt. Außerdem stellt sich besonders auf dem Land die Frage, ob bei Geburtenrückgang und schwindenden Schülerzahlen überhaupt noch alle Schultypen angeboten werden können".

Quelle: ntv.de, Zusammengestellt von Susanne Niedorf