Pressestimmen

Beschleunigte Energiewende "Ein wahres Wunder"

2xat0012.jpg5331042747548265396.jpg

(Foto: dpa)

Kein Zurück beim Atomausstieg: Bund und Länder drücken fünf Wochen nach der Atomkatastrophe von Japan aufs Tempo - und wollen in Rekordzeit bis Mitte Juni das Gesetz für einen schnellen Atomausstieg besiegeln. Bis zum 17. Juni sollen Bundestag und Bundesrat entscheiden, wie viele der 17 Atomkraftwerke endgültig vom Netz müssen und wie lange die übrigen Meiler noch laufen dürfen. Dazu kommt ein Gesetzespaket zum Ausbau der Öko-Energien.

Die Katastrophe von Fukushima scheint in Deutschland "ein wahres Wunder" bewirkt zu haben, konstatiert die Frankfurter Allgemeine: "Ministerpräsidenten von CDU, CSU und SPD treffen sich bei der Bundeskanzlerin zum 'Energiegipfel' - und auf einmal ziehen alle an einem Strang. Aber wieder ist nur ein Atomkonsens dabei herausgekommen, diesmal ohne Einbeziehung der betroffenen Unternehmen. Alle wollten 'schnellstmöglich aussteigen', sagte Frau Merkel. Ein umfassendes Konzept für die Energieversorgung der Zukunft ist freilich nicht so schnell aus dem Hut zu zaubern wie ein gemeinsamer Termin mit Ministerpräsidenten. Grundsätzlich herrschte aber auch über diese Zukunft schon breite Einigkeit: Der Netzausbau muss beschleunigt, die Windkraft auf See und die energetische Sanierung der Wohnungen müssen stärker gefördert werden".

"Selbstverständlich werden in den nächsten Wochen vor allem Zahlen eine Rolle spielen", kündigt die Ludwigsburger Kreiszeitung an. Zur Wahrheit gehöre, "dass noch gar nicht klar ist, wie sich die Kosten entwickeln werden. Weil noch niemand weiß, wie schnell der Atomausstieg gehen soll, wie viele Kraftwerke tatsächlich abgeschaltet bleiben, und auf welche Weise die regenerativen Energien ausgebaut werden sollen". Auf der anderen Seite sei auch noch nicht überschaubar, "welche neuen Chancen sich durch die Energiewende für viele Unternehmen, für die Schaffung neuer Arbeitsplätze ergeben". Die Kanzlerin habe recht, so die Tageszeitung aus Baden-Württemberg: "Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich die Regierung vorgenommen hat. Und zu der die Opposition endlich mit ins Boot gehört".

"Der Umstieg ist nicht umsonst zu haben", stellt auch Der neue Tag fest. Für die Tageszeitung aus der Oberpfalz ist der Widerstand derer, die für neue Energiearten sind, aber sich gegen Windräder und Pumpspeicherwerke wehren, schlichtweg "schizophren". Denn: "Wenn von den Kosten des Umstiegs die Rede ist, darf nicht vergessen werden, dass die Investitionen dafür den deutschen Unternehmen weltweit Wettbewerbsvorteile sichern und damit Arbeitsplätze schaffen. Die Merkel-Mannschaft muss ihre chaotische Energiepolitik beenden und eine verantwortbare Strategie vorlegen. Eine neuerliche Volte in der Atomdebatte würde sie endgültig um die Glaubwürdigkeit bringen".

Für den Tagesspiegel läuft "die ganze Kostendiskussion falsch herum". Gewiss sei es wichtig, was die Energiewende koste und wer sie bezahle. Die bedeutsamere Frage laute aber: "Was ist uns dieser Schritt wert? Was sind wir bereit zu investieren - an Ideen, Selbstvertrauen, am viel beschworenen deutschen Erfinder- und Unternehmermut, auch an Geld -, um diesem Land eine zukunftsfeste Energiestruktur zu geben, die zum Vorbild werden kann? Aus dieser Perspektive schrumpfen Haushaltsfragen rasch zu Tagesproblemen - schwierig, aber lösbar". Wer weitere Entscheidungshilfe brauche, so das in Berlin herausgegebene Blatt, frage die Menschen von Fukushima: "Sie wissen, was der Schritt wert ist".

Die in München herausgegebene Süddeutsche Zeitung schreibt: "Komplexe Entscheidungen müssen getroffen, Bürger beteiligt, zu mancher Investition - zum Beispiel in Haustechnik - und zu manchem Verzicht gebracht werden, und wenn es nur der freie Blick auf den Waldrand ist, der zugunsten einer Stromleitung geopfert werden muss. All das kostet Zeit und Geld und wird nicht mit Brachialgewalt gelingen. Einige Unternehmen haben bereits begriffen, dass sie nicht nur mehr Ingenieure, sondern auch mehr Kommunikationsprofis brauchen werden, wenn Infrastrukturprojekte nicht in Gerichtsakten versinken sollen".

Dass die "schöne neue Energiewelt" auch "Schattenseitenseiten" hat, gibt auch die Nürnberger Zeitung zu Verstehen. Das süddeutsche Blatt verweist darauf, "dass künftig auch dort Windräder rotieren werden, wo sich heute noch Fuchs und Hase gute Nacht sagen; dass kreuz und quer durch die Republik Leitungstrassen geschlagen werden müssen, damit der Ökostrom vom Erzeuger in die Ballungszentren transportiert werden kann. Schon regt sich allenthalben Widerstand gegen den Landschaftsverbrauch, wird gegen die Monstrosität der Rotoren und die Ausdünstungen der Starkstromleitungen zu Felde gezogen. Oft sind es dieselben Leute, die eben noch gegen die Kernkraft protestiert haben".

Quelle: n-tv.de, zusammengestellt von Susanne Niedorf-Schipke

Mehr zum Thema