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Presseschau zum AKK-Rückzieher "Strategie ist in der CDU nicht in Sicht"

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Annegret Kramp-Karrenbauer zieht sich zurück - manch Kommentator zollt ihr dafür "Respekt!".

(Foto: dpa)

Annegret Kramp-Karrenbauers angekündigter Rückzug von CDU-Spitze und Kanzlerkandidatur wird in der deutschen Presselandschaft mitunter als respekteinflößende Entscheidung beurteilt. Doch angesichts der drohenden Debatte um die künftige Ausrichtung der Partei, wird es manchem Kommentator bange.

"Respekt!" bekundet der Bremer "Weser Kurier" der scheidenden CDU-Chefin. "Der angekündigte Rückzug von Annegret Kramp-Karrenbauer ist konsequent. AKK ist ein Stück weit aber eine tragische Heldin, die auch an sich selbst gescheitert ist. Das Politdrama bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen hatte gezeigt, dass sie die Partei nicht mehr im Griff hat. Sie ließ sich vom CDU-Landesverband vorführen, konnte ihren Kurs einer klaren Abgrenzung von der AfD nicht durchsetzen."

Die "Freie Presse" aus Chemnitz befürchtet, dass die "jetzt einsetzende Führungsdebatte in der CDU", die "Regierungsarbeit auf Monate hinaus lähmen" werde. "Eine gesamtgesellschaftliche Strategie ist in der CDU nicht in Sicht. Früher wurde die CDU von vielen als die 'natürliche Regierungspartei' verstanden, die für Stabilität stand und irgendwie die Mitte repräsentierte. Davon ist die CDU jetzt weit entfernt. Wer aber soll die Fliehkräfte unserer Gesellschaft bändigen, wenn nicht eine starke und kreative Mitte? Kramp-Karrenbauer hat mal gesagt, bei Führung komme es mehr auf die innere Stärke als auf die äußere Lautstärke an. Sie hatte diese Stärke nicht."

Kramp-Karrenbauer sei "vor allem an ihren eigenen Fehlern und ihrer schwindenden Autorität gescheitert", ist man bei der "Hannoverschen Allgemeine Zeitung" überzeugt. "Sie trägt als Vorsitzende der CDU die höchste politische Verantwortung dafür, dass in Thüringen ein Ministerpräsident mit den Stimmen von CDU und AfD ins Amt gewählt werden und die AfD über einen ihrer radikalsten Landesverbände mehr Einfluss in Deutschland gewinnen konnte. Das ist ein erheblicher Vorgang. Er musste Konsequenzen haben. Dass Kramp-Karrenbauer diesen Weg nun auch beschritten hat, verdient Hochachtung. Eine eindeutige Nachfolgelösung hat die Partei nicht zu bieten. Auf Kramp-Karrenbauer könnte eine weitere Übergangslösung folgen."

Eine negative Außenwirkung dieser Vorgänge in der deutschen Politik befürchtet die Magdeburger "Volksstimme": "Die Welt muss sich Sorgen um Deutschland machen. Das ist neu. Die Bundesrepublik gilt als stabile Führungsmacht in der Europäischen Union. Ein Land, das seit der Wiedervereinigung keine grundlegenden politischen Umbrüche kennt, egal was ringsum geschieht. (...) Doch die Merkel-Partei CDU, die dominierende im Lande, wird nun noch genauer als bisher verfolgt werden. Vor allem für die EU wäre ein Deutschland, das mit inneren Machtkämpfen beschäftigt ist und womöglich ins rechtspopulistische Lager abgleitet, eine schwere Hypothek. Der Brexit ist nur formal vollzogen, das dicke Ende droht, wenn kein Handelsvertrag zwischen Briten und Europäern zustande kommen sollte. Ab Juli übernimmt Berlin zudem die EU-Ratspräsidentschaft. Wer selbst schlingert, kann anderen keine Orientierung geben."

"Ob AKKs Nachfolger Merz, Laschet oder Spahn heißen wird, ist zweitrangig", findet die "Pforzheimer Zeitung". Die wichtigste Aufgabe der CDU in dieser Situation sei nun, sich klar zu machen, "in welche Richtung sie marschieren will". "Findet sich ein Weg, auf dem vielleicht nicht alle, aber immerhin die meisten CDU-Mitglieder mitgehen können, ohne in eine Identitätskrise zu verfallen? Das herauszufinden wird kompliziert, mitunter auch schmerzhaft werden. Und das wiederum bedeutet, dass sich nun gleich beide GroKo-Parteien monatelang mit ihrer Selbstfindung beschäftigen. Deshalb ist gestern nicht nur das Ende der kurzen Kramp-Karrenbauer-Phase, sondern auch das der Großen Koalition näher gerückt. Und das Ende der Ära Merkel. Die Rufe, wonach Kanzleramt und Parteivorsitz in eine Hand gehören, sind laut wie nie. Das Experiment mit der Doppelspitze ist gescheitert. Es war Merkels Experiment."

Für die "Schwäbische Zeitung" aus Ravensburg ist jetzt Eile geboten: "Dass erst Anfang Dezember ein Bundesparteitag in Stuttgart über die Parteispitze entscheidet, mag der Wunsch von Kramp-Karrenbauer sein, realistisch ist das aber nicht. Denn die CDU muss sich schnell darüber klar werden, was sie wem zutraut. Und für was diese Person dann steht, hinter die sich die verschiedenen Parteiflügel in einer Vorwahlkampfzeit geschlossen stellen müssen. Ganz konkret: Soll die CDU Wähler von der AfD oder den Grünen zurückgewinnen, um bundesweit die bestimmende Partei zu bleiben? Beides wird gleichzeitig nicht funktionieren."

Quelle: ntv.de, kst/dpa/AFP