Pressestimmen

Der Schwarze Peter wohnt in Brüssel Euro als nicht kalkulierbares Risiko

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So empfinden sich die Zyprer, obgleich es die normalen Sparer gar nicht trifft.

(Foto: dpa)

Das Europa der Politik hat ganz offensichtlich nichts mit dem Europa der Bürger zu tun, schreiben die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen. Zypern hätte von Anfang an die Kleinsparer von der Sanierung der Banken ausschließen und damit für Vertrauen sorgen sollen. Doch dass dies nicht geschah, daran trägt auch Deutschland eine Mitschuld. 

Die Rhein-Neckar-Zeitung schreibt: "Wenn die EU es zulässt, dass ein so kleines Mitgliedsland überhaupt keine Anstrengungen unternimmt, um die selbst verschuldete Misere zu beenden, dann werden die größeren Staaten wie Italien oder Spanien dieses Recht auch für sich in Anspruch nehmen. Der Euro wäre dann binnen weniger Monate Vergangenheit, der wirtschaftliche Schaden nicht überschaubar. Es zeigt sich wieder einmal: Ohne EU-Regierung bleibt der Euro ein nicht kalkulierbares Risiko - auch für Deutschland."

Die Nürnberger Nachrichten sehen auch die reichen Länder wie Deutschland in der Klemme: "Den Menschen in Zypern droht mit hoher Wahrscheinlichkeit der Zusammenbruch ihrer Banken, der wirtschaftliche Absturz, Arbeitslosigkeit und Not. Und weil die Europäer die Insel schon aus humanitären Gründen nicht untergehen lassen können, werden die Krisenmanager am Ende doch Steuergelder in die Hand nehmen müssen - also genau das, was sie mit Blick aufs eigene Wahlvolk unbedingt vermeiden wollten."

"In einer einzigen Nacht haben die Finanzminister der Euro-Staaten vermutlich das Vertrauen verspielt, das im Ringen mit der Schuldenkrise in den vergangenen zwölf Monaten gewachsen war und zur Beruhigung der Finanzmärkte geführt hat", schreibt die Südwest Presse und fährt fort: "Denn der rechtsstaatlich bedenkliche Kompromiss mit der Zwangsabgabe für alle Kontoinhaber auf der Insel ist an Volkes Zorn gescheitert. Ohne den Schutz für die Kleinsparer durch eine Untergrenze hätte der Beschluss nie gefasst werden dürfen - ein klarer handwerklicher Fehler auch des deutschen Finanzministers Schäuble und der hinter ihm stehenden Kanzlerin. Auch wenn es hinterher mal wieder keiner gewesen sein will."

Der Südkurier gibt den Zyprern eine erhebliche Mitschuld an der Misere: "Mit dieser Entscheidung steht die Insel erst recht vor dem Fiasko. Für die Folgen müssen die Abgeordneten in Nikosia selber gerade stehen. Es waren zyprische Politiker, nicht die europäischen Finanzminister, die den fatalen Entschluss fällten, auch kleine Sparer zur Kasse bitten, anstatt sich an die prallen Konten auswärtiger Steuerflüchtlinge zu halten. Das hat die Menschen im Lande erbittert, die Stimmung vergiftet und eine Lösung verhindert. Wenn die Euro-Staaten keinen Plan B aus dem Hut zaubern, werden Zyperns Banken wohl Insolvenz anmelden müssen. Dann freilich sind für viele Sparer nicht zehn Prozent des Guthabens verloren, sondern hundert."

Zum Schluss soll die Neue Westfaelische zu Wort kommen, die es nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass die Krise aus reiner Gier entstand: "Der allgemeine Vertrauensschaden aber ist nicht einfach ungeschehen zu machen. Misstrauen hat besonders die Länder erfasst, die auch auf Unterstützung angewiesen sind und sich nun fragen, ob es bei ihnen womöglich auch ans Ersparte geht. Die ersten Reaktionen in Spanien oder Italien deuten nicht auf Panik hin. Es scheint bislang nicht nötig, wie in Zypern die Bankschalter erst mal zu schließen. Ein schleichender Abfluss durch nervöse Anleger ist aber wahrscheinlich. Dem gegenüber steht ein heilsamer Lerneffekt: Wer in Zypern, Portugal oder Island zweieinhalbmal so hohe Zinsen erhält wie bei der Hausbank, bekommt sie nicht umsonst: Er zahlt mit höherem Risiko."

Quelle: ntv.de

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