Pressestimmen

Islamfeindliches Video "Freiheit schlägt um in Hass"

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Demonstranten verbrennen eine in Kabul amerikanische und eine israelische Flagge.

(Foto: AP)

Nach den Freitagsgebeten eskaliert die Empörung über ein islamfeindliches Video. Zehntausende sind auf der Straße. Im Sudan geht die deutsche Botschaft in Flammen auf. Die deutschen Tageszeitungen schätzen die Lage ein.

Die Braunschweiger Zeitung meint: "Das die religiösen Gefühle der Muslime tief verletzende Video eines fanatischen Provokateurs in den USA steht nicht für den Westen. Es wäre in zynischer Wiederholung dieselbe Methode, mit der Fanatiker in westlichen Staaten die Anschläge vom 11. September 2001 mit dem Islam gleichzusetzen versuchten. Es wäre ein Fehler, wenn der Westen sich auf Ergebenheitsadressen kaprizierte. Das Schmäh-Video und die Ausschreitungen können nur ein Grund sein, weiter beharrlich und selbstbewusst auf Freiheit und Toleranz, auf Ausgleich und Gewaltfreiheit zu pochen."

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Der Mannheimer Morgen schreibt: "Wie ein Flächenbrand breitet sich die Gewalt in der Arabischen Welt aus. Erst die Mohammed-Karikaturen, jetzt das primitive Schmähvideo, es läuft immer nach demselben Schema ab: Provokateure entfachen die Wut der Muslime, indem sie mit Absicht ihre religiösen Gefühle verletzen - das Ergebnis ist blinde Gewalt. Dabei hätten auch Christen natürlich Verständnis dafür, wenn Muslime sich friedlich empören und protestieren würden. Denn auch Katholiken und Protestanten nehmen blasphemische Beleidigungen nicht einfach hin, selbst bei Satire versteht mancher keinen Spaß. Das hat die "Titanic" mit ihrem Papst-Titelbild erleben müssen. Nur: Die Christen kämen nie auf die Idee, aus Protest zum Sturm auf das Redaktionsgebäude des Magazins aufzurufen."

Die Stuttgarter Zeitung schreibt: "Zum Glück repräsentieren weder die christlichen Provokateure auf der einen Seite noch die aufgebrachten Muslime auf der anderen Seite im Augenblick eine Mehrheit. Die Demonstranten, die in Kairo, Sanaa, Bengasi oder Khartoum auf die Straße gehen, sind nicht die Menschen, die den arabischen Frühling ermöglicht haben. Tausende demonstrieren, Millionen bleiben daheim. Es ist eine Minderheit, die da gewaltsam ins Rampenlicht drängt, und es ist Aufgabe der Politiker sowie aller vernünftig denkenden Menschen, dafür zu sorgen, dass dies so bleibt.

Die Heilbronner Stimme resümiert: "Es gibt keine Entschuldigung dafür, im Namen einer Religion Menschen zu drangsalieren oder umzubringen. Allerdings gilt das auch für den Kurzfilm, dessen Regisseur es darauf angelegt hat, auf widerwärtige Weise den Islam herabzuwürdigen. Seit Juli steht das Schmähvideo schon im Internet, in dem Mohammed als Barbar, Frauenhasser und Pädophiler dargestellt wird. Erst ein Ausschnitt in einer ägyptischen Talkshow vor wenigen Tagen hat nun dazu geführt, dass sich nun von Kairo bis Khartum Menschen zu einem wütenden Mob zusammenrotten. Ein merkwürdiger Zufall - kurz nach dem Gedenken an die Anschläge vom 11. September."

Der Kommentator der Rhein-Zeitung erklärt: "Die Botschaft der Rädelsführer ist nur allzu deutlich: Rund um den 11. September wollen radikale Islamisten einmal mehr aufwiegeln, Hass säen, Fronten verhärten und in ihren eigenen Ländern, von denen manche erst vor kurzem mutig den Aufbruch in eine möglicherweise demokratische Zukunft wagten, Fortschritt verhindern und spalten. In den Ländern der arabischen Welt sind viele Menschen zutiefst verängstigt über ihre Zukunft. Feindbilder zu befördern, fällt hier besonders leicht. Eine Rechtfertigung für Morde an Diplomaten ist auch dies nicht. Aber man kann davon ausgehen, dass die Bilder von brennenden US-Flaggen bewusst inszeniert sind. Es geht um starke Symbole, es ist wieder einmal auch ein Krieg der Bilder."

Und die Neue Presse sieht eine ganze Bewegung beendet: "Dem "Arabischen Frühling" folgte leider kein Sommer, es ging direkt mit Herbst weiter. Die Euphorie, die Herrscher gestürzt zu haben, ist verflogen, weil die sozialen Probleme vorerst geblieben sind - und in der Verzweiflung finden islamistische Einflüsterer mit ihren einfachen Lösungen einen fruchtbaren Boden. Denn wenn den Menschen alle Perspektiven fehlen, bleibt nur noch die Religion als Identität - und dann geht schnell jedes Maß verloren."

Die Badischen Neuesten Nachrichten sehen das ähnlich: "Anstatt zu differenzieren, setzt die aufgebrachte Menge in der arabischen Welt das Video und die amerikanische Politik gleich. Die neu gewonnene Freiheit schlägt um in blinden Hass. Die Fundamentalisten in den jeweiligen arabischen Ländern schüren das Feuer, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Mit anti-amerikanischer Stimmungsmache lässt sich bestens von eigenen, hausgemachten Problemen ablenken. Al Qaida reibt sich die Hände. Für Terror-Nachwuchs ist bestens gesorgt."

Schließlich prophezeit die Frankfurter Neue Presse: "Leider kann in Zeiten des Internets niemand verhindern, dass sich beleidigende Pamphlete verbreiten, und Radikale sie zum Anlass für Gewalt nehmen. Provokateure gibt es auf beiden Seiten. Es wird also wahrscheinlich nicht die letzte Aufwallung in der islamischen Welt sein. Leider."

Quelle: ntv.de, Zusammengestellt von Thomas E. Schmitt

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