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Jetzt nicht im Erfolg sonnen Nobelpreisvergabe spornt an

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(Foto: REUTERS)

Die 500 Millionen Bürger geehrt polarisiert. Oslo begründet die Entscheidung damit, dass die Europäische Union über sechs Jahrzehnte entscheidend zur friedlichen Entwicklung in Europa beigetragen habe. Die Freude in Brüssel ist groß, aber schon tauchen Nörgler auf. Auch wenn viele den Kopf schütteln, die Kommentatoren der Tageszeitungen jubeln einhellig.

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(Foto: dpa)

"Nun dürfen wir uns also alle als Träger des Friedensnobelpreises fühlen, sofern wir uns als gute Europäer empfinden", schreibt die Leipziger Volkszeitung. "Wenn das Nobelkomitee mit der Verleihung des Preises zum jetzigen Zeitpunkt eine Botschaft verbinden wollte, dann kann es nur diese sein: Ihr Europäer in den Mitgliedsstaaten und in den Staaten auf der Anwärterliste, ihr dürft nicht nachlassen mit dem großen Einigungswerk. Auch nicht unter dem Eindruck einer schweren Krise. Dass es sich um eine Krise handelt, in der Europa im Dezember den Preis entgegennehmen darf, lässt sich nicht leugnen. Die Rettung des Euro ist mehr als eine Bewährungsprobe."

Einen "Signalcharakter" der Entscheidung macht auch der Tagesspiegel aus und schreibt: "Nobelpreise für Frieden dürfen, ja müssen, auf einen maximalen Zustimmungsgrad in der demokratischen Welt ebenso setzen, wie bei denen, die sich nach einer solchen Welt sehnen. Düpieren, provozieren dürfen sie Diktaturen, Tyrannen, Oligarchien oder Kleptokratien. Auch ihnen allen gilt der Signalcharakter des diesjährigen Nobelpreises. Sein Appell-Anteil allerdings richtet sich nach innen, an uns, die Preisträger: Behaltet zusammen, was ihr zusammengefügt habt, haltet zusammen, wo Fliehkräfte drohen. Geeint, heißt das, und nur geeint, behält Europas Union die Stärke, die staunenswert andauernden Frieden produziert hat."

"Die Ehrung drückt Anerkennung aus, sie soll aber auch mahnen und ermutigen", meint der Kommentator der Stuttgarter Zeitung. "Denn sie erreicht die Union im Moment ihrer bisher größten Krise. Der deutsche Altkanzler Helmut Kohl hat kürzlich gewarnt: 'Europa bleibt eine Frage von Krieg und Frieden. Die bösen Geister der Vergangenheit sind keineswegs gebannt, sie können immer wieder zurückkommen.' Die Mitgliedstaaten müssen ihre ökonomischen und fiskalischen Probleme in den Griff bekommen, wenn die Union weiterhin friedensstiftend wirken soll. Die Gemeinschaft muss ihre innere Zerrissenheit überwinden, ihre Institutionen reformieren und ihre Vision erneuern, wenn sie nicht zerfallen soll."

"Wer bekommt eigentlich den Preis?" fragt die Welt. "Herr Barroso? Frau Merkel (verspätet an Helmut Kohls statt)? Das Europäische Parlament und der schneidige Herr Schulz? Die Kommission, 'Brüssel', posthum die Gründungsväter von Altiero Spinelli bis Jean Monnet? Europas Staaten und Völker, am Ende gar wir alle? Ja, das wird es sein: Wir sind Nobelpreis! Eine schöne, erhebende Entscheidung. Aber auch eine, die im Ungefähren verbleibt. Die EU gäbe es ohne seine Bürger so wenig wie ohne seine Macher. Was hat der Krieg, was hat das Volk, was haben Politiker, was haben die neuen europäischen Institutionen zu dem Friedenswerk beigetragen? Dazu schweigt die Entscheidung."

Die Berliner Zeitung feiert den Preis stellt aber zugleich zu bedenken, dass Arbeit noch lange getan sei: "Von Werten wie Frieden und Demokratie sprach das Nobel-Komitee in seiner Begründung. Das Friedensprojekt Europa ist weitgehend vollendet. Bleibt, die Demokratie voranzubringen. Das bedeutet: mehr Rechte für das Europäische Parlament und stärkere politische Zusammenarbeit der Staaten. Der Preis ist nicht nur eine Anerkennung, er ist auch Ermutigung, das Werk Europa voranzubringen."

Dass die Auszeichnung zum rechten Moment kommt, erfreut den Kommentator der Westfälischen Nachrichten, er schreibt: "Der Nobelpreis ruft einer EU, die um den Euro kämpft und um immer neue Milliarden streitet, in Erinnerung, dass die Union mehr ist als Rettungsaktionen. Die EU und ihre Vorläufer sind trotz aller Probleme ein Segen für den Kontinent. In Brüssel entscheidet nicht nur eine Mammutbürokratie über den Krümmungsgrad von Gurken, dort werden regelmäßig Konflikte beigelegt, die noch vor Jahrzehnten zu blutigen Kriegen geführt hätten. (...) Der Nobelpreis ruft mitten im Euro-Wirbel das Ziel vor Augen: ein Kontinent des Friedens, der Freiheit, der Menschenrechte, der Chancengleichheit - kurz der gemeinsamen christlich-jüdischen Werte. Wer dieses Ziel - und das Erreichte - nicht vergisst, der wird auch alle Eurokrisen meistern."

Der Bonner General-Anzeiger kommentiert wie folgt: "Nun könnte man meinen, der Friedensnobelpreis für die EU komme zu spät. Gewürdigt würden Selbstverständlichkeiten, die gerade jetzt, im Zuge der Eurokrise, infrage gestellt würden. Anders herum wird ein Schuh daraus: Der Friedensnobelpreis kommt gerade recht. Er erinnert daran, dass dieses Europa immer mehr war als ein wirtschaftliches Wohlstandsprojekt."

Zum Abschluss die Rhein-Zeitung, dessen Kommentator blickt kritisch auf die Vergabe des Friedensnobelpreises an die EU: "Auch wenn niemand ernsthaft bestreiten will, dass die Union seit ihren Anfängen in den 1950er-Jahren, basierend auf der deutsch-französischen Aussöhnung, ein Garant für den Frieden in einem durch zwei Weltkriege zerrütteten und verfeindeten Kontinent war und ist: Die Preisvergabe an eine Organisation oder Institution funktioniert eher, wenn dahinter Menschen stehen, die eine Idee leben, in die Tat umsetzen und damit im Sinne des Preisstifters Friedensarbeit leisten. Die Auszeichnungen für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen oder die Organisation 'Ärzte ohne Grenzen' sind vor diesem Hintergrund sicher nachvollziehbarer als die aktuelle Entscheidung."

Zusammengestellt von Peter Richter

Quelle: n-tv.de

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